Polizeidaten widerlegen Annahme einer ohnehin schlechten Selbsteinschätzung Selbstsichere Zeugen sind doch verlässlicher - scinexx | Das Wissensmagazin
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Polizeidaten widerlegen Annahme einer ohnehin schlechten Selbsteinschätzung

Selbstsichere Zeugen sind doch verlässlicher

Wie sicher ist die Zeugin bei der Identifizierung des Täters? © Rich Legg /thinkstock

Augenzeugen auf dem Prüfstand: Ein Experiment bei der Polizei von Houston entlarvt gleich zwei Annahmen zu Zeugenaussagen als falsch. So ist die Selbsteinschätzung eines Zeugen sehr wohl ein wichtiger Indikator dafür, ob seine Aussagen verlässlich ist oder nicht. Und eine Gegenüberstellung, bei der alle Personen gleichzeitig zu sehen sind, ist effektiver als Nacheinanderzeigen der Täterfotos. Hier müssten Polizei und Justiz nachbessern, so die Forscher im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“.

Bei der Aufklärung eines Unfalls oder Verbrechens kommt es oft auf Augenzeugen an. Doch ob eine Zeugenaussage verlässlich ist, scheint eher Glückssache. So zeigen Studien, dass übernächtigte Zeugen sich häufiger falsch erinnern und dass eine Falschaussage selbst dann vorkommen kann, wenn der Zeuge sich völlig sicher ist. Unter anderem deshalb nahm man bisher an, dass die Selbstsicherheit eines Zeugen kein geeigneter Indikator für die Zuverlässigkeit seiner Aussage ist.

Ein Täter, fünf Unschuldige

John Wixted von der University of California in San Diego und seine Kollegen haben dies nun noch einmal überprüft, indem sie die Ergebnisse von 348 Gegenüberstellungen der Polizei von Houston aus dem Jahr 2013 auswerteten. Polizisten im Raubdezernat zeigten dabei im Rahmen ihrer Aufklärungsarbeit 717 Augenzeugen jeweils sechs Fotos, entweder nacheinander oder auf einmal. Ein Foto zeigte den realen Täter, die anderen waren Füllfotos.

Alle Zeugen wurden nicht nur danach gefragt, wen sie wiederkennen, sondern auch, wie sicher sie sich bei der Identifizierung waren. Zudem wussten auch die Polizisten nicht, welches Foto der mutmaßliche Täter war – dies sollte sicherstellen, dass sie die Augenzeugen nicht durch unwillkürliche Signale beeinflussen.

Gleichzeitig ist besser als Nacheinander

Das Ergebnis entlarvt gleich zwei Annahmen als falsch: Zum einen erwies sich die Gegenüberstellung mittels gleichzeitig gezeigter Fotos als deutlich verlässlicher als wenn man die Fotos nacheinander präsentiert, wie die Forscher berichten. Das ist genau das Gegenteil von dem, was momentan im US-Rechtssystem empfohlen wird. Denn dort sollen die Polizeidienststellen nach Möglichkeit auf das Nacheinander-Präsentieren umstellen.

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Die zweite Erkenntnis: Die von den Zeugen selbst geäußerte Sicherheit in Bezug auf ihr Urteil ist von weitaus größerer Bedeutung als bisher angenommen. Bei den Gegenüberstellungen erwiesen sich die Angaben von selbstsicheren Augenzeugen als deutlich verlässlicher und treffsicherer als bei den ihrer Sache weniger sichereren, wie die Auswertung ergab. „Die meisten falschen Identifizierungen wurden von Zeugen gemacht, die ihre Unsicherheit klar artikulierten“, sagt Wixted.

Wie sicher ist sich der Zeuge?

Daher gelte es, die Selbstsicherheit des Zeugen mit zu berücksichtigen. „Zu der Zeit, in der die Zeugen ihre erste Identifizierung machen, können sie uns sehr wohl verlässliche Angaben über ihre eigene Treffsicherheit machen“ , so Wixted. „Wenn man dann Zweifel der Zeugen ignoriert, begeht man einen schweren Fehler.“ Immerhin gelten falsche Zeugenaussagen als eine der größten Ursachen für Fehlurteile in den USA.

Umgekehrt ist es nach Ansicht der Forscher aber genauso falsch, Zeugenaussagen und auch die Selbsteinschätzung der Zeugen pauschal als unzuverlässig abzutun. In einigen US-Gerichten werden die Juroren sogar angewiesen, nicht mit zu berücksichtigen, wenn ein Augenzeuge seine Zweifel oder seine Selbstsicherheit in Bezug auf die Identifizierung äußert. „Das ist ein großer Fehler, den unser Rechtssystem da macht“, konstatiert Wixted. „Denn die Selbsteinschätzung eines Zeugen ist sehr wohl ein Indikator für dessen Treffsicherheit.“ (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2015; doi: 10.1073/pnas.1516814112)

(University of California San Diego, 22.12.2015 – NPO)

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