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Obsidian-Artefakte verblüffen Archäologen

9.000 Jahre alte Steinklingen wurden über 4.000 Kilometer Entfernung weitergegeben

Obsidian-Klingen
Diese beiden Steinklingen aus Obsidian sind 9.000 Jahre alt und wurden damals über 4.000 Kilometer hinweg quer durch Nordamerika transportiert. © O'Shea et al./ PLoS ONE, CC-by-sa 4.0

Überraschender Ferntransport: Im Lake Huron haben Archäologen die ältesten und am weitesten transportierten Obsidian-Artefakte Nordamerikas entdeckt. Die beiden Steinklingen wurden vor rund 9.000 Jahren hergestellt und dann offenbar mehr als 4.000 Kilometer weit vom Nordwesten der USA bis an die Großen Seen gebracht. Dies belegt, dass es schon zu jener Zeit erstaunlich weitreichende Fernbeziehungen unter den amerikanische Ureinwohnern gab.

Ob Mayas, Azteken oder die frühen Jäger und Sammler Nordamerikas: Für viele Kulturen der Neuen Welt war Obsidian einer der wichtigsten und wertvollsten Werkstoffe. Das dunkle, vulkanische Glas hat nicht nur einen besonderen Glanz, es ist auch hart und bildet extrem scharfe Kanten, wodurch es perfekt für Klingen und Beile aller Art geeignet ist. Der begehrte Rohstoff ist allerdings nicht überall verfügbar: In Nordamerika findet sich Obsidian vor allem im vulkanisch geprägten Nordwesten sowie in einigen Gebieten Arizonas und New Mexicos.

TAuchgang
Probennahme am Grund des Lake Huron. © University of Texas at Arlington

Vom einst trockenen Seegrund geborgen

Umso überraschender ist daher der Fund, den Archäologen im Lake Huron gemacht haben – einem der Großen Seen im Nordosten der USA. Von diesem See ist bekannt, dass sein Wasserspiegel am Ende der letzten Eiszeit deutlich niedriger lag als heute. Weite Teile des Seegrund lagen dadurch trocken. „Mit dem Anstieg der Pegel vor rund 8.000 Jahren wurden diese Landschaften überflutet und seither nie mehr freigelegt“, erklären John O’Shea von der University of Michigan und seine Kollegen.

Damit sind diese heute am Seegrund liegenden Landschaften einzigartige Archive vergangenen Lebens – und früher Menschenspuren. Tauchgänge und Sedimentproben haben bereits zahlreiche Spuren früherer Besiedlung zutage gefördert, darunter Feuerstätten, Steinwälle, Jagdunterstände und Steinwerkzeuge. In einer Sedimentprobe, die aus 32 Meter Tiefe zwischen zwei prähistorischen Jagdplätzen geborgen worden war, haben O’Shea und sein Team nun etwas Unerwartetes entdeckt.

Uralt und weit gereist

Zur Überraschung der Archäologen entdeckten sie in dem rund 9.000 Jahre alten Sediment zwei kleine Obsidian-Klingen. Die Fundstücke zeigen klare Spuren der Bearbeitung und sind Datierungen zufolge ebenso alt wie das Erdreich, in dem sie lagen. „Diese Klingen sind damit die ältesten und östlichsten Obsidianfunde, die je in einem eindeutigen archäologischen Kontext geborgen wurden“, berichten die Forschenden.

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Herkunft
Ursprung des Obsidians (Wagontire) und Fundort der Klingen im Lake Huron (DA-1). © O’Shea et al./ PLoS ONE, CC-by-sa 4.0

Noch ungewöhnlicher aber war die Herkunft der beiden Obsidian-Artefakte: Chemische und mineralogische Analysen ergaben, dass das Vulkanglas aus der sogenannte Wagontire-Formation im Zentrum des US-Bundesstaats Oregon stammt. „Die Artefakte aus dem See kommen damit aus einer geologischen Quelle, die 4.000 Kilometer weit entfernt liegt – das ist der weltweit längste jemals für ein Obsidian-Artefakt dokumentierte Transportweg“, sagt Koautorin Ashley Lemke von der University of Texas in Arlington.

Über viele Hände weitergegeben

Nach Ansicht der Archäologen demonstrieren diese Funde, dass es in Nordamerika schon gegen Ende der Eiszeit den Kontinent überspannende Fernverbindungen gab. Trotz der enormen Entfernungen und der dazwischen liegenden Rocky Mountains gelangten Obsidian-Werkzeuge über diese Transportwege aus dem pazifischen Nordwesten bis ins Gebiet der Großen Seen.

„Es erscheint plausibel, dass diese Artefakte damals über viele Hände weitergegeben wurden und schließlich an die Großen Seen kamen“, erklären O’Shea und seine Kollegen. „Ob der Obsidian aber durch Zufall bis dorthin gelangte oder ob es damals schon einen regelmäßigen und häufigen Austausch von Rohstoffen und Gütern gab, wissen wir nicht.“ Auch ob die Menschen am Lake Huron wussten, woher ihre Steinklingen stammten, ist unbekannt.

Exotisch, aber im Alltag genutzt

Interessant ist nach Angaben des Teams auch, dass dieses für den Nordosten Nordamerikas exotische Material offenbar für Routine-Aufgaben genutzt wurde: Die Klingen lagen in der Nähe von Jagd- und Schlachtplätzen und wurden wahrscheinlich zum Töten und Entbeinen der Jagdbeute verwendet. Hinweise darauf, dass der seltene Obsidian einen besonderen Wert oder eine rituelle Bedeutung hatte, gibt es dagegen nicht.

„Diese kleinen Fundstücke haben wirklich große Geschichten zu erzählen“, sagt Lemke. Gleichzeitig demonstriere der Fund, welche verborgenen Schätze und Erkenntnisse durch die Unterwasserarchäologie zutage gefördert werden können. (PLoS ONE, 2021; doi: 10.1371/journal.pone.0250840)

Quelle: University of Texas at Arlington

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