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Wie Ekel uns den Magen umdreht

Die Magenperistaltik beeinflusst, wie abstoßend wir ekelige Bilder finden

Ekel
Der Abscheu vor Ekligem ist instinktiv – und überraschend eng mit den Bewegungen unseres Magens verknüpft. © Imgorthand/ iStock

Lieber wegschauen: Wie stark wir Abscheu und Ekel empfinden, ist nicht rein psychologisch bedingt. Stattdessen hängt es auch buchstäblich davon ab, ob und wie stark sich uns „der Magen umdreht“, wie ein Experiment enthüllt. Wurden die instinktiven Kontraktionen des Magens durch ein Medikament unterdrückt, hielten die Probanden Ekelbilder von Fäkalien länger aus. Ihr subjektives Ekelgefühl hatte sich zwar nicht verringert, aber sie konnten sich eher an den Abscheu gewöhnen.

Ekel ist ein wichtiger Schutzmechanismus des Körpers, der uns zum Beispiel davor bewahrt, verdorbene Lebensmittel zu uns zu nehmen. Typischerweise wird dieses Gefühl des Abscheus von Übelkeit und unangenehmen Kontraktionen des Magens begleitet – im Extremfall müssen wir uns sogar übergeben. Ekel kann aber auch im sozialen Kontext auftreten – beispielsweise bei der Abgrenzung gegenüber Fremden und sogar bei Moralurteilen kann sich uns sprichwörtlich der Magen umdrehen.

Interessant jedoch: Anders als bei Ängsten und Phobien kann man sich den instinktiven Ekel vor Kot, Schleim oder Übelriechendem nicht abtrainieren – man wird auch bei wiederholten Konfrontationen mit den ekelauslösenden Reizen nicht immun.

Ruhiger Magen gegen Ekel

Ein Team um Camilla Nord von der University of Cambridge hat nun untersucht, wie eng die ekeltypischen Bauchgefühle das Ekelempfinden beeinflussen. Dazu verabreichten sie 25 Probanden entweder ein Placebo oder das Medikament Domperidon, das Magenbewegungen beruhigt und üblicherweise gegen Übelkeit angewendet wird.

Vor und nach der Einnahme sollten Probanden verschiedene Bilder ansehen. Auf einem Bildschirm erschienen jeweils ein abstoßendes Bild von Fäkalien sowie eine neutrale Aufnahme von Knöpfen oder Schals. Per Eye-Tracking maßen die Forscher, wie lange die Probanden ihren Blick auf den jeweiligen Bildern ruhen ließen. Außerdem gaben die Testpersonen an, inwieweit die Fotos bei ihnen Ekel hervorriefen.

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Belohnung für Blick auf Fäkalien

Erwartungsgemäß fanden alle Probanden die Fäkalienbilder ekeliger als die neutralen Stimuli. Unabhängig davon, ob sie Domperidon oder ein Placebo erhalten hatten, wandten sie den Blick schnell von den Ekelbildern ab und schauten sich lieber die Knöpfe oder Schals an. Dann allerdings führten die Forscher einen Anreiz ein: Wer den Blick für mindestens vier bis acht Sekunden auf die Fäkalien richtete, erhielt eine kleine finanzielle Belohnung. In diesem Setting schauten die Probanden aller Gruppen länger auf das Ekelbild als auf das neutrale Bild.

Der gravierende Unterschied zwischen den Probanden mit und ohne Domperidon zeigte sich im folgenden Durchlauf. Noch einmal bekamen die Testpersonen entsprechende Bildpaare präsentiert, dieses Mal erneut ohne Belohnung. Während die Placebo-Gruppe ohne die zusätzliche Motivation wieder schnell von den Fäkalien wegschaute, betrachtete die magenberuhigte Gruppe die menschlichen Ausscheidungen freiwillig länger als vor dem belohnten Durchlauf – und das, obwohl sich an ihrer subjektiven Bewertung des Ekel-Faktors nichts änderte.

Medikament könnte Ekel therapierbar machen

Das bedeutet: Obwohl sich Ekel früheren Studien zufolge eigentlich nicht durch Gewöhnung mindern lässt, hatte Domperidon genau diesen Effekt. „Wir haben damit gezeigt, dass Probanden ekelhafte Bilder nach einer Gewöhnungsphase weniger vermeiden, wenn wir die elektrischen Signale des Magens stabilisieren“, sagt Nord. „Veränderungen im Magenrhythmus führten in unserer Studie zu einer reduzierten Ekelvermeidung – demnach muss der Magenrhythmus generell eine Ursache für Ekelvermeidung sein.“

Diese Erkenntnisse könnten auch für die Therapie von krankhaftem Ekel von Bedeutung sein, ergänzt Nords Kollege Tim Dalgleish: „Wir haben gezeigt, dass magenberuhigende Medikamente gegen Übelkeit auch unseren Instinkt dämpfen, von einem ekelhaften Bild wegzuschauen.“ Allerdings reicht dafür das Medikament allein nicht aus, wie der Forscher betont: „Um die Abscheureaktion zu überwinden, müssen wir dazu motiviert werden.“

Nach Ansicht der Wissenschaftler könnte dieser Zusammenhang wertvolle Hinweise darauf geben, wie man Menschen mit übersteigertem pathologischen Ekel helfen könnte. Ob sich das Prinzip tatsächlich auf Patienten mit krankhaftem Ekel anwenden lässt und ob sich über einen längeren Zeitraum hinweg auch die subjektive Bewertung des Ekel-Faktors ändert, müssen weitere Studien zeigen. (Current Biology, 2020, doi: 10.1016/j.cub.2020.10.087)

Quelle: University of Cambridge

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