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Arktis: Meereis schrumpft auf zweitniedrigsten Wert

Eisfläche sinkt zum zweiten Mal unter vier Millionen Quadratkilometer

Meereis
Das arktische Meereis ist in diesem Jahr besonders stark getaut. © AIfred-Wegener-Institut/ Stefan Hendricks, CC-by 4.0

Keine Besserung: Das arktische Meereis ist in diesem Jahr besonders stark geschrumpft – auf den zweitkleinsten Wert seit Beginn der Satellitenmessungen. Erstmals seit 2012 sank die Meereisfläche wieder unter vier Millionen Quadratkilometer. Ursachen dafür sind ein schon im Frühjahr eher dünner Eisnachschub, sowie ein anomal warmer Sommer. Er ließ das Eis von oben und von unten besonders stark abtauen, wie die Forscher berichten.

Der Trend ist nicht mehr zu übersehen: Weil sich die Arktis starker erwärmt als der Rest des Planeten, schwindet auch das arktische Meereis immer mehr. Eisforscher beobachten, dass die Eisbedeckung zunehmend saisonaler wird und inzwischen auch das dickere, eigentlich stabilere Meereis taut. Gleichzeitig wird weniger neues Eis nachgebildet – der Nachschub bleibt aus. Prognosen zufolge könnte der Nordpol noch vor 2050 im Sommer eisfrei sein.

Dass es auch 2020 nicht gut um das Meereis steht, kündigte sich schon im Juli 2020 an: Damals war die Eisfläche bereits so stark geschrumpft, wie noch nie zu dieser Zeit – ein neuer Negativrekord. Das jährliche Minimum des arktischen Meereises wird jedoch in jedem Jahr erst Mitte bis Ende September erreicht.

Meereisfläche
Tägliche Meereisausdehnung in der Arktis bis zum 15. September 2020 (rot). © meereisportal.de

Zweitniedrigster je gemessener Wert

Jetzt belegen aktuelle Messungen: Zum zweiten Mal in der 42-jährigen Geschichte der satellitenbasierten Meereisbeobachtung ist das arktische Meereis auf eine Restfläche von weniger als vier Millionen Quadratkilometer geschrumpft. Die Eisfläche umfasste Ende der zweiten Septemberwoche nur noch 3,80 Millionen Quadratkilometer. Allein im Laufe dieses Monats hat die Eisfläche um etwa 1,85 Millionen Quadratkilometer abgenommen, was der fünffachen Fläche Deutschlands entspricht.

Ob der aktuelle Wert noch unterschritten wird, ist unklar. Denn das sommerliche Meereisminimum wird erfahrungsgemäß Mitte September erreicht, manchmal aber auch erst in der zweiten Monatshälfte, wie Forscher des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) in Bremerhaven erklären. Noch weniger Eis als jetzt gab es nur im Negativrekordjahr 2012. Damals lag das September-Meereisminimum noch einmal rund 0,5 Millionen Quadratkilometer niedriger.

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„Acht der zehn niedrigsten Eisausdehnungen sind seit 2010 aufgetreten“, sagt Gunnar Spreen von der Universität Bremen. „Die globale Klimaerwärmung zeigt sich in der Arktis besonders stark mit Auswirkungen auf das gesamte Klima- und Ökosystem dort.“

Zu dünnes Wintereis und anomal heißer Sommer

Der starke Eisverlust in diesem Sommer hat vor allem zwei Ursachen, wie die Wissenschaftler erklären. Zum einen wurde im letzten Winter überwiegend dünnes Meereis in den russischen Randmeeren gebildet. Beständig wehende ablandige Winde trieben die Eisschollen nach Norden, bevor sie weiter heranwachsen konnten. Infolgedessen blieb die Eisdecke der Laptewsee, Karasee und Ostsibirischen See vergleichsweise dünn und brach bereits im Monat März wieder auf – früher als jemals zuvor.

Zum anderen hat die Arktis in diesem Sommer mehrere Wärmerekorde erlebt. Im Mai und Juni verharrte eine große Warmluftzelle über der sibirischen Küste, durch die die Lufttemperatur auf bis zu sechs Grad Celsius über das Langzeitmittel stieg. „Die russische Arktis hatte im Juni dieses Jahres dadurch rund eine Million Quadratkilometer weniger Meereis als in den sieben Jahren zuvor“, sagt Christian Haas vom AWI.

Im Juli wanderte eine weitere Wärmezelle in die zentrale Arktis und verursachte auch dort anomal hohe Temperaturen. „Wir gehen davon aus, dass es bedingt durch das stabile Hochdruckgebiet über der zentralen Arktis im Juli und August deutlich mehr wolkenlose Tage gab“, erklärt Haas‘ Kollegin Monica Ionita vom AWI. Im Juli 2020 fegte zudem ein Sturm über den kanadischen Sektor des Arktischen Ozeans und verteilte das dort treibende Meereis großflächig. Viele der Schollen schmolzen anschließend innerhalb kurzer Zeit.

„Angriff“ auch von unten

Ein weiterer Faktor für den Schwund des Meereises ist die zunehmende Wärme von unten. Wie Studien belegen, hat sich der Wärmeaustausch im Arktischen Ozean verändert. Warme Wassermassen, die bisher in Tiefen von etwa 150 Metern zirkulierten, steigen inzwischen bis zur Meeresoberfläche auf. Diese Wärme aus der Tiefe kann dann selbst im Winter das Eis von unten schmelzen oder aber sein Wachstum verlangsamen.

Hinzu kommt: Weil in diesem Jahr die Meereisdecke vielerorts schon früh im Jahr verschwand, konnte die dunkle Meeresoberfläche länger als sonst Sonnenenergie absorbieren – und erwärmte sich entsprechend stark. Die Meeresoberflächentemperatur in den russischen Randmeeren sowie in der Barentssee und der Tschuktschensee lag um bis zu 4,5 Grad über dem Langzeitmittel, wie die Forscher berichten.

Arktis-Expedition als Augenzeuge

Augenzeugen der rapiden Eisschmelze wurde in diesem Sommer die Wissenschaftler der MOSAiC-Expedition. An Bord ihres Forschungseisbrechers Polarstern und auf der umgebenden Eisscholle bekamen sie die Veränderungen hautnah mit. „Das Meereis der Arktis hat sich in diesem Jahr atemberaubend weit zurückgezogen“, sagt Expeditionsleiter Markus Rex vom AWI. „Als wir den Nordpol kürzlich erreicht haben, sahen wir weite Bereiche offenen Wassers fast bis zum Pol, umgeben von Eis, welches durch massives Schmelzen völlig durchlöchert war.“

Quelle: Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, Universität Bremen

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