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Regenwürmer verblüffen Forscher

Lokale Regenwurm-Vielfalt ist in Europa größer als in den Tropen

junger Regenwurm
Regenwürmer kehren die sonst übliche Verteilung der Artenvielfalt um: Sie sind in unseren Breiten häufiger und artenreicher als in den Tropen. © Andy Murray

Überraschend anders: Unter der Erde ist die Artenvielfalt ganz anders verteilt als an der Oberfläche, wie Forscher am Beispiel der Regenwürmer entdeckt haben. Denn diese sind in unseren Breiten am häufigsten und artenreichsten – und nicht in den Tropen, wie die meisten oberirdischen Spezies. Dies wirft ein ganz neues Licht auf die unterirdische Lebenswelt unseres Planeten, so die Forscher im Fachmagazin „Science“.

Regenwürmer gibt es fast überall auf der Welt – sogar im Marsboden könnten sie überleben. Überall, wo der Boden nicht dauerhaft gefroren, zu sauer, zu nass oder vollkommen trocken ist, fressen Regenwürmer organisches Material, schützen Pflanzen, graben Löcher und mischen Humus und Erde. Sie fördern so wichtige Bodenfunktionen und gelten deshalb auch als Ökosystem-Ingenieure. Oft ist ihre unterirdische Biomasse sogar höher als die der über der Erde lebenden Säugetiere.

Mehr in unseren Breiten, weniger in den Tropen

Doch der enormen Bedeutung der fast omnipräsenten Bodenwühler war über ihre weltweite Verbreitung bisher nur wenig bekannt. Deshalb hat nun ein internationales Forscherteam um Helen Phillips vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) in Leipzig erstmals die Vielfalt, Dichte und Biomasse von Regenwürmern weltweit kartiert. In mehrjähriger Arbeit haben sie eine umfassende Regenwurmdatenbank zusammengestellt – mit Informationen von 6.928 Standorten aus 57 Ländern.

Die Auswertung ergab Überraschendes: Die Artenvielfalt und Dichte der Regenwürmer ist ganz anders verteilt als bei den meisten oberirdischen Lebewesen. Bei diesen nimmt die Biodiversität meist zu, je näher man dem Äquator kommt. Daher sind die Tropen besonders artenreich. Anders jedoch bei den Regenwürmern: An Standorten in den gemäßigten Breiten gibt es meist mehr Regenwürmer und mehr Regenwurmarten als an einem Ort gleicher Größe in den Tropen, wie die Forscher berichten.

„Eine solche Diskrepanz zwischen der ober- und unterirdischen Artenvielfalt ist zwar schon prognostiziert worden, wurde aber zuvor noch nie global für die kleinräumige Bodenfauna nachgewiesen“, so Phillips und ihr Team.

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Hotspots in Europa und Neuseeland

Konkret gibt es die meisten Regenwürmer in unseren Breiten und in den gemäßigten Breiten der Südhalbkugel: Hotspots mit Dichten von bis zu 150 Tieren pro Quadratmeter liegen demnach in Frankreich, Italien und Großbritannien, aber auch in Teilen Russlands und Chinas, sowie in Neuseeland, wie die Forscher berichten. Die höchste Biomasse mit rund 150 Gramm pro Quadratmeter fanden sie in der eurasischen Steppe und Teilen Nordamerikas.

Bei der Artenvielfalt liegen die Hotspots in Europa, dem Nordosten der USA und in Neuseeland. In diesen Gebieten leben bis zu sechs Regenwurmarten zusammen. Allerdings: In den Tropen sind es auf gleichem Raum zwar weniger, dafür haben die Regenwürmer dort kleinere Verbreitungsgebiete: „In den Tropen findet man alle paar Kilometer eine neue Gemeinschaft von Regenwurmarten“, berichtet Phillips. „Das könnte bedeuten, dass man in einem bestimmten Gebiet der Tropen zwar nur wenige Arten findet, die Gesamtzahl aller tropischen Regenwurmarten aber sehr hoch ist. Das wissen wir aber noch nicht.“

Dem Klimawandel ausgesetzt

Die Wissenschaftler haben auch untersucht, welche Umweltfaktoren die Vielfalt und Dichte der Regenwürmer beeinflussen. Demnach wirken sich Faktoren, die mit Niederschlag und Temperatur zusammenhängen, am stärksten aus. Dies bedeutet jedoch, dass auch die Regenwurmgemeinschaften künftig vom Klimawandel betroffen sein könnten. „Der Klimawandel könnte zu starken Veränderungen bei den Regenwürmern und den von ihnen beeinflussten Ökosystemleistungen führen“, warnt Phillips Kollege Nico Eisenhauer.

Wichtig auch: Die überraschend andere Verteilung der Regenwürmer demonstriert, dass ein Blick nur auf die oberirdische Artenvielfalt nicht ausreicht, um den ökologischen Wert eines Gebiets zu beurteilen. „Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel beim Schutz der biologischen Vielfalt“, sagt Eisenhauer. „Weil wir es nicht sehen, vergessen wir allzu leicht das faszinierende Leben unter unseren Füßen. Regenwürmer mögen im Verborgenen weilen und nicht das Charisma eines Pandas haben. Aber sie sind extrem wichtig für andere Lebewesen und das Funktionieren unserer Ökosysteme.“ (Science, 2019; doi: 10.1126/science.aax4851)

Quelle: Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig

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