Zwei Areale bestimmen über positive oder negative Empfindung Wie unser Gehirn zweideutige Situationen interpretiert - scinexx | Das Wissensmagazin
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Wie unser Gehirn zweideutige Situationen interpretiert

Zwei Areale bestimmen über positive oder negative Empfindung

Wenn wir mit einer emotional schwierigen Situation konfrontiert sind, treten zwei Hirnareale in Interaktion. © Christiane Rohr/ MPI CBS

Ist das Lächeln ernst gemeint oder nur eine Farce? Forscher haben herausgefunden, wie unser Gehirn mit zweideutigen Situationen umgeht – mithilfe von Tarantino-Filmen. Beim Betrachten von emotional verwirrenden Szenen zeigte sich: Im Gehirn von Probanden wurden stets zwei Areale aktiv, die offenbar als eine Art Fernbedienung wirken. Sie bestimmen, ob wir eine Situation als eher positiv oder negativ bewerten und schalten entsprechende neuronale Netzwerke an.

Egal, ob uns jemand ein Kompliment gibt oder uns kritisiert: Wir interpretieren das Verhalten und die Absichten anderer Menschen und schätzen auf dieser Grundlage die Situation ein. Schwierig wird es für uns immer dann, wenn wir widersprüchliche Signale empfangen: So kann eine Person uns vordergründig anlächeln, aber Ungutes im Schilde führen oder mit denselben gesprochenen Worten je nach Tonfall ganz unterschiedliche Dinge meinen.

In solchen komplizierten Fällen ist es wichtig, dass unser Gehirn sie angemessen einordnen kann. Denn ansonsten laufen wir Gefahr, unbedarft an eine für uns heikle Situation heranzugehen oder unbegründet in einer eigentlich fröhlichen Atmosphäre beleidigt zu sein. Wissenschaftler um Christiane Rohr vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig haben nun untersucht, wie das Gehirn in diesen Situationen vorgeht.

Tarantino-Film fordert das Gehirn heraus

Die Forscher wollten wissen, welche neuronalen Mechanismen uns eine Situation als positiv oder negativ interpretieren lassen. Herausgefunden haben sie das mit Hilfe emotional verwirrender Filme: Sie ließen Probanden Szenen aus Streifen wie Quentin Tarantinos „Reservoir Dogs“ sehen, in dem eine Person eine andere foltert, während sie lacht, tanzt und fröhlich die Unterhaltung mit ihrem Opfer sucht. Dabei beobachteten sie mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT), was im Gehirn der Teilnehmer passierte.

Im Anschluss an die Filmszenen gaben die Probanden Auskunft darüber, ob für sie darin Konflikte enthalten waren und wie sehr jeweils die positiven oder negativen Elemente überwiegten – kurzum: ob sie die Ausschnitte eher als angenehm oder unangenehm empfanden.

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Zwei Areale als Fernbedienung

Die Ergebnisse zeigen: Wenn wir mit einer emotional schwierig einzuschätzenden Situation konfrontiert sind, sind zwei Areale im Gehirn von besonderer Bedeutung: der Sulcus temporalis superior (STS) im Schläfenlappen sowie der Lobus parietalis inferior (IPL) im Scheitellappen. Diese Bereiche wirken den Wissenschaftlern zufolge als eine Art Fernbedienung. Sie initiieren den Wechsel zwischen einer positiven oder einer negativen Empfindung und schalten das Netzwerk für die entsprechende Interpretation an.

Dabei wird der STS aktiv, wenn wir Ereignisse positiv interpretieren. Der IPL wiederum reagiert, wenn wir sie als negativ empfinden. „Die beiden Regionen scheinen miteinander zu kommunizieren, um so herauszufinden, welche von ihnen aktiviert oder inaktiviert wird“, erklärt Mitautor Hadas Okon-Singer von der Universität Haifa. „Sie legen so vermutlich fest, ob in einer unklaren Situation eher positive oder negative Elemente überwiegen und beeinflussen darüber wiederum andere Hirnbereiche.“

Wenn soziale Interaktion krank macht

Bei den meisten Menschen klappt diese Kommunikation gut. Sie können diffizile Situationen in der Regel richtig einordnen. Doch manche haben auch Schwierigkeiten mit solchen Herausforderungen. Für Betroffene kann das sehr belastend sein – und sogar dazu führen, dass sie Depressionen bekommen, Angstzustände erleiden oder sozialen Interaktionen komplett aus dem Weg gehen.

Rohr und ihre Kollegen hoffen daher, dass ihre Erkenntnisse helfen, die neuronalen Abweichungen im Gehirn von Betroffenen zu identifizieren: „Letztlich wollen wir dazu beitragen, Therapien zu entwickeln, die ihnen helfen, schwierige Situationen adäquater einordnen zu können“, schließen sie. (Human Brain Mapping, 2016; doi: 10.1002/hbm.23169)

(Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, 03.08.2016 – DAL)

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