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Warum Musik uns wohlig erschauern lässt

Hirnstrom-Messung zeigt, was emotionale Klänge im Gehirn auslösen

Musikgenuss
Intensiver Musikgenuss kann uns einen Schauer über den Rücken jagen – was aber passiert dabei inm unserem Gehirn? © Circle Creative Studio/ iStock

Bewegende Melodien: Wenn wir unsere Lieblingsmusik hören, bekommen wir oft eine Gänsehaut oder spüren ein angenehmes Erschauern. Was dabei in unserem Gehirn passiert, haben Forscher nun anhand der Gehirnströme vom musikhörenden Probanden sichtbar gemacht. Die Ergebnisse bestätigen, dass bei besonders intensivem Musikerleben unser Belohnungssystem anspringt und auch das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet wird.

Musik hat einen starken Einfluss auf unsere Emotionen. Sie aktiviert unser Belohnungssystem, sorgt für die Ausschüttung des Glückshormons Dopamin und kann sogar beeinflussen, wie wir andere Sinnesreize wie beispielsweise Berührungen wahrnehmen. Bei besonders emotionaler Musik läuft uns mitunter ein wohliger Schauer über den Rücken oder wie bekommen eine Gänsehaut. In unserem Gehirn findet dabei ein Feuerwerk an Signalen statt.

Gänsehaut-Gefühl mit Ansage

Forscher um Thibault Chabin von der Universität Bourgogne Franche-Comté haben nun mit einer speziellen EEG-Technik die Vorgänge im Gehirn sichtbar gemacht. Für das sogenannte high-density EEG (HD-EEG) platzierten sie Elektroden an verschiedenen Stellen auf der Kopfhaut ihrer Probanden. Die hohe Zahl der Elektroden lässt genaue Schlüsse darauf zu, welche Gehirnregionen aktiviert werden. Frühere Studien brauchten dazu aufwändige bildgebende Verfahren wie funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) und Positronen-Emissionstomographie (PET).

Im Experiment von Chabin und Kollegen konnten es sich die Probanden dagegen in einem Sessel bequem machen, während sie über Kopfhörer Ausschnitte ihrer Lieblingsmusik hörten. Per Knopfdruck gaben die Probanden während des Hörens an, wie sehr die Musik sie gerade emotional mitnahm und wann sie eine Gänsehaut bekamen. Die Forscher maßen währenddessen ihre Hirnaktivität.

Zuvor hatten die Teilnehmer zudem angegeben, an welchen Stellen sie ein Gänsehaut-Gefühl erwarteten. „Die Teilnehmer unserer Studie konnten Gänsehaut-Momente in den Liedern präzise vorhersagen“, berichtet Chabin. „Aber viele Gänsehaut-Momente erlebten sie auch an anderen, zuvor nicht erwarteten Stellen.“

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Das Belohnungssystem reagiert

Die Auswertung der EEG-Daten ergab: Wenn die Probanden die Musik als besonders intensiv empfanden, zeigte sich eine deutliche Aktivierung bestimmter Hirnareale, darunter vor allem der Insula, des orbitofrontalen Cortex und der supplementär-motorischen Rinde. Diese Regionen spielen unter anderem eine Rolle bei der Verarbeitung von Sinneseindrücken und Emotionen sowie beim Lernen und der Planung von Bewegungsabläufen.

Insbesondere in Gänsehaut-Momenten beobachteten die Forscher im Gehirn eine spezifische Theta-Aktivität. Diese Form von Gehirnwellen wird mit dem Gedächtnis und erwarteten Belohnungen in Verbindung gebracht. Nach Angaben der Forscher könnte das darauf hindeuten, dass in diesen Momenten das Belohnungssystem des Gehirns anspringt und auch das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet wird. Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass diese Aktivierung mit dem Erschauern zusammenhängen kann.

Verknüpfungen könnten individuelle Unterschiede erklären

Wer besonders häufig von Musik Gänsehaut bekommt, hat womöglich auch stärkere Verbindungen zwischen verschiedenen Hirnregionen wie dem präfrontalen medialen Cortex, der Insula und Teilen des Temporallappens – Strukturen, die an der auditiven Wahrnehmung und der emotionalen Verarbeitung beteiligt sind. Darauf haben frühere Studien hingedeutet. Chabin und Kollegen konnten diese Verknüpfungen zwar nicht direkt untersuchen, stellten aber ebenfalls eine Aktivität der entsprechenden Hirnregionen fest.

„Die Tatsache, dass wir diese Phänomene im EEG messen konnten, eröffnet die Möglichkeit für Studien in anderen Kontexten, in alltagsnäheren Szenarien und mit Gruppen“, sagt Chabin. „Anders als komplizierte bildgebende Technologien wie PET und fMRT kann ein klassisches EEG einfach transportiert werden und so aus dem Labor in natürlichere Umgebungen gebracht werden. Das sind gute Perspektiven für die Erforschung von Emotionen durch Musik.“

Soziale Aspekte berücksichtigen

Damit wollen sich die Forscher auch der Frage nähern, welche evolutionären Vorteil unsere starken emotionalen Reaktionen auf Musik überhaupt hatten oder haben. „Das erstaunlichste ist, dass Musik scheinbar keinen biologischen Nutzen für uns hat“, sagt Chabin. „Trotzdem legt die Aktivierung des Belohnungssystems bei der Verarbeitung musikalischen Wohlgefallens nahe, dass Musik eine uralte Funktion hat.“

Naheliegend ist, dass dabei der soziale Kontext von entscheidender Bedeutung ist. Mit Probanden in der Röhre ließ sich dieser Kontext aber bislang kaum abbilden. „Wir wollen in natürlichen Settings messen, wie bei mehreren Teilnehmern die Reaktionen von Gehirn und Körper auf Musik gekoppelt sind“, erklärt Chabin. „Musikalisches Wohlgefallen ist ein sehr interessantes Phänomen, das es verdient, weiter erforscht zu werden, damit wir verstehen, warum Musik für uns mit Belohnung verknüpft ist. So können wir herausfinden, warum Musik essentiell für das Leben von Menschen ist.“ (Frontiers in Neuroscience, 2020; doi: 10.3389/fnins.2020.565815)

Quelle: Frontiers

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