Menschenaffen beugen sich nicht dem Druck der Mehrheit - es sei denn, sie profitieren Schimpansen sind keine Konformisten - scinexx | Das Wissensmagazin
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Menschenaffen beugen sich nicht dem Druck der Mehrheit - es sei denn, sie profitieren

Schimpansen sind keine Konformisten

Haben ihren eigenen Kopf: Schimpansen © MPI für Psycholinguistik

Wer dazu gehören will, fügt sich oft der Mehrheit – in Verhalten und auch Meinung. Nicht so unsere nächsten Verwandten: Wenn es ihnen keine handfesten Vorteile bringt, passen sich Schimpansen nicht dem Mehrheitsverhalten an. Wenn allerdings ein Strategiewechsel ihnen mehr Belohnung verspricht, erweisen sich die Menschenaffen durchaus als flexible Opportunisten, wie Forscher im Fachmagazin „PloS ONE“ berichten.

Der Druck der Mehrheit ist eine starke Macht. Wer dazu gehören will, am Arbeitsplatz, in einer sozialen Gruppe oder ach in der Familie, fügt sich daher oft dem mehr oder weniger unterschwelligen sozialen Anpassungsdruck und passt sein Verhalten an das der Mehrheit an – sei es in punkto Kleidung, Ernährung oder Freizeitverhalten. Menschen handeln daher oft als Konformisten. Wie aber sieht es in dieser Hinsicht mit unseren nächsten Verwandten aus, den Schimpansen? Passen auch sie sich der Mehrheit an? Das haben Forscher des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik in Nijmegen und ihre Kollegen vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig nun untersucht.

Mehrheit allein animiert nicht zur Anpassung

Die Forscher untersuchten das Verhalten von 16 Schimpansen, die im Primatenforschungszentrum in Leipzig gehalten werden und zwölf halbwilde Schimpansen des Chimfunshi Wildlife Orphanage Trust in Sambia. Dort leben die Menschenaffen unter nahezu natürlichen Bedingungen. Für ihre Studie trainierten die Forscher eine kleine Minderheit beider Gruppen darauf, eine Sorte von Futterspender zu bedienen, die Mehrheit lernte, eine zweite Sorte zu bedienen. Bei beiden Geräten erhielten die Affen jeweils eine Erdnuss, wenn sie einen Ball in eine Öffnung steckten.

Die Wissenschaftler beobachteten nun, ob die Minderheit ihre Strategie änderte und ebenfalls im Laufe der Zeit den Futterspender der Mehrheit nutzte. Doch das war weder in der Leipziger noch in der sambischen Gruppe der Fall. „Schimpansen ziehen es offensichtlich vor, bewährte und gewohnte Strategien beizubehalten, statt die gleichermaßen erfolgreiche Strategie der Mehrheit anzunehmen“, erklärt Studienleiter Edwin van Leeuwen vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen. In dieser Hinsicht sind die Menschenaffen demnach keine Konformisten.

Welche Strategie bringt mehr Gewinn? © MPI für Psycholinguistik

Strategiewechsel für mehr Gewinn

In einem zweiten Experiment testeten die Forscher, ob sich das Verhalten der Schimpansen änderte, wenn nun nicht mehr beide Strategien – in diesem Fall beide Futterspender – gleich erfolgreich waren. Dafür manipulierten die den Futterspender der Minderheit so, dass er nun für jeden Ball statt wie bisher nur einer nun fünf Erdnüsse herausgab. Und das hatte Folgen: Immer mehr Schimpansen der Mehrheitsgruppe erkannten, dass die Maschine der Minderheit profitabler war und stellten sich nun an dieser an. Nach einiger Zeit hatten alle außer einem ihre Strategie gewechselt und sich der ehemaligen Minderheit angeschlossen.

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„Schimpansen ändern ihr Verhalten zwar nicht unter Mehrheits-Einfluss, sie passen es aber sehr wohl an, wenn sie ihren Gewinn maximieren können“, erklärt Van Leeuwen. Der Anreiz, das gewohnte Verhalten aufzugeben, sei offenbar dann stark genug, wenn sie dadurch mehr Belohnung erhalten können. „Erdnüsse sind ihnen wichtiger als Popularität“, scherzt der Forscher. Oder anders gesagt: Schimpansen sind zwar keine Konformisten, aber wenn die Gelegenheit günstig ist, handeln sie wie Opportunisten.

Die Biologen betonen allerdings, dass bisher nicht bekannt ist, wie stark sich diese Versuchsergebnisse auf das Verhalten von wildlebenden Schimpansen übertragen lassen. Denn dort könnte der Druck unter bestimmten Umständen eine stärkere Konformität erzwingen. „Schimpansenweibchen beispielsweise schließen sich im Freiland anderen Gruppen an, für sie ist es daher überlebenswichtig, sich möglichst gut in die neue Gruppe zu integrieren“, sagt Van Leeuwen. „Konformität in Form einer Anpassung an die jeweiligen Futtersuch-Strategien kann ihnen dabei helfen, diese Integration zu erreichen.“ (PloS ONE, 2013; doi: 10.1371/journal.pone.0080945)

(Max-Planck-Gesellschaft, 16.12.2013 – NPO)

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