Die Form des Weißen im Auge reicht schon aus, um Angst oder die Blickrichtung zu vermitteln Schon Babys lesen Gefühle von den Augen ab - scinexx | Das Wissensmagazin
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Die Form des Weißen im Auge reicht schon aus, um Angst oder die Blickrichtung zu vermitteln

Schon Babys lesen Gefühle von den Augen ab

Ich weiß, was du fühlst: Schon Babys können Angst in den Augen anderer unbewusst wahrnehmen. © MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften/ Kerstin Flake

Verräterische Augen: Schon Säuglinge können anderen Menschen die Gefühle an den Augen ablesen. An Form und Größe des Weißen im Auge erkennen sie, ob jemand sie fixiert, ängstlich oder fröhlich ist, wie Experimente deutscher Forscher belegen. Der Mensch ist demnach schon von frühester Kindheit an darauf geeicht, die Stimmung seiner Mitmenschen wahrzunehmen, so die Forscher im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“.

Wir Menschen lernen viel über unser Gegenüber, wenn wir ihm in die Augen blicken. Die Augen sagen uns, wie sich unser Gesprächspartner fühlt. Durch unsere Blicke können wir zudem unsere Kommunikation koordinieren. Wenn wir einen Menschen treffen, schauen wir ihm deshalb zuerst in die Augen. Die weiße Lederhaut des Augapfels, die Sclera, hat dabei eine zentrale Signalfunktion.

Das Weiße im Auge verrät einiges

Die Lederhaut verrät uns beispielsweise, ob ein Mensch Angst hat und wohin er gerade blickt: Die Augen sind dann geweitet und die Lederhaut erscheint dadurch größer. Schweift sein Blick ängstlich umher, ist das ein Hinweis auf Gefahr in der Umgebung. Schaut er sein Gegenüber auf diese Weise direkt an, drückt er damit Angst vor seinem Gesprächspartner aus.

Auch Neugeborene registrieren Blicke und reagieren darauf. So erkennen sie bereits, ob jemand sie direkt anblickt oder nicht. Sie versuchen auch, dem Blick eines anderen Menschen zu folgen. Woran sie die Blickrichtung jedoch erkennen und ob sie auch die Stimmung an den Augen ablesen, blieb unklar. Sarah Jessen und Tobias Grossmann vom Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig haben dies nun in Experimenten mit sieben Monate alten Säuglingen untersucht.

Die Babys sahen nur schematisierte Augen, von denen nur die Sclera zu sehen war. © Sarah Jessen & Tobias Grossmann/ PNAS 2014

Deutliche Reaktion

In ihrer Studie zeigten sie Säuglingen jeweils kurz Bilder von Augen, die die Säuglinge direkt anblickten oder an ihnen vorbei sahen. Die Wissenschaftler hatten die Fotos so verändert, dass nicht die kompletten Augen zu sehen waren, sondern nur die Sclera. Einige Bilder waren zudem so verändert, dass die Sclera einem typisch ängstlichen Ausdruck entsprach. Mithilfe von Elektroden, die vorne und hinten am Kopf aufgeklebt waren, zeichneten die Forscher die Gehirnaktivität der Babys auf.

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Das Ergebnis: An stärksten reagierten die Säuglinge auf ängstlichen Augen. Obwohl sie nur die Sclera sehen, löste der Anblick in ihrem Gehirn starke elektrische Aktivität aus, wie die Forscher berichten. Das Gehirn reagierte dabei stärker, wenn die Augen die Säuglinge direkt anzusehen schienen. Ein ängstlicher Blick am Kind vorbei rief schwächere Potenziale in den Arealen hinter der Stirn hervor, die für höhere geistige Fähigkeiten und Aufmerksamkeit zuständig sind

Unbewusst auf Gefühls-Einschätzung gepolt

Diese Reaktion läuft unbewusst ab, wie die Wissenschaftler erklären. Denn sie zeigten den Säuglingen jedes Bild immer nur 50 Millisekunden lang – zu kurz, um von den Babys bewusst wahrgenommen zu werden. „Schon im Alter von sieben Monaten können Säuglinge demnach Angst aus den Augen ihres Gegenübers lesen, ohne dass ihnen das bewusst wird“, so Jessen. „Sie verlassen sich dabei ausschließlich auf die Form der Sclera.“

„Dass Menschen die Blicke und Gefühle anderer schon von frühester Kindheit an lesen können, ist ein Indiz dafür, wie wichtig diese Fähigkeit für unser Zusammenleben ist“, sagt Grossmann. Sich auf die Augen und die Blickrichtung konzentrieren zu können ist somit ein wichtiges Kennzeichnen für eine gesunde, soziale Entwicklung. Säuglinge, bei denen dies zwischen dem zweiten und sechsten Lebensmonat nachlässt, weisen beispielsweise später oft soziale Defizite auf oder erkranken an Autismus. (Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), 2014; doi: 10.1073/pnas.1411333111)

(Max-Planck Gesellschaft, 28.10.2014 – NPO)

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