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Warum hatten Tyrannosaurier so kurze Arme?

Paläontologe liefert neue Erklärung für Stummelärmchen des Raubdinosauriers

Tyrannosaurus
Bisher ist unklar, warum der Tyrannosaurus rex so kurze Vorderbeine hatte und welche evolutionären Vorteile ihm dies verschafft haben könnte. © para827/ Getty images

Zu kurz für fast alles: Bisher ist rätselhaft, warum der Tyrannosaurus so kurze, kaum funktionsfähige Arme entwickelt hat. Jetzt liefert ein US-Paläontologe eine verblüffende Erklärung. Demnach diente die Verkürzung der Vorderbeine ihrem Schutz: Weil der T. rex im Rudel jagte und sich oft mehrere um eine Beute stritten, könnten die kurzen Ärmchen diese vor Verletzungen durch Bisse geschützt haben.

Der Tyrannosaurus rex war der Top-Prädator der späten Kreidezeit. Dank seiner Größe, Kraft und Wendigkeit konnte er selbst große Beute töten und mit seinem kräftigen Gebiss sogar dicke Knochen knacken. In seinem Verbreitungsgebiet war der T. rex so erfolgreich, dass er und sein Nachwuchs fast alle anderen größeren Raubdinosaurier verdrängten.

T. rex
Fossilien belegen, dass die Arme des T. rex extrem kurz waren. © Peg Skorpinski

Doch eine Frage zum Tyrannosaurus ist bis heute ungeklärt: Warum hat der furchteinflößende Raubdinosaurier so winzige Stummelärmchen? Sie sind so kurz, dass der Entdecker der ersten T.rex-Fossilien, Barnum Brown, sie zunächst für Skelettteile einer anderen fossilen Dinosaurierart hielt. Inzwischen ist klar, dass die Tyrannosaurier ähnlich wie einige nicht verwandte Raubdinosaurier, ihre Vorderbeine im Laufe der Evolution extrem reduziert hatten.

Warum bisherige Hypothesen zu kurz greifen – buchstäblich

Aber warum? Biologischen Theorien zufolge müssen die verkürzten Ärmchen dem T. rex irgendwelche Vorteile verschafft haben. Tatsächlich gibt es dazu reichlich Hypothesen: Einige Paläontologen vermuteten, dass die klauenbewehrten Arme dem Festhalten der Beute dienten. Allerdings: „Messungen zeigen, dass die Schnauze längst tief in der Beute vergraben wäre, bevor die Vorderbeine diese überhaupt erreichen konnten“, erklärt Kevin Padian von der University of California in Berkeley.

Ähnlich unplausibel sei die These, dass der Tyrannosaurus mit den Ärmchen seine Partnerinnen bei der Paarung packte: „Die Basen der beiden Arme liegen nur rund 68 Zentimeter auseinander, während der Brustkorb eines Weibchens mehr als einen Meter breit war“, so Padian. Da der T.rex seine Arme nicht zur Seite bewegen konnte, hätte er demnach einen Artgenossen nicht umfassen können. Auch zur Kommunikation oder Erkennung diente sie wohl eher nicht: „Solche Signalstrukturen werden im Lauf der Evolution und Ontogenese eher größer statt kleiner“, erklärt der Forscher.

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Wo lagen die Vorteile der Reduktion?

Nach Ansicht des US-Paläontologen gibt es bisher keine überzeugenden Hinweise darauf, dass die Stummelärmchen des Tyrannosaurus überhaupt zu etwas nutze waren. „Sie waren einfach für alles zu kurz: Sie reichten nicht bis zum Maul oder den Kopf des Tieres und schon gar nicht darüber hinaus“, sagt Padian. „Bei allen vorgeschlagenen Funktionen wäre es deutlich effektiver gewesen, wenn die Arme nicht so stark reduziert worden wären.“

Doch welche Vorteile boten die kurzen Arme dem T. rex dann? Auf der Suche nach einer Erklärung hat Padian noch einmal Informationen zur Anatomie, Phylogenie und Lebensweise des berühmten Raubdinosauriers analysiert. Dabei fiel ihm eine Tatsache ins Auge: Fossilfunde legen nahe, dass die Tyrannosaurier häufig gemeinsam an einer Beute fraßen und möglicherweise auch im Rudel jagten.

Schutz vor Bissen beim Beutefraß?

Könnte darin ein Hinweis auf den Nutzen der verkürzten Arme liegen? „Was wäre, wenn mehrere Tyrannosaurier an einem Kadaver fraßen? Man hätte massive Köpfe mit unglaublich kraftvollen Kiefern und Zähnen, die eng nebeneinander in Fleisch und Knochen bissen und sie zermalmten“, beschreibt Padian ein mögliches Szenario. In diesem Getümmel könnte es leicht vorkommen, dass ein Biss aus Versehen oder absichtlich statt der Beute einen Artgenossen traf.

„Längere Arme, vor allem in ihrer natürlich, leicht nach vorne gerichteten Haltung, hätte sie in Reichweite der tödlichsten jemals bei einem Landtier entwickelten Kiefer gebracht“, schreibt der Paläontologe. Die Gefahr von Verletzungen, Amputationen und deren oft tödlichen Folgen könnte daher seiner Ansicht nach eine Selektion zugunsten kürzerer Vorderbeine begünstigt haben – vor allem wenn die Arme ohnehin keine Funktion mehr hatten.

Die Lebensweise mit berücksichtigen

Indizien dafür könnte möglicherweise die Verteilung von Bisspuren bei Tyrannosaurus-Fossilien liefern. „Solche Bissspuren am Schädel und anderen Teilen des Skeletts sind von diesen und anderen Raubdinosauriern wohlbekannt“, so der Forscher. „Wenn auf den verkürzten Armen von Tyrannosaurus weniger Bisspuren sind als bei anderen, könnte das Hinweis darauf sein, dass die Reduktion etwas brachte.“

Allerdings räumt auch Padian ein, dass es schwer sein dürfte, seine Hypothese zu belegen. Er hält es aber für wichtig, bei der Betrachtung dieser und ähnlicher Fragen, auch ökologische und verhaltensbiologische Faktoren stärker zu berücksichtigen. „Wir sollten einen integrativen Ansatz haben, indem wir über die rein mechanischen Aspekte hinaus auch die soziale Organisation, das Fressverhalten und andere ökologische Faktoren mit einbeziehen“, so der Paläontologe. (Acta Palaeontologica Polonica, 2022; doi: 10.4202/app.00921.2021)

Quelle: University of California – Berkeley

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