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Wie Bienendrohnen zum Sex finden

Radar-Tracking enthüllt Flugrouten der Drohnen zu ihren Versammlungsplätzen

Bienendrohne
Männliche Honigbiene mit einem Radar-Transponder auf dem Rücken. Mit diesen Minisendern haben Forscher die Paarungsflüge der Bienendrohnen verfolgt. © Joe Woodgate

Mysteriöse Zielstrebigkeit: Männliche Honigbienen verfügen offenbar über eine Art generationsübergreifendes Gedächtnis für ihre Paarungsorte, wie eine Studie enthüllt. Demnach fliegen die Drohnen verschiedener Völker gezielt feste Versammlungsorte an, obwohl sie ihren Stock nie zuvor verlassen haben. Als einzige bisher bekannte Tierart wechseln sie dabei mehrfach zwischen festen Paarungsplätzen hin und her. Wie sie diese aber auf Anhieb finden, ist nach wie vor rätselhaft.

Männliche Honigbienen leben nur für ein einziges Ziel: junge Königinnen zu begatten und so die Basis für neue Bienenvölker zu legen. Dafür müssen sie ihren Stock verlassen und sich im Fluge mit Partnerinnen paaren. Aber wie finden sich die beiden? Schon länger weiß man, dass die Drohnen sich dafür an bestimmten Plätzen in der Landschaft sammeln – so lange, bis sie Sex haben oder sterben.

Bienendrohnen mit Radar-Rucksack

Doch wie die Drohnen diese Versammlungsorte finden und was bestimmt, wo diese liegen, ist bislang kaum bekannt. „Man weiß zudem fast nichts darüber, wie die einzelnen Drohnen die Landschaft erkunden, wie sie fliegen, wie sich ihr Verhalten in den Drohnen-Kongregationsgebieten verändert und ob sie immer nur einen Versammlungsort aufsuchen“, erklären Joseph Woodgate von der Queen Mary University of London und seine Kollegen.

Um diese Fragen zu klären, hat das Team erstmals die Flüge einzelner Bienendrohnen genau verfolgt. Dafür rüsteten sie 294 junge Männchen und 94 junge Königinnen aus drei verschiedenen Bienenvölkern mit winzigen Radar-Transpondern aus. Diese reagierten auf eingehende Radarstrahlung, indem sie alle drei Sekunden ein frequenzverschobenes Signal zurückschickten. Anhand dieser „Pings“ konnten die Forschenden die Position der Bienendrohnen bis auf zwei Meter genau bestimmen.

Anflug auf Paarungsplätze ohne langes Suchen

Die Auswertungen der Flugdaten enthüllten: Obwohl die männlichen Bienen vor ihrem ersten Ausflug noch nie den Stock verlassen hatten, machten sie erstaunlich wenige Suchflüge. Bei ihren ersten Flügen blieben sie noch in der Nähe des Stocks, bevor sie dann plötzlich auf nahezu direktem Wege zu einem Drohnen-Sammelplatz flogen. „Unsere Beobachtungen zeigen, dass Bienendrohnen die Kongregationsgebiete ohne langes Suchen finden – teilweise schon bei ihren zweiten Ausflug“, sagt Woodgates Kollege Lars Chittka.

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Woher aber wissen die Drohnen, wo sie hinfliegen müssen? Klar ist: Die Jungbienen haben keine Möglichkeit, von ihren Vorgängern zu lernen, denn diese sind zum Zeitpunkt ihrer Geburt schon fast ein Jahr tot. Forscher vermuten daher, dass die Drohnen-Sammelplätze durch bestimmte Landschafts-Merkmale gekennzeichnet sind. Häufig handelt es sich dabei beispielsweise um sonnige, baumlose Flächen, die in der Skyline der Landschaft einen Einschnitt bilden. Dort kreisen die Drohnen in Erwartung einer Partnerin dann längere Zeit umher und bilden eine Art lockeren Schwarm.

Erkennungsmerkmale noch immer rätselhaft

Merkwürdig nur: Die Radardaten zeigten, dass die Paarungsplätze zu weit von den Bienenstöcken entfernt lagen, um von dort aus diese Merkmale erkennen zu können. Auch Duftstoffe wirken über diese Entfernungen hin nicht. „Irgendwie müssen die Bienendrohnen die nötigen Informationen bekommen, indem sie Hinweise aus der Landschaft in der Umgebung des Stocks auswerten“, so Chittka.

Tatsächlich ergaben die Radardaten, dass die Drohnen auffällig oft nicht nur dieselben Versammlungsplätze aufsuchten, sondern auch die immer gleichen Routen dahin wählten. Nach Ansicht von Woodgate und seinen Kollegen könnte das darauf hindeuten, dass es landschaftlich bedingte „Flugkorridore“ gibt, die die Bienendrohnen zu ihren Zielen leiten. Durch welche Merkmale diese Routen aber gekennzeichnet sind, ist noch völlig offen.

Ähnlich unklar ist, wie die Jungköniginnen diese Plätze finden. In der aktuellen Studie scheiterten die meisten Versuche, ihre Flüge zu kartieren, wie die Forschenden berichten. Die wenigen erfolgreiche gesammelten Daten legen aber nahe, dass die jungen Königinnen bei ihren allerersten Ausflügen sogar noch näher am Stock bleiben. Auch sie müssen die Paarungsplätze demnach ohne lange Suchflüge aufspüren können.

Einzigartig unter allen Tierarten

Die Radardaten enthüllten auch, dass die Drohnen-Sammelplätze über mehrere Jahre hinweg immer an denselben Stellen blieben. „Das bestätigt uns, dass diese Kongregationsorte stabil bleiben, ähnlich wie die Leks bei anderen Tierarten“, so Woodgate. Solche festen Balzplätze sind von vielen Vögeln und Säugetieren her bekannt. Typischerweise besuchen die Männchen dieser Arten extrem ortstreu und uchen immer nur einen dieser Plätze auf.

Überraschend jedoch: Bei den Bienendrohnen ist dies anders. „Wir stellten fest, dass die Drohnen häufig mehr als eine Sammelstelle pro Ausflug besuchten“, berichtet Woodgate. „Das ist unter allen Tierarten der erste bekannte Fall, bei dem die Männchen routinemäßig zwischen lekartigen Kongregationen wechseln. Die Honigbienen könnten damit eine ganz neue Form des lek-ähnlichen Paarungssystems zeigen.“ (iScience, 2021; doi: 10.1016/j.isci.2021.102499)

Quelle: Queen Mary University of London

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