Alter Ast im Stammbaum der Amphibien vom Aussterben bedroht Ur-Frosch auf Madagaskar gefunden - scinexx | Das Wissensmagazin
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Alter Ast im Stammbaum der Amphibien vom Aussterben bedroht

Ur-Frosch auf Madagaskar gefunden

Tsingymantis antitra, der „alte Frosch aus dem Karstmassiv“, gehört einer bisher unbekannten Gattung an. Entdeckt wurde er jetzt von Dr. Frank Glaw von der Zoologischen Staatssammlung München und Professor Dr. Miguel Vences von der Technischen Universität Braunschweig im Norden von Madagaskar. © Dr. Frank Glaw / Zoologische Staatssammlung München

Bei einer Amphibien-Inventur auf Madagaskar sind Wissenschaftler auf eine bisher unbekannte Froschart gestoßen, die sie Tsingymantis antitra tauften. Bei dem "alten Frosch aus dem Karstmassiv", so die Bedeutung des wissenschaftlichen Namens, handelt es sich um eine Gattung, die einen alten Ast im Stammbaum der Frösche darstellt.

"Uns war sofort klar, dass wir etwas ganz Besonderes vor uns hatten", erklärt Frank Glaw von der Zoologischen Staatssammlung München, "denn keine der 232 bekannten madagassischen Froscharten ähnelte diesem Tier." Nur vier Weibchen fanden die Forscher von der neuen Gattung – und zwar nicht im triefenden Regenwald, sondern in einer bizarren, von Höhlen durchzogenen trockenen Kalkformation im Norden von Madagaskar. Diese Region hatten Glaw und Professor Miguel Vences, Technische Universität Braunschweig, gemeinsam mit Professor Noromalala Raminosoa von der Universität Antananarivo in Madagaskar umfassend untersucht.

„Froschartenregen“

Heutzutage ist es für Zoologen eigentlich keine große Sensation, neue Amphibienarten zu entdecken. Moderne Untersuchungsmethoden wie Lautanalysen und DNA-Sequenzierungen sowie die Suche in abgelegenen Regenwäldern haben den Wissenschaftlern geradezu einen "Froschartenregen" beschert. Die Entdeckung von Tsingymantis antitra aber ist etwas Besonderes. Denn es handelt sich wahrscheinlich um den ursprünglichsten Vertreter einer fast nur auf Madagaskar vorkommenden Gruppe von Fröschen, der Unterfamilie Mantellinae.

Dies wird auch durch genetische Analysen bestätigt, die Simone Hoegg von der Universität Konstanz gemeinsam mit Vences durchführte. Ein äußerst seltener Glücksfall, sind doch solche alten Linien im Stammbaum entweder schon lange bekannt oder schon lange ausgestorben. Wie lange die neu entdeckte Froschart noch überleben kann, ist ungewiss. Nicht nur der Regenwald, sondern auch die Wälder in Madagaskars Trockenregionen werden immer weiter abgeholzt.

Tsingymantis – ein lebendes Fossil?

Der Fund gibt auch wichtige Hinweise auf die Klimageschichte Madagaskars. So fiel den Zoologen auf, dass die ursprünglichsten Frösche Madagaskars meist in Trockengebieten leben, obwohl heutzutage fast alle Frösche im dortigen Regenwald vorkommen. Diese Beobachtung deckt sich gut mit neuen Hypothesen zur Klimageschichte der Insel.

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Demnach könnte der madagassische Regenwald jünger sein als gemeinhin angenommen – er bildete sich möglicherweise erst im Oligozän, also vor etwa 30 Millionen Jahren, im Zuge der Kontinentaldrift. Nachdem Indien von Madagaskar abgebrochen und nach Norden weggedriftet war, öffnete sich der Indische Ozean und brachte die feuchten Passatwinde heran, die den Regenwald sprießen ließen. Für Frösche, Chamäleons, Lemuren und unzählige andere Tierarten entstand ein neues Paradies, in dem sich die heutige Artenfülle entwickelte. Ihre Vorfahren waren jedoch möglicherweise darauf angewiesen, in einer trockeneren Umgebung zu überleben. Der in kühlen Spalten und Höhlen des eher trockenen Kalksteingebirges heimische Tsingymantis könnte damit ein lebendes Fossil sein, das die Lebensweise der madagassischen Frosch-Urahnen beibehalten hat.

Naturschutz auf Madagaskar

Obwohl Tsingymantis in einem geschützten Gebiet vorkommt, stellt allein schon die geringe Größe seines Verbreitungsgebietes eine Gefährdung dar. "Der Schutz dieser Art sollte daher eine hohe Priorität erhalten", betont Miguel Vences. Immerhin: Die Zeit dafür scheint ideal, denn die madagassische Regierung will die Naturschutzflächen in den nächsten Jahren verdreifachen. Erst kürzlich sind die deutschen Zoologen von einem Workshop aus der madagassischen Hauptstadt Antananarivo zurückgekehrt. Unter der Schirmherrschaft der dortigen Regierung wurde hier eine Strategie zum Schutz der einzigartigen Amphibienfauna des Landes entwickelt.

Die von der VolkswagenStiftung geförderte Forschung hat einen großen Beitrag geleistet, um abzuschätzen, wie viele Arten von Fröschen auf dieser Insel leben, wo sie vorkommen und wie sie sich unterscheiden lassen. "Diese Daten", erläutert Glaw, "bilden eine wichtige Grundlage, um zu entscheiden, welche Gebiete und welche Arten am dringendsten geschützt werden müssen."

(idw – VolkswagenStiftung, 20.10.2006 – DLO)

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