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Tod beim Fraß

Seltenste Schlange Nordamerikas stirbt beim Verschlingen eines Hundertfüßers

Tantilla oolitica
Diese Schlange der Art Tantilla oolitica starb beim Versuch, einen großen Hundertfüßer zu verschlingen. © Drew Martin

Tödliches Duell: Dieses Exemplar der seltensten Schlange Nordamerikas starb buchstäblich an ihrer Gier – sie erstickte, als sie einen riesigen Hundertfüßer zu verschlingen versuchte. Der Hundertfüßer war etwa ein Drittel so groß wie die Schlange und steckte in ihrem Hals fest. Im Todeskampf hatte der Hundertfüßer der Schlange noch einen Giftbiss verpasst, der ihr aber offenbar kaum schadete. Tödlich war hingegen das Abdrücken der Luftröhre durch den dicken Leib der Beute.

Die zu den Nattern gehörende Schlangenart Tantilla oolitica ist akut vom Aussterben bedroht und gilt als die seltenste Schlange Nordamerikas. Sie kommt nur noch auf einigen der Keys, den Florida vorgelagerten Inseln, vor. Ihr einstiger Lebensraum – felsige, von Kiefern bewachsene Landschaften – ist nahezu völlig von Städten und Siedlungen verdrängt. Die Schlange ist daher so selten geworden, dass vier Jahre lang kein Exemplar mehr gesichtet worden war.

Schlange
Tantilla oolitica ist so klein, dass sie auf eine Handfläche passt. © Jerald Pinson

Tod mit Hundertfüßer im Maul

Umso spannender ist ein Fund, den ein Wanderer jetzt auf der Insel Key Largo gemacht hat: Er stieß neben einem Pfad auf eine kleine tote Schlange, der ein fast ebenso großen Hundertfüßer aus dem Maul ragte. „Ich war erstaunt, als ich die ersten Fotos sah“, berichtet Coleman Sheehy, Herpetologe am Florida Museum. „Es ist schon extrem selten, Schlangen zu finden, die beim Verschlingen ihrer Beute gestorben sind. Aber angesichts der Rarität dieser Spezies hätte ich nie erwartet, jemals so etwas zu sehen.“

Die Schlange war augenscheinlich gestorben, als sie versuchte, den Hundertfüßer zu fressen. Dieser war rund ein Drittel so lang wie die Schlange, fast genauso dick und steckte bereits zur Hälfte im Schlund des Reptils. Das fatale Duell enthüllt damit erstmals, was diese Schlangenart frisst – bisher war sie so selten, dass sie noch nie jemand bei der Jagd oder beim Fressen beobachten konnte. Unklar blieb aber zunächst, warum das Tier an dieser Mahlzeit verendet war – eigentlich ist das Verschlingen großer Beute für Schlangen kein Problem.

Giftbiss und Blutungen

Um mehr über die Todesursache der Schlange herauszufinden, untersuchten die Wissenschaftler das im Tode vereinte Paar mithilfe spezieller Kontrastmittel und einer hochauflösenden Computertomografie. „Wir konnten dadurch eine digitale Autopsie vornehmen, die es uns erlaubte, Verletzungen und Innenleben von Hundertfüßer und Schlange zu untersuchen, ohne ein Skalpell in die Hand nehmen zu müssen“, sagt Jaimi Gray vom Florida Museum.

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Das digitale Modell des toten Paares enthüllte eine Wunde an der Seite der Schlange, die offenbar von den starken Kiefern des Hundertfüßers stammte. Könnte der Giftbiss des Hundertfüßers die Todesursache gewesen sein? Wie die Forschenden erklären ist dies eher unwahrscheinlich, weil Schlangen, die solche Centipeden fressen, meist weitgehend immun gegen deren Toxine sind. Allerdings zeigten die Aufnahmen auch, dass der Biss leichte innere Blutungen bei der Schlange verursacht haben muss.

Luftröhre abgedrückt

Doch die Todesursache der Schlange waren weder der Biss noch das Gift ihrer wehrhaften Beute. Stattdessen enthüllten die CT-Aufnahmen, dass die Luftröhre der Schlange deutlich eingedrückt war: Dort, wo der halb im Schlund der Schlange steckende Hundertfüßer am dicksten war, hatte er offenbar die Luftzufuhr seines Fressfeinds abgedrückt – die Schlange war an ihrer Mahlzeit erstickt. Das Reptil hat demnach buchstäblich das Maul zu voll genommen.

Für die Biologen ist dieser Fund gleich in mehrfacher Hinsicht wertvoll: Er hat erstmals bestätigt, dass Tantilla oolitica Hundertfüßer frisst, und er hat ihnen die allerersten CT-Aufnahmen dieser Art überhaupt beschert. Damit nun auch andere Schlangenforscher diese Aufnahmen studieren können, hat das Team sie nun frei zugänglich ins Netz gestellt. „Diese Studie ist erst der Anfang dessen, was wir über diese rätselhafte Art aus den Daten lernen werden“, sagt Sheehey. (Ecology, 2022; doi: 10.1002/ecy.3857)

Quelle: Florida Museum of Natural History

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