Studie: Von extremer Untreue zu absoluter Treue ist nur ein minimaler evolutionärer Prozess nötig Treue Männer bringen keine Blumen - scinexx | Das Wissensmagazin
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Studie: Von extremer Untreue zu absoluter Treue ist nur ein minimaler evolutionärer Prozess nötig

Treue Männer bringen keine Blumen

Ein Purpurkopf-Staffelschwanzmännchen, das als absolut treu gilt © Doug Adams / Australian Wildlife Conservancy

Von extremer Untreue zu absoluter Treue ist nur ein minimaler evolutionärer Prozess nötig – zumindest bei bestimmten Vögeln. Dies haben jetzt Wissenschaftler in einer Studie an Australiens Staffelschwänzen belegt. Sie berichten über ihre Ergebnisse in der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift „BMC Ecology“.

Staffelschwänze sind bunte und charismatische australische Singvögel. Obwohl sie so klein sind wie ein Zaunkönig, sind sie langlebig. Sie leben in Paaren, die ein gemeinsames Revier verteidigen und zusammen ihre Jungen großziehen. Die Staffelschwänze gelten daher wie die meisten Vogelarten als sozial monogam.

Alle der bisher untersuchten Staffelschwanzarten sind aber für ihre Untreue berüchtigt. In fast jeder Brut finden sich Nachkommen, die außerhalb des Paarbundes gezeugt wurden. Aber nicht nur die Weibchen sind notorische Fremdgeher. So finden sich bei den Männchen zahlreiche Anpassungen in Morphologie und Verhalten, die mit außerehelichem Paarungsverhalten assoziiert sind.

Blumen als Hilfsmittel

Ihre Reproduktionsorgane haben sich stark vergrößert und die Männchen können mehrmals pro Tag dabei beobachtet werden, wie sie ihr Territorium und ihre Partnerin verlassen. Dann bezirzen sie andere Weibchen in der Umgebung, oft mit Hilfe einer Blume.

Inmitten dieser Gattung haben Forscher des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell und der Universität Freiburg nun einen sehr treuen Vertreter gefunden, den Purpurkopf-Staffelschwanz. Die Forscher zeigten, dass nahverwandte Arten mit ähnlicher Lebensweise sich stark in dem Grad der Partnertreue unterscheiden können. Bislang wurden Gründe für außereheliche Partnerschaften unter anderem durch die unterschiedlichen Lebensweisen der verschiedenen Arten erklärt.

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Vaterschaftstests durchgeführt

Sjouke Anne Kingma und seine Kollegen haben im Rahmen ihrer Studie von einer in Westaustralien lebenden Population Proben von 227 Nachkommen aus 104 Nestern genommen und genetische Vaterschaftsanalysen durchgeführt. Bei allen außer zehn Nachkommen war der Vater auch der soziale Partner der Weibchen.

Besonders erstaunte die Wissenschaftler, dass den Männchen der Purpurkopf-Staffelschwänze Anpassungen in Morphologie oder Verhalten fehlten, die bei den promiskuitiven nahen Verwandten stark ausgeprägt sind. So mausern sich zum Beispiel die untreuen Staffelschwanzarten zur Brutzeit in ein buntes Federkleid. Im Gegensatz dazu bekommen die Purpurkopf-Staffelschwänze nur ein paar bunte Federn.

Treue Gatten brauchen keine Präsente

Auch sind die Reproduktionsorgane der Purpurkopf-Staffelschwänze nach Angaben der Forscher viel kleiner als bei anderen Staffelschwanzarten, was ein Hinweis für eine geringe Paarungskonkurrenz zwischen Männchen ist. Und während die Liebhaber bei der Partnerwerbung Blütenblätter präsentieren, haben die Freilandforscher in über 300 Beobachtungsstunden ein solches Verhalten bei den treuen Gatten der Purpurkopf-Staffelschwänze nicht beobachtet.

„Wir waren überrascht von der weiblichen Treue und der drastischen Reduzierung des Wettbewerbs zwischen den Männchen“, so Kingma. Denn in Bezug auf die Brutbiologie und Ökologie finden sich nur geringe Unterschiede zwischen der treuen und den untreuen Staffelschwanzarten. Die Forscher schlussfolgern, dass sich Paarungssysteme in der Entwicklungsgeschichte schneller ändern können, als bisher angenommen.

Hoch entwickeltes Paarungssystem

„Die nahe Verwandtschaft dieser Arten impliziert, dass diese Anpassungen in nur einem Ereignis im Artbildungsprozess verloren gingen“, sagt der Wissenschaftler. Sogar ein so hoch entwickeltes Paarungssystem wie das der Purpurkopf-Staffelschwänze könnte also in relativ kurzer stammesgeschichtlicher Zeit verschwinden, ohne klare assoziierte Änderungen in anderen biologischen Aspekten.

Dies habe auch Auswirkungen auf das Verständnis der verschiedenen Paarungssysteme: „Wenn die Unterschiede zwischen den Arten weder durch Abstammung, noch durch das Sozialsystem und ökologische Faktoren zu erklären sind, könnte das ein Grund dafür sein, warum wir noch weit vom Verständnis der evolutionären Grundlagen für außerehelichen Vaterschaften entfernt sind“, erklärt der Ornithologe.

(MPG, 20.05.2009 – DLO)

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