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Twin Peaks: Es gibt mehr Zwillinge als je zuvor

Zwillingsgeburten haben seit den 1980er-Jahren weltweit um ein Drittel zugenommen

Zwillinge
Auf der Welt werden heute mehr Zwillinge geboren als je zuvor.© RealCreation/ iStock

Zwillings-Boom: Weltweit werden heute mehr Zwillinge geboren als jemals zuvor – im globalen Schnitt ist eins von 42 Kindern heute ein Zwilling, wie eine Studie enthüllt. Vor allem in Europa, Nordamerika und Teilen Asiens ist der Anteil der Zwillingsgeburten in den letzten 40 Jahren um bis zu 70 Prozent gestiegen. Die Ursache dafür sind vor allem spätere Geburten und die künstliche Befruchtung, wie die Forscher berichten.

Ob eineiig, zweieiig oder halbidentisch: Zwillinge faszinieren uns Menschen schon seit Jahrtausenden. Denn diese zur gleichen Zeit Geborenen teilen viele Merkmale – vor allem wenn sie aus nur einer befruchteten Eizelle entstanden sind, wie bei eineiigen Zwillingen der Fall. Diese sind heute wichtige Helfer auch in der Forschung. Denn sie helfen dabei zu ermitteln, wie hoch der genetische Anteil bestimmter Krankheitsbilder und Merkmale ist – oder auch, wie sich ein Weltraumaufenthalt auf den Menschen auswirkt.

Eines von 42 Kindern ist heute ein Zwilling

Doch wie oft werden Zwillinge geboren? Das haben nun Christiaan Monden von der University of Oxford und seine Kollegen in der bisher umfassendsten Studie dazu untersucht. Dafür werteten sie die Geburtsstatistiken von 165 Ländern aus – das entspricht mehr als 99 Prozent der Weltbevölkerung. Anhand dieser Daten verglichen sie die Zwillingsraten in der Zeit von 2010 bis 2015 mit denen in der Zeit von 1980 bis 1985.

Das Ergebnis: Gegenwärtig werden jedes Jahr weltweit 1,6 Millionen Zwillingspaare geboren – das entspricht einem Anteil von zwölf Tausendsteln aller Geburten. Anders ausgedrückt: Eines von 42 heute geborenen Kindern ist ein Zwilling. „Damit ist die relative und absolute Zahl der Zwillinge heute höher als jemals seit Beginn der Erfassung – wahrscheinlich ist es sogar ein Allzeithoch“, sagt Monden.

Anstieg
Veränderungen des relativen Zwillingsanteils seit den frühen 1980er-Jahren in Prozent. © Monden et al./ Human Reproduction, CC-by-nc 4.0

Höchster Anstieg in Europa und Nordamerika

Dies zeigt sich auch im Anstieg der Zwillingsgeburten seit den frühen 1980ern: „In 74 von 112 Ländern haben wir eine Zunahme von mehr als zehn Prozent beobachtet“, berichten die Forscher. Insgesamt haben die Zwillingsgeburten weltweit um 42 Prozent zugenommen, während die gesamte Geburtenzahl im gleichen Zeitraum nur um acht Prozent stieg. Dadurch hat sich der relative Anteil der Zwillinge um rund 30 Prozent erhöht.

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Besonders hoch ist der Anstieg in Europa und Nordamerika. Dort hat sich der Zwillingsanteil seit den 1980er-Jahren um 60 bis 70 Prozent erhöht. Deutschland, Österreich, Tschechien, die Schweiz, Griechenland und auch Spanien gehören zu den Ländern mit den höchsten Zunahmen. Aber auch in Teilen Asiens, darunter Südkorea und Taiwan, gibt es einen Boom der Zwillinge. Einzig in Südamerika ist die ohnehin geringe Zwillingsrate in den letzten Jahrzehnten leicht gesunken.

Verantwortlich für diese Zunahme sind vor allem zweieiige Zwillinge – Kinder, die aus zwei zur gleichen Zeit befruchteten Eizellen entstehen. Denn wie die Forscher ermittelten, ist der Anteil der eineiigen Zwillinge gleich geblieben – sie kommen bei rund vier von tausend Geburten vor.

Künstliche Befruchtung und späte Mütter

Was aber ist die Ursache für die Zwillingsschwemme? Das Forschungsteam führt dies vor allem auf die künstliche Befruchtung zurück: Weil den Frauen dabei oft mehr als nur eine befruchtete Eizelle eingepflanzt wird, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Mehrlingsgeburt. „Die enormen Veränderungen der globalen Zwillingsraten gehen zum großen Teil auf den vermehrten Einsatz der medizinisch assistierten Reproduktion zurück“, erklären Monden und sein Team.

Dieser Zusammenhang spiegelt sich auch im zeitlichen Verlauf wider: Während Anfang der 1980er-Jahre diese Reproduktions-Technologien noch kaum verbreitet waren, sind sie inzwischen in den meisten Industrie- und Schwellenländern etabliert. In der Folge stiegen dort auch die Zwillingsraten. Und noch etwas kommt hinzu: In diesen Ländern bekommen die Frauen heute deutlich später Kinder als früher. Doch je älter die Mutter bei der Befruchtung ist, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit für Zwillinge.

Welcher dieser beiden Faktoren überwiegt, ist allerdings je nach Land unterschiedlich: „In Spanien, Griechenland und Singapur ist der Effekt der künstlichen Befruchtung fünf bis sechs mal höher als der der späteren Geburt“, berichten die Wissenschaftler. In Deutschland, Frankreich und Schweden spielt die Reproduktionsmedizin dagegen nur einen doppelt so große Rolle wie das steigende Alter der Mütter.

Afrika hat eine Sonderstellung

Anders ist die Lage in Afrika: Dort gibt es schon immer die meisten Zwillingsgeburten weltweit. Der Grund: Die Neigung zu Zwillingsgeburten beruht zum Teil auf genetischer Veranlagung, weshalb sich Zwillinge oft in bestimmten Familien häufen. In vielen Populationen Afrikas sind solche Gene besonders stark verbreitet. Das führt dazu, dass Afrika überdurchschnittlich hohe Zwillingsraten aufweist.

Der relative Anteil der Zwillinge in Afrika hat sich seit den 1980er-Jahren nicht verändert, wie Monden und sein Team feststellten. Allerdings gibt es dort heute trotzdem mehr Zwillinge, weil die Geburtenrate insgesamt angestiegen ist. „In Afrika ist diese Zunahme fast vollständig auf das Bevölkerungswachstum zurückzuführen“, sagt Monden.

In Südamerika hat dies die entgegengesetzte Wirkung: Weil dort die genetische Veranlagung für Zwillinge vor allem in der indigenen Bevölkerung nur schwach ausgeprägt ist, sind die Zwillingsraten von Natur aus niedrig. Das Bevölkerungswachstum verstärkt diesen Trend dort eher. (Human Reproduction, 2021; doi: 10.1093/humrep/deab029)

Quelle: European Society of Human Reproduction and Embryology

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