Vermeintlicher Pflanzen-Extrakt enthält nicht zugelassenen Azo-Farbstoff Textilfarbe in Lebensmitteln nachgewiesen - scinexx | Das Wissensmagazin
Anzeige
Anzeige

Vermeintlicher Pflanzen-Extrakt enthält nicht zugelassenen Azo-Farbstoff

Textilfarbe in Lebensmitteln nachgewiesen

Lebensmittelfarben sollen unser Fleisch appetitlich rot aussehen lassen. © Andrei Kiselev/ thinkstock

Unappetitlicher Fund: Unseren Lebensmitteln könnten teilweise Textilfarben beigemischt sein. In einem angeblich natürlichen Hibiskus- und Rote-Beete-Extrakt fanden Forscher jetzt die Textilfarbe „Reactive Red 195“. Dieser beigemischte Azofarbstoff ist nicht für Lebensmittel zugelassen. Ob er ähnlich gesundheitsbedenklich wirkt wie andere Azofarbstoffe, ist bislang unklar.

In der Lebensmittelindustrie ist es Gang und Gäbe, Lebensmittel mit Farbstoffen zu färben. Unser Essen soll dadurch appetitlicher aussehen und beispielsweise bei Wurstwaren die graue Tönung von unbehandeltem Fleisch überdecken. Um der Wurst einen rötlichen Ton zu verleihen, nutzen Hersteller häufig natürliche Farbstoffe: „Sind diese Farbstoffe in sogenannten färbenden Lebensmitteln enthalten, müssen diese nicht als Zusatzstoffe mit E-Nummern auf der Verpackung deklariert werden“, erklärt der Lebensmittelexperte Reinhold Carle von der Universität Hohenheim“

Natürliche Farbstoffe sind allerdings häufig nicht sehr licht – und hitzestabil und können zudem bei unterschiedlichen pH-Werten ihren Farbton verändern. Lebensmittelhersteller wünschen sich daher einen natürlichen Farbstoff, der stabiler ist. Seit 2015 schien es diesen Farbstoff zu geben: ein Produkt, das laut Beschreibung lediglich natürliche Farbstoffe beinhaltet und trotzdem stabil ist.

Verdächtig brillant

Weil dieser Farbstoff aber so viel intensiver färbte als bekannte natürliche Lebensmittelfarbstoffe, hatten Lebensmittelhersteller Verdacht geschöpft und sich an die Lebensmittelexperten der Universität Hohenheim gewandt.

Die Forscher analysierten daraufhin die unterschiedlichen Inhaltsstoffe des angeblich natürlichen Hibiskus-Rote-Beete-Extrakts. Für die Untersuchung nahmen die Forscher drei Proben des Färbemittels aus Deutschland, Frankreich und der Türkei. Diese Proben untersuchten sie mit einem speziellen Flüssigkeitschromatographen mit gekoppelter Massenspektrometrie.

Anzeige

Versteckter Textilfarbstoff

Dabei entdeckten die Wissenschaftler, dass die Hibiskus-Pigmente (Anthocyane) gänzlich fehlten. Sie fanden lediglich Spuren der charakteristischen Rote-Bete-Pigmente (Betalaine). Stattdessen entdeckten sie in dem Färbemittel aber ein unbekanntes Pigment, das auch die Farbbrillanz und Stabilität des Farbstoffs ausmacht.

Typisch für Azo-Farbstoffe ist die Stickstoff-Doppelbindung. © Gemeinfrei

Dieser spezielle Farbstoff stimmte in seinen Eigenschaften verdächtig gut mit einem zum Färben von Textilien verwendeten Azofarbstoff überein. „Die Analysedaten ließen uns vermuten, dass ‚Reactive Red 195‘ beigemischt sein könnte“, so Carle. „Deshalb analysierten wir den Original-Textilfarbstoff in einer vergleichenden Untersuchung“

Nach dieser Analyse konnten die Forscher ein eindeutiges Ergebnis bekannt geben: „Wir können zweifelsfrei davon ausgehen, dass alle drei Muster den identischen Textilfarbstoff enthielten.“ Bei dem in der Lebensmittelfarbe entdeckten Pigment handelt es sich demnach um den Farbstoff Reactive Red 195, der zum Einfärben von Textilien verwendet wird.

Gesundheitliche Wirkung noch unklar

Was der Textilfarbstoff im Körper genau bewirkt, wissen die Forscher noch nicht: „Bekannt ist, dass die Chemikalie zu den Azofarbstoffen gehört. Einige stehen im Verdacht, bei Kindern zu Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörungen zu führen“, sagt Carle. Aufgrund der sogenannten Southampton-Studie von 2007 müssen Lebensmittel, die solche Farbstoffe enthalten, seit 2010 in der EU den Warnhinweis tragen: „Kann Aktivität und Aufmerksamkeit bei Kindern beeinträchtigen.“

Der Textilfarbstoff Reactive Red 195 ist laut Carle jedoch nicht für Lebensmitteln zugelassen. „Ein Versehen erscheint uns unwahrscheinlich“, erklärt sie „Die Vorgehensweise legt nahe, dass hier ein Experte am Werk war, der das Lebensmittelrecht kennt und weiß, wie man durch täuschende Produktdeklaration die Gesetze umgehen kann.“

Oft schwer nachzuweisen

Die Untersuchung zeigte allerdings auch, wie schwer eine Überwachung von Farbstoffen sein kann. Denn sobald das Färbemittel in Lebensmitteln verarbeitet wird, ist es kaum noch nachzuweisen. „Der Grund für die Analyse-Schwierigkeiten liegt in der Natur des Textilfarbstoffes“, erklärt Carle: „Reaktiv-Farbstoffe wie Reactive Red 195 reagieren mit organischen Stoffen und verbinden sich weitgehend untrennbar mit ihnen.“

Bei Textilien sei das so gewünscht: Textilfarbstoffe sollen sich beispielsweisefest an die Baumwollfasern eines T-Shirts binden, damit sie beim Waschen nicht ausbleichen. Da Lebensmittel auch aus organischem Material bestünden, trete hier der gleiche Effekt ein, erklärt der Forscher. Daher seien diese Farbstoffe nach dem Einbringen in Lebensmitteln kaum noch nachweisbar. (Food Control, 2016; doi: 10.1016/j.foodcont.2016.06.012)

(Universität Hohenheim, 19.09.2016 – HDI)

Anzeige

In den Schlagzeilen

Diaschauen zum Thema

Dossiers zum Thema

Umweltgifte - Neue Gefahr für die Gesundheit des Menschen?

News des Tages

Einschlag

Interstellares Objekt traf die Erde

Tote Schweinehirne "reanimiert"

Erstes Molekül des Universums nachgewiesen

Merkur: Innerer Kern ist doch fest

HIV: Vielversprechender Antikörper getestet

Bücher zum Thema

Von Alkohol bis Zucker - 12 Substanzen, die die Welt veränderten von Christian Mähr

Sushi - Für Biss- und Wissgierige von Ole G. Mouritsen (Autor) und Silke Schmidt (Übersetzerin)

Die Molekül-Küche - Physik und Chemie des feinen Geschmacks von Thomas Vilgis

Top-Clicks der Woche

Anzeige
Anzeige