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Alpen: Fast eisfrei noch vor 6.000 Jahren

Erst zu Ötzis Zeiten wuchsen die Gipfelgletscher der Ostalpen erneut

Weißseespitze
Vor mehr als 5.900 Jahren waren selbst hohe Gipfel der Ostalpen wie hier die Weißseespitze, eisfrei. Erst zu Ötzis Zeiten begann wieder die Vergletscherung. © Andrea Fischer

Alpen ohne Gipfelgletscher: Als der „Eismann“ Ötzi seine Wanderung durch die Alpen antrat, gab es dort weniger Eis und Gletscher als heute. Denn bis vor 5.900 Jahren waren die Gipfel der Ostalpen eisfrei, wie nun Eisbohrkern-Analysen nahelegen. Erst dann begann eine kühlere Phase, die zu einer rapiden Vergletscherung der Gipfel führte – und die auch den Körper des auf dem 3.200 Meter hohen Tisenjoch gestorbenen Ötzi konservierte.

Heute sind die Gipfelgletscher der Alpen auf dem Rückzug. Prognosen zufolge könnte das Gebirge durch die globale Erwärmung vielleicht sogar in wenigen Jahrzehnten eisfrei werden. Doch um die Reaktion der Gebirgsgletscher besser einschätzen zu können, wäre es hilfreich zu wissen, wie sie auf vergangene Wärmeperioden reagiert haben. Bisher ist beispielsweise unklar, ob die Alpen seit der Eiszeit schon einmal eine vergleichbare Gletscherschmelze erlebt haben.

Gipfel unweit von Ötzis Todesstelle als Probenort

Doch in den Alpen gibt es nur wenige Gletscher und Eisfelder, deren Eisschichten weit genug in die Vergangenheit reichen. Vor allem in den Ostalpen sind die meisten Gipfel nicht hoch genug oder die Gletscher bereits zu angegriffen und verändert. Jetzt haben Pascal Bohleber von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und seine Kollegen aber doch noch einen geeigneten Probenort gefunden: den Gipfelgletscher der 3.518 Meter hohen Weißseespitze.

Das Spannende daran: Dieser Gipfel liegt nur zwölf Kilometer von dem Ort entfernt, an dem die berühmte Gletschermumie „Ötzi“ gefunden wurde – der rund 5.300 Jahre im Eis konservierte Körper eines Mannes aus der Kupferzeit. Der Blick in die Klimavergangenheit kann daher auch mehr darüber verraten, unter welchen Bedingungen Ötzi seine Wanderung über das Tisenjoch unternahm. Für ihre Studie führten die Forscher eine Eisbohrung durch den Gipfelgletscher bis zum Felsgrund durch und datierten das Eis mithilfe der Radiokarbondatierung.

Eisfrei bis vor 5.900 Jahren

Das Ergebnis: Das älteste Eis auf diesem Berggipfel stammt aus der Zeit vor rund 5.900 Jahren. Davor jedoch müssen selbst die Gipfel der Ostalpen zumindest zeitweise zu warm für eine dauerhafte Vergletscherung gewesen sein. „Unsere neuesten Eiskernbohrungen legen nahe, dass damals auch hochgelegene Gipfel in den Ostalpen eisfrei waren“, sagt Bohleber. Er und sein Team vermuten, dass diese eisfreie Phase der Ostalpen mit dem Holozän-Klimaoptimum vor gut 6.000 Jahren zusammenfiel.

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Gletscherentwicklung
Aus Eisbohrkernen verschiedener Alpengipfel rekonstruierte Gletscherentwicklung in den Alpen. © Bohleber et al. / Scientific Reports, CC-by-sa 4.0

In dieser Zeit war es in einigen Teilen Europas und weltweit wärmer als zuvor und archäologische Funde belegen, dass der Mensch damals auch in die höheren Lagen der Gebirge vordrang. „Nur die höchsten Alpenlagen sind das gesamte Holozän hindurch eisbedeckt geblieben“, berichten die Wissenschaftler. „Die Gipfel zwischen 3.000 und 4.000 Meter Höhe waren dagegen im mittleren Holozän vermutlich eisfrei oder hatten nur noch Gletscherreste.“

Ötzis Bergpass war vermutlich noch eisfrei

Was aber bedeutet dies für das Klima zu Ötzis Zeiten? „Ötzi hat vor etwa 5.300 Jahren gelebt. Die Eiskerne deuten darauf hin, dass sich das Klima zu dieser Zeit verändert hat“, sagt Bohleber. „Es wurde kühler und die Gletscher wuchsen wieder an. Das hieß für die Menschen damals, dass die Überquerung der Alpen wahrscheinlich gefährlicher wurde.“

Die Forscher vermuten, dass zu Ötzis Lebzeiten zwar die Weißseespitze schon wieder begonnen hatte, einen Gipfelgletscher zu bilden. Aber das mit 3.210 Meter etwas tiefer gelegenen Tisenjoch – der Bergpass, über den Ötzi damals wanderte – war damals wahrscheinlich zeitweise noch eisfrei. Ob Ötzis Körper bei einem Wetterumschwung im Eis eingeschlossen und konserviert wurde oder ob er doch schon im Eis starb, ist jedoch unklar.

Was heißt das für die Zukunft?

Die neuen Ergebnisse könnten nun auch dabei helfen, die künftige Entwicklung der Alpengletscher besser einzuschätzen. Sie stützen beispielsweise die Annahme, dass die Eisflächen unterhalb von 4.000 Meter Höhe in den Ostalpen deutlich sensibler reagieren als die höheren Gipfelgletscher der Westalpen.

Gleichzeitig jedoch schmelzen den Wissenschaftlern ihre eisigen Klimaarchive buchstäblich unter den Füßen weg: „Die Geschwindigkeit, mit der die Gletscher derzeit zurückgehen, ist dramatisch „, sagt Bohleber. „Der Gipfelgletscher der Weißseespitze, der sich über fast 6.000 Jahre hinweg akkumuliert hat, könnte innerhalb der nächsten beiden Jahrzehnte verschwinden.“ (Scientific Reports, 2020; doi: 10.1038/s41598-020-77518-9)

Quelle: Österreichische Akademie der Wissenschaften

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