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Archäologie: Haiangriff mit tödlichem Ausgang

3.000 Jahre alter Toter ist ältestes Zeugnis eines Haiangriffs auf einen Menschen

Gebeine
Dieser vor 3.000 Jahren in Japan gestorbene Mann starb bei einem tödlichen Haiangriff. © Kyoto University

Tödliche Attacke: Vor 3.000 Jahren fand an der japanischen Küste ein dramatischer Kampf zwischen Mensch und Hai statt – mit tödlichem Ausgang für den Menschen. Die jetzt untersuchten Gebeine des Toten sind das älteste Zeugnis einer solchen Haiattacke. Seine Knochen tragen fast 800 Bissspuren, darunter klassische Abwehrverletzungen, die belegen, dass der Mann um sein Leben kämpfte. Vermutlich war sein Gegner ein Weißer Hai oder ein Tigerhai, wie die Forscher berichten.

Auch wenn Filme wie „Der Weiße Hai“ dies nahelegen: Angriffe von Haien auf Menschen sind eher die Ausnahme. Weltweit werden pro Jahr zwischen 50 und 100 solcher Fälle registriert, weniger als zehn davon enden im Schnitt tödlich. Meist kommt es zu solchen Zwischenfällen, weil der Hai schwimmende Menschen oder Surfer auf ihrem Brett mit seiner normalen Beute verwechselt: Die paddelnden Bewegungen erinnern an die von Seerobben.

790 Verletzungen an einem Toten

Das könnte auch dem Mann zum Verhängnis geworden sein, von dem nun Alyssa White von der University of Oxford und ihre Kollegen berichten. Sie hatten im Rahmen einer Studie die Todesursachen von Angehörigen früher Jäger-und-Sammler-Gruppen untersucht, die einst am Seto-Binnenmeer Japans lebten. Dabei stießen sie auf die 3.000 Jahre alten Gebeine eines Mannes, der auffallend viele schwere Verletzungen trug.

„Wir waren verblüfft und haben uns gefragt, was diese mindestens 790 tiefen, schweren Verletzungen bei diesem Mann verursacht haben konnte“, sagt White. Unter den Wunden waren tief in den Knochen eingekerbte Schrammen, Einstiche und Schnitte, die sich teilweise überlappten. Auch von starker Krafteinwirkung verursachte Knochenbrüche beobachteten die Archäologen. Die linke Hand und das rechte Bein waren sogar komplett abgetrennt.

Tödlicher Angriff, verzweifelte Abwehr

Was aber hatte diesen Mann so übel zugerichtet? Um einen besseren Überblick zu gewinnen, erstellten die Archäologen anhand der Funde eine 3D-Rekonstruktion des Toten samt aller Verletzungen. Aus der Verteilung der Verletzungen und den morphologischen Details der Wunden schließen sie, dass der Mann beim Angriff noch lebte – und sich heftig wehrte. „Die Verletzungen waren weitgehend auf die Arme, Beine und die Vorderseite von Brust und Unterleib beschränkt“, berichtet White. Das passe zu typischen Abwehrverletzungen.

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Doch wer war der Angreifer? „Durch einen Prozess der Eliminierung haben wir menschliche Konflikte und die gängigeren Raubtiere oder Aasfresser ausgeschlossen“, so das Team. Angesichts der Tatsache, dass der Mann an der Küste lebte und zu einem Volk von Fischern gehörte, richtete sich ihr Blick dann auf das Meer und marine Prädatoren: Könnte der Mann Opfer eines Haiangriffs geworden sein? Auf der Suche nach einer Antwort wandten sich White und ihre Kollegen an den Hai-Forscher George Burgess von der University of Florida in Gainesville.

WEißer Hai
Er könnte der „Täter“ gewesen sein: der Weiße Hai. © vladoskan/ thinkstock

Weißer Hai oder Tigerhai als Angreifer

Vergleiche mit typischen Bisspuren von Haien bestätigten: Der vor 3.000 Jahren gestorbene Japaner war das Opfer eines Haiangriffs. Auf Basis der Bissspuren kommen zwei Haiarten als wahrscheinlichste „Täter“ in Betracht: Ein Kandidat wäre der Weiße Hai (Carcharodon carcharias), der auch heute für viele Haiangriffe verantwortlich ist und nahezu weltweit vorkommt. Der zweite ist der ebenfalls in japanischen Gewässern vorkommende Tigerhai (Galeocerdo cuvier).

„Der Mann könnte zum Zeitpunkt der Attacke beim Fischfang gewesen sein und wurde dann schwer verletzt oder schon tot von seinen Begleitern zurück an Land gebracht“, mutmaßt das Forschungsteam. „Es nicht klar, ob der Hai durch das Blut oder die Köder der anderen Fische angelockt wurde oder ob der Fischer gezielt auf Haijagd war“, ergänzt Koautor Mark Hudson vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena.

Ältestes Hai-Opfer der Menschheit

Klar ist dagegen: Der Tote von der Küste des Seto-Binnenmeeres ist damit das älteste bekannte Hai-Opfer der Menschheit. Archäologische Zeugnisse solcher Attacken sind extrem rar und der bisher früheste Beleg für ein solches Ereignis stammt aus der Zeit um das Jahr 1000. Der in Japan zwischen 1370 und 1010 vor Christus bestattete Fischer starb noch einmal gut 2.000 Jahre früher.

„Dieser Fund gibt uns nicht nur eine neuen Einblick in das alte Japan, er ist auch ein seltenes Beispiel dafür, wie Archäologen dramatische Ereignisse im Leben einer prähistorischen Gemeinschaft rekonstruieren können“, sagt Hudson. (Journal of Archeological Science: Reports, 2021; doi: 10.1016/j.jasrep.2021.103065)

Quelle: University of Oxford

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