Forscher: Knapp 90 Prozent aller Organismen heute noch unbekannt 8,7 Millionen Arten leben auf der Erde - scinexx | Das Wissensmagazin
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Forscher: Knapp 90 Prozent aller Organismen heute noch unbekannt

8,7 Millionen Arten leben auf der Erde

Die südamerikanische Kolibri-Art Thalurania glaucopis wurde erst im Jahr 2009 entdeckt. © Dario Sanches

Auf der Erde gibt es insgesamt rund 8,7 Millionen Arten von Organismen. Davon leben 6,5 Millionen an Land und 2,2 Millionen in den Ozeanen. Diese Zahlen haben Forscher des internationalen Projekts „Census of Marine Life“ jetzt mit Hilfe einer neuen Methode der Stammbaumanalyse ermittelt. Damit sei ihnen die genaueste jemals gemachte Schätzung der Artenzahl gelungen, sagen sie. Bisher schwankten Angaben zu zwischen drei und 100 Millionen Arten. Ein Großteil dieser Organismen sei heute der Wissenschaft noch völlig unbekannt, schreiben die Forscher im Fachmagazin „PloS Biology“.

Lediglich 1,25 Millionen Arten seien bereits beschrieben und katalogisiert, sagen die Wissenschaftler. 86 Prozent der Landlebewesen und 91 Prozent der im Meer lebenden warteten dagegen noch immer auf ihre Entdeckung. „Die Frage, wie viele Arten existieren, beschäftigt Wissenschaftler seit Jahrhunderten“, sagt Studienleiter Camilo Mora von der University of Hawaii. Die Antwort darauf sei heute wichtiger denn je, weil menschliche Eingriffe das Artensterben immer stärker vorantreiben. Für die offizielle Rote Liste der bedrohten Arten werden heute rund 59.508 Spezies erfasst. Dies mache nicht einmal ein Prozent der gesamten, weltweiten Lebenswelt aus. „Viele Arten könnten verschwinden, bevor wir überhaupt von ihrer Existenz und von ihren einzigartigen Nischen und Funktionen im Ökosystem erfahren“, sagt Mora.

Um die großen Lücken im derzeitigen Wissen zu schließen, sei es nötig, die Suche nach neuen Arten und die biologische Systematik mehr als bisher zu fördern, schreiben die Forscher. Das Wissen um die Artenvielfalt lohne sich nicht nur für die Grundlagenforschung, sondern auch ganz konkret beispielsweise für die Züchtung neuer Nutzpflanzensorten oder zur Gewinnung von Medikamenten. Als reichhaltigste noch zu erforschende Lebensräume nennen sie Korallenriffe, den Schlamm des Meeresgrunds und die tropischen Böden.

Diese bunte Grundel der Art Elacatinus rubrigenis entdeckten Forscher erstmals 2010 im Golf von Honduras. © Keri Wilk

Mengenverhältnis aus Stammbaum ermittelt

Für ihre Studie analysierten die Forscher die Verteilung der heute bekannten Organismenarten auf die verschiedenen Zweige des Stammbaums. Sie berücksichtigten dabei nur die Arten, die Zellen mit einem Zellkern besitzen – von einzelligen Algen bis zum Säugetier. Bakterien, Viren und andere zellkernlose Mikroorganismen blieben außen vor.

Ähnlich einem sich immer feiner verzweigenden Baum besitzt auch der Stammbaum der Lebewesen mehr kleinere Äste (Arten) als dickere (Familien, Ordnungen). Das typische Mengenverhältnis zwischen diesen Ebenen des Stammbaums rechneten die Forscher aus und nutzten es, um die Artenzahlen auch der weniger vollständigen Zweige des Organismenreichs zu schätzen.

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Diese marine Nacktschneckenart (Halgerda batangas) wurde im Jahr 2000 im tropischen Pazifik entdeckt. © Steve Childs

Pflanzen am besten erforscht, Pilze am wenigsten

Noch mit am kleinsten sei die Kluft zwischen bekannten und unbekannten Arten bei den Pflanzen, schreiben die Forscher. Hier sind bereits 215.644 von geschätzten 298.000 Arten erfasst. Weitaus lückenhafter sieht es dagegen bei den anderen Organismengruppen aus: Die Forscher schätzen die tatsächliche Zahl der Tierarten auf 7,77 Millionen, katalogisiert sind davon nur 953.434. Bei den Pilzen liegt der Anteil der bekannten Arten sogar noch niedriger: Hier sind nur 43.271 von geschätzten 611.000 Arten bekannt.

Um die noch fehlenden Organismenarten mit traditionellen Methoden zu finden, müssten 300.000 Forscher noch mindestens 1.200 Jahre daran arbeiten, sagen die Wissenschaftler. Doch neue Technologien wie der DNA-Vergleich könnten Zeit und Kosten drastisch reduzieren. (PloS Biology, 2011; DOI:10.1371/journal.pbio.1001127)

(PloS Biology / Census of Marine Life / dapd, 24.08.2011 – NPO)

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