Ökologischer Wandel begünstigt das Überleben kleiner und schnelllebiger Spezies Tiere werden immer kleiner - scinexx | Das Wissensmagazin
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Tiere werden immer kleiner

Ökologischer Wandel begünstigt das Überleben kleiner und schnelllebiger Spezies

Nashorn
Große Tiere wie das Nashorn haben es in Zukunft schwer - im Gegensatz zu kleineren Arten. © jnnault/ istock

Klein schlägt groß: Die Tierwelt könnte innerhalb der nächsten 100 Jahre nicht nur zahlenmäßig schrumpfen, sondern auch in Bezug auf die Körpergröße der Arten. Denn wie Forscher herausgefunden haben, sind vor allem große Säugetiere und Vögel vom Aussterben bedroht. Viele kleine Arten kommen dagegen besser mit ökologischen Veränderungen zurecht. Sie werden die Ökosysteme daher in Zukunft dominieren, so die Prognose.

Der globale Biodiversitätsbericht hat es vor kurzem mehr als deutlich gemacht: Der Mensch verändert die Ökosysteme der Erde durch sein Wirken so drastisch, dass immer mehr Pflanzen und Tiere keine Lebensgrundlage mehr haben. Weltweit sind derzeit eine Million Spezies vom Aussterben bedroht, viele andere sind bereits endgültig von diesem Planeten verschwunden.

Doch welche Lebewesen sind am stärksten gefährdet? Gibt es womöglich bestimmte Merkmale, die eine Art besonders anfällig für die vom Menschen verursachten Veränderungen machen? Dieser Frage sind nun Robert Cooke von der University of Southampton und seine Kollegen nachgegangen – am Beispiel von Vögeln und landlebenden Säugetieren. Für ihre Studie betrachteten sie insgesamt 15.484 Spezies, deren Lebensweise und Überlebensstrategien sie analysierten.

Körpermerkmale im Blick

Konkret schauten sich die Wissenschaftler dabei fünf wesentliche Merkmale an: Neben der Körpergröße, der Anzahl der Jungtiere und der Zeitspanne zwischen zwei Generationen dokumentierten sie, wie sich ein Tier ernährt und ob es eher ein Generalist oder ein Spezialist ist. Kommt die Art also in vielfältigen Lebensräumen vor oder kann sie nur in ganz speziellen ökologischen Nischen überleben?

Diese Daten kombinierte das Forscherteam anschließend mit Informationen aus der Roten Liste der bedrohten Arten der Weltnaturschutzunion (IUCN) und ließ sie in ein Modell einfließen, um Vorhersagen für die Zukunft zu erstellen: Welche Tiere werden in den kommenden 100 Jahren aussterben und lassen sich dabei bestimmte Muster erkennen?

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Klein gewinnt

Die Ergebnisse offenbarten: Tatsächlich hängen die künftigen Überlebenschancen einer Spezies stark von deren charakteristischen Merkmalen ab. Demnach sind die Prognosen vor allem für kleine, schnelllebige, sehr fruchtbare und insektenfressende Tiere gut, die mit unterschiedlichen Lebensbedingungen zurechtkommen. Dazu gehören unter anderem Nagetiere wie die Zwergrennmäuse und Singvögel wie der Mahaliweber aus der Familie der Webervögel.

Zu den Verlierern gehören dagegen weniger anpassungsfähige Arten, die sich nur langsam fortpflanzen und auf ganz bestimmte Umweltbedingungen angewiesen sind. In der Regel handelt es sich bei diesen Arten um vergleichsweise große Tiere, wie Cooke und seine Kollegen berichten: etwa den Raubadler oder das Spitzmaulnashorn.

25 Prozent weniger Körpermasse?

Dieser Nachteil für die großen Arten wird die Tierwelt sichtbar verändern. Wie die Analysen ergaben, werden kleine Spezies in Zukunft klar dominieren, während große immer seltener werden. Durch diese Verschiebung wird zum Beispiel die mittlere Körpermasse der Säugetiere im Laufe des nächsten Jahrhunderts um 25 Prozent abnehmen – die Tierwelt schrumpft.

„Wir zeigen damit, dass das Verschwinden von Säugetieren und Vögeln nicht zufällig verläuft. Es handelt sich vielmehr um einen selektiven Prozess, bei dem bestimmte Lebewesen abhängig von ihren Merkmalen und ihrer Anfälligkeit für ökologische Veränderungen herausgefiltert werden“, konstatiert Cookes Kollege Felix Eigenbrod.

Rasanter Prozess

Wie die Wissenschaftler betonen, hat es ähnliche Entwicklungen in Sachen Körpergröße zwar bereits in der Vergangenheit gegeben – unter anderem nach der letzten Zwischeneiszeit. Der nun prognostizierte Wandel verlaufe jedoch deutlich rasanter. Zum Vergleich: Seit der letzten Zwischeneiszeit vor 130.000 Jahren bis heute haben Tiere im Durchschnitt vermutlich nur 14 Prozent ihrer Körpermasse eingebüßt.

„Das substanzielle Schrumpfen, das wir vorhersagen, könnte langfristig mit weiteren negativen Folgen für die Ökosysteme einhergehen“, warnt Cooke. „Denn einerseits ist dieser Prozess zwar eine Folge ökologischer Veränderung. Andererseits könnte das Schrumpfen der Tierwelt weitere Veränderungen erst antreiben.“ So übernähmen viele der vom Aussterben bedrohten Arten eine Schlüsselrolle in ihrem Lebensraum.

„Noch ist Zeit“

Das Forscherteam sieht die Ergebnisse der Studie daher auch als Anlass, um erneut für mehr Naturschutz zu plädieren. „So lange bedrohte Arten existieren, ist noch Zeit, sie zu retten. Wir hoffen, dass unsere Arbeit in diesem Zusammenhang wertvolle Hinweise liefern kann“, schließt Mitautorin Amanda Bates von der Memorial University of Newfoundland. (Nature Communications, 2019; doi: 10.1038/s41467-019-10284-zv)

Quelle: University of Southampton/ Nature Press

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