Erbgut urzeitlicher Steppennomaden liefert Hinweise auf Evolution des Ur-Europäers Wie bekamen die Europäer ihr heutiges Aussehen? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Erbgut urzeitlicher Steppennomaden liefert Hinweise auf Evolution des Ur-Europäers

Wie bekamen die Europäer ihr heutiges Aussehen?

Blick in einen Grabhügel in der Ukraine mit einem 5.000 Jahre alten Skelett der Jamnajakultur © Alla V. Nikolova

In nur 5.000 Jahren, aus entwicklungsgeschichtlicher Sicht also rasant, hat sich das Aussehen von uns Europäern stark verändert. Hellere Haut, hellere Haare und hellere Augen haben wir heute im Vergleich zu unseren Vorfahren. Zu wenig Sonne in den nördlichen Breiten, zu wenig Vitamin D in der Nahrung und ein verändertes Schönheitsideal waren es, die für die schnellen Veränderungen des Erscheinungsbildes des modernen Europäers gesorgt haben. Das berichtet ein internationales Forscherteam in der Fachzeitschrift “ Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS).

Heute haben wir Europäer eine vergleichsweise helle Hautfarbe. Je weiter im Norden wir leben, desto häufiger treten auch helle Haare und blaue Augen als äußerliche Merkmale auf. Haut, Haare und Augen unserer aus Afrika stammenden Vorfahren jedoch waren dunkel. Viel hat sich also an unserem Aussehen im Laufe der Evolution verändert, seit der Homo sapiens vor etwa 50.000 Jahren begann, Europa zu besiedeln. Wann genau sich welche Merkmale und aus welchen Gründen durchgesetzt haben, ist jedoch bislang noch nicht bekannt.

Erst kürzlich fanden Forscher heraus, dass ein vor 7.000 Jahren in Spanien lebender Steinzeitjäger die ungewöhnliche Kombination aus dunkler Haut, dunklen Haaren und blauen Augen hatte. Doch wie hat sich das Aussehen unserer Vorfahren seither entwickelt? Eine Gruppe von Anthropologen gemeinsam mit Archäologen hat sich daran gemacht, die Lücke zwischen dem mittelsteinzeitlichen und dem modernen Europäer zu schließen.

Vor 5.000 Jahren hatten die Europäer noch sehr dunkle Haut

Etwa 4.400 bis 5.100 Jahre alte Skelette aus prähistorischen Gräbern der sogenannten Jamnaja-Kultur halfen den Wissenschaftlern bei der Beantwortung dieser Frage. Diese Nomadenkultur lebte bis 2.300 vor Christus in der Steppe zwischen dem Fluss Ural und den östlichen Karpaten. Die Forscher isolierten das Erbgut aus den fossilen Knochen und verglichen es in Computersimulationen mit dem Erbgut heutiger Europäer.

Mainzer Palaeogenetiker analysieren die alte DNA aus Skeletten.© Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Merkmale, die mit der Pigmentierung von Haut, Haaren und Augen in Zusammenhang stehen, fielen den Forschern immer wieder besonders auf. „Dabei waren die prähistorischen Individuen im Durchschnitt dunkler als ihre Nachfahren“, schildert Sandra Wilde von der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. „Dies ist besonders bemerkenswert, da die menschliche Evolution über Jahrhunderttausende eigentlich einen dunklen Phänotyp geprägt hatte. Alle unsere frühen Vorfahren waren dunkel.“

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Der Selektionsdruck in den letzten 5.000 Jahren starkgewesen sein, um die große Veränderung im Aussehen der Europäer erklären zu können. In der Tat gehören die Selektionsmerkmale zu den stärksten, die je in menschlichen Genomen festgestellt wurden. „Gerade in Europa finden wir eine sehr hohe Variabilität von Pigmentierung“, erklärt Karola Kirsanow von der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. „Dennoch hatten wir nicht damit gerechnet, dass die Selektion in den letzten Jahrtausenden noch so stark war.“

Vitamin D und Milchsäure prägten die Evolution des Europäers

Als wahrscheinlichste Ursache für die starke Veränderung in der Pigmentierung sehen die Forscher die Besiedlung des Nordens durch die Europäer an: „Die naheliegendste Erklärung ist die Anpassung an die verminderte Sonneneinstrahlung im Norden“, erklärt Mark Thomas vom University College in London. „Die meisten Menschen generieren Vitamin D über die Haut infolge von UV-Exposition. In den nördlichen Breiten wäre das mit dunkler Haut aber weniger effizient gewesen. Da die Menschen hier auch weniger Vitamin D mit der Nahrung aufnahmen, war hellere Haut die vielleicht beste Option.“

Neben der Pigmentierung fielen den Forschern auch genetische Marker der Laktasepersistenz, also der Fähigkeit, Milchzucker im Erwachsenenalter verdauen zu können, besonders auf. Als die Bewohner Europas in der Jungsteinzeit begannen, Länder zu bestellen und Vieh zu züchten, änderte sich auch ihre Ernährung. Es war also für die damaligen Menschen durchaus ein entscheidender Vorteil, Milchzucker verdauen zu können.

Verändertes Schönheitsideal

Schwieriger ist es dann schon für die Anthropologen, das vermehrte Auftreten heller Haare und blauer Augen zu erklären. „Es mag aber durchaus sein, dass ein veränderter Phänotyp, also die hellere Haar- und Augenfarbe, als Signal von Gruppenzugehörigkeit gesehen wurde und sich auf die selektive Partnerwahl ausgewirkt hat“. Diese sogenannte sexuelle Selektion ist im Tierreich durchaus üblich und könnte auch eine treibende Kraft in der Evolution des Menschen in den letzten Jahrtausenden gewesen sein.

„Man darf diese wissenschaftlichen Befunde allerdings nicht so interpretieren, als sei alles, was selektiert ist, auch gut und ausschließlich vorteilhaft. Gerade die durch Partnerwahl hergebrachten Merkmale sind häufig kulturell geprägt und damit eher Geschmackssache denn Anpassung an die Umwelt“, ordnet Joachim Burger von der Universität Mainz die Ergebnisse ein. (Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), 2014; doi: 10.1073/pnas.1316513111)

(Johannes Gutenberg-Universität Mainz, 12.03.2014 – KEL)

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