Skurriles Werkzeug für den Paarungsakt bei 100 Millionen Jahre altem Fossil entdeckt Scheren gaben Urzeit-Insekt Halt beim Sex - scinexx | Das Wissensmagazin
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Skurriles Werkzeug für den Paarungsakt bei 100 Millionen Jahre altem Fossil entdeckt

Scheren gaben Urzeit-Insekt Halt beim Sex

Insekt mit Scherenwerkzeug: Das in Bernstein eingeschlossene Fossil eines Caputoraptor elegans. © Jan-Peter Kasper/ FSU

Für den perfekten Halt beim Sex: Forscher haben in einem 100 Millionen Jahre alten Bernstein eine bisher unbekannte Insektenart entdeckt. Das Besondere an der mit der Gottesanbeterin verwandten Spezies: Die Weibchen verfügten über ein seltsames, scherenartiges Körperteil. Dieses Werkzeug kam vermutlich bei der Paarung zum Einsatz – und stellte sicher, dass die Insektendamen nicht mitten im Akt vom Rücken ihres Auserwählten fielen.

Insekten sind sehr erfinderisch, wenn es darum geht, während der Paarung nicht den Halt zu verlieren. Manche Arten verhaken ihre Beine oder Antennen ineinander, um sich aneinander festzuhalten. Andere nutzen Saugnäpfe oder spezielle Zangen an ihrem Hinterleib. Eine weitere exotische – und einzigartige – Methode dieser Art haben Benjamin Wipfler von der Universität Jena und seine Kollegen nun bei einer bisher völlig unbekannten, inzwischen ausgestorbenen Insektenart entdeckt.

Rätselhaftes Werkzeug

Caputoraptor elegans heißt die neue, mit der Gottesanbeterin verwandte Art, die die Forscher konserviert in einem Bernstein aus Burma fanden. An dem 100 Millionen Jahre alten Fossil fiel ihnen sofort ein seltsames anatomisches Gebilde auf: „Am Kopf des etwa anderthalb Zentimeter großen Tieres befinden sich seitlich verlängerte, flügelartige Auswüchse, die perfekt mit Schneidekanten an der Schulterregion zusammenpassen“, berichtet Wipfler. „Wenn es also den Kopf hob und senkte, verhielten sich die beiden Körperteile wie die Klingen einer Schere.“

Doch wofür nutzte das Insekt dieses Werkzeug? Zwar weist das Gebilde den Wissenschaftlern zufolge durchaus Ähnlichkeiten mit einer Waffe auf – nicht zuletzt auch, weil der Teil am Thorax mit kleinen, scharfen Zähnen besetzt ist. Doch Wipfler glaubt nicht, dass Caputoraptor seine gefährlich anmutende Schere nutzte, um Beute zu machen: „Das Tier war zwar definitiv ein Jäger, wie uns seine Kopfform und die großen Augen verraten. Aber das Werkzeug eignete sich aufgrund seiner Position an der Halsregion und seines geringen Öffnungswinkels überhaupt nicht für die Jagd oder zur Verteidigung.“

Der Entomologe Benjamin Wipfler mit einem Modell des inzwischen ausgestorbenen Insekts. © Jan-Peter Kasper/ FSU

Für die Jagd ungeeignet

Zum einen wären Beutetiere mit dieser Körperpartie nicht in Berührung gekommen, wie der Forscher erklärt. Zum anderen verraten Haftstrukturen an den Beinen und die langen, ungeschützten Hinterflügel, dass das Tier im Blattwerk von Bäumen lebte und sich wahrscheinlich von Blattläusen ernährte. Die konnte es ohne großen Jagdaufwand einsammeln – eine spezielle Waffe oder Greifstruktur wäre nicht notwendig gewesen.

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Hinzu kommt, dass die Augen des Caputoraptor das Scherenwerkzeug nicht sehen konnten. Es befand sich sozusagen in einem toten Winkel. Wenn ein Feind von hinten angriff, war die Schere zur Abwehr nutzlos, wie das Team argumentiert.

Für Berührung gemacht

Feine Härchen an der Schulterklinge lassen stattdessen eine ganz andere Funktion vermuten: Der Mechanismus könnte auf Berührung reagiert haben – und zwar während der Paarung. „Wir gehen davon aus, dass bei der Kopulation zweier Tiere dieser Art das Weibchen auf den Rücken des Männchens kletterte und es dann mit dem Scherenmechanismus festhielt“, erklärt Wipfler.

An den kurzen, harten Vorderflügeln konnten die Klingen sich gut verankern und den Griff stabilisieren. Dies würde die Position des Werkzeugs perfekt erklären. Parallelen sehen die Forscher beispielsweise bei verwandten Schaben. Auch wenn die Paarung etwas anders verläuft, befindet sich das Weibchen bei diesen Insekten ebenfalls zunächst obenauf und das Männchen hebt dabei seine Vorderflügel.

Ein Puzzlestück fehlt noch

Allerdings: Das entscheidende Puzzlestück fehlt den Wissenschaftlern noch: „Leider haben wir bisher nur Weibchen und Jungtiere gefunden“, sagt Wipfel. „Uns fehlt das männliche Gegenstück, um überprüfen zu können, ob alles zusammenpasst.“

Dass er bereits ein männliches Exemplar in der Hand gehalten habe, könne er nicht ausschließen. Denn es sei möglich, dass nur die Weibchen das bisher hervorstechendste Merkmal der Gattung, nämlich das Scherenwerkzeug, aufweisen, und man so die Männchen einer anderen, ähnlichen Gattung zugeordnet habe. (Current Biology, 2018; doi: 10.1016/j.cub.2017.12.031)

(Friedrich-Schiller-Universität Jena, 29.01.2018 – DAL)

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