Mehr Kunststoffabfall als gedacht könnte von Handelsschiffen aus in die Ozeane gelangen Plastikmüll im Meer: Ist die Schifffahrt schuld? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Plastikmüll im Meer: Ist die Schifffahrt schuld?

Mehr Kunststoffabfall als gedacht könnte von Handelsschiffen aus in die Ozeane gelangen

Plastikflaschen
Solche Plastikflaschen werden massenweise auf Inaccessible Island im Südatlantik angeschwemmt. Das Bild zeigt, dass der Kunststoff im Laufe von drei Jahren kaum verrottet. © Peter G. Ryan

Illegal entsorgt: Plastikflaschen und andere Abfälle gelangen nicht nur vom Land aus ins Meer. Immer mehr Müll wird auch von Schiffen ins Wasser geworfen, wie das Beispiel einer einsamen Insel im Südatlantik enthüllt. Demnach ist die Zahl der dort angeschwemmten PET-Flaschen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Und: Viele der größtenteils aus China stammenden Flaschen sind zu jung, um von Asien aus zu dem Eiland gespült worden zu sein. Die Forscher haben daher Handelsschiffe als Verursacher im Verdacht.

Weltweit werden jährlich rund 300 bis 400 Millionen Tonnen Plastik produziert – Tendenz steigend. Die Folgen dieses Kunststoffwahnsinns sind mittlerweile kaum mehr zu übersehen: Weil ein Großteil der Plastikprodukte binnen eines Monats wieder im Müll landet, finden sich inzwischen Unmengen davon in der Umwelt wieder. Und zwar nicht nur auf Deponien: Die Kunststoffe verteilen sich auch in Böden, Flüssen, Seen und Meeren.

Allein in den Ozeanen schwimmen Schätzungen zufolge 150 Millionen Tonnen Plastikabfall. Er zirkuliert in riesigen Müllstrudeln wie dem Great Pacific Garbage Patch und ist selbst in so abgelegenen Regionen wie der Arktis oder der Tiefsee nachzuweisen. Bislang glaubten Forscher, dass der überwiegende Teil dieser Abfälle vom Land aus ins Wasser gelangt. Doch womöglich stimmt das nicht: Erhebliche Mengen des Plastikmülls im Meer könnten eine andere Quelle haben, wie Peter Ryan von der University of Cape Town in Südafrika und seine Kollegen nun berichten.

PET-Flaschen aus Asien

Die Wissenschaftler hatten untersucht, wie viel und welche Art von Plastik auf der zur Inselgruppe Tristan da Cunha gehörenden Inaccessible Island im zentralen Südatlantik angeschwemmt wird. Dies dokumentierten sie in den Jahren 2009 und 2018 und verglichen ihre Ergebnisse mit Zählungen aus den 1980er Jahren. Die Auswertungen enthüllten: Den Hauptanteil des am Strand dieses abgelegenen Eilands angespülten Kunststoffmülls machen Plastikflaschen aus Polyethylen (PET) aus – und die Zahl dieser Flaschen hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen.

Den Berechnungen des Teams zufolge ist die Flaschenflut seit den 1980er Jahren um jährlich 14,7 Prozent gestiegen. Andere Arten von Müll haben dagegen nur um sieben Prozent pro Jahr zugelegt. Woran liegt das und woher stammen die entsorgten Plastikflaschen? Um dies herauszufinden, warfen Ryan und seine Kollegen einen Blick auf die Herstellerkennzeichnungen. Dabei zeigte sich: Stammte die Mehrheit der Flaschen in den 1980er Jahren noch aus Südamerika, war 2018 offenbar Asien die Hauptquelle dieses Abfalls.

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Handelsschiffe im Verdacht

Konkret stammen heute zwei Drittel der angeschwemmten Plastikflaschen vom asiatischen Kontinent – ein Großteil davon aus China, wie die Forscher berichten. Auffällig auch: Viele der PET-Flaschen sind nicht älter als zwei Jahre. Damit ist es mehr als unwahrscheinlich, dass sie den Weg von Asiens Küsten zum Inaccessible Island im Meer treibend zurückgelegt haben. Von wo aus aber begann ihre Reise zu der einsamen Insel dann?

Die Wissenschaftler haben einen konkreten Verdacht: „Die rasche Zunahme asiatischen Mülls, vorwiegend aus China, spricht zusammen mit dem jungen Herstellungsdatum dieser Objekte dafür, dass Handelsschiffe für die meisten im zentralen Südatlantik schwimmenden Flaschen verantwortlich sind“, erklären sie.

Verschmutzung im Vorbeifahren

Für Handelsschiffe als Hauptverursacher der Verschmutzung mit Plastikflaschen spricht nach Ansicht von Ryans Team unter anderem, dass die globale Handelsschifffahrt in den vergangenen Jahren gewachsen ist und es einen zunehmend stark frequentierten Schifffahrtsweg zwischen Südamerika und China gibt. „Allein 2016 haben mehr als 2.400 Frachtschiffe Tristan da Cunha passiert“, konstatieren sie.

Ein Teil der Flaschen könnte auch von der kommerziellen Fischerei stammen, die dafür bekannt ist, mitunter Netze und anderes ausgedientes Gerät im Meer zu entsorgen. Da die asiatische Hochseefischerei in dem fraglichen Gebiet jedoch nicht stark genug zugenommen hat, um die gewachsenen Müllmengen zu erklären und nicht China, sondern vor allem Japan und Taiwan in der Region aktiv sind, trägt dieser Wirtschaftszweig wohl nur einen kleinen Teil zu dem Phänomen bei.

Verstoß gegen internationales Verbot

„Insgesamt stellen unsere Ergebnisse die gängige Annahme infrage, nach der der meiste Plastikmüll in den Meeren aus landbasierten Quellen stammt“, resümieren Ryan und seine Kollegen. Allerdings: „Wie groß der Anteil des seebasierten Eintrags an dem Gesamtmüllaufkommen ist und wie er sich über die Zeit verändert hat, lässt sich aus dieser Studie nicht ableiten“, kommentiert der nicht an der Untersuchung beteiligt Lars Gutow vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. „Sie zeigt jedoch, dass die absolute Menge des Mülls aus seebasierten Quellen deutlich zugenommen hat.“

Stimmt die Schlussfolgerung, dass Unmengen von Plastikflaschen von Handelsschiffen aus in die Ozeane geworfen werden, wäre dies ein gravierender Verstoß gegen das sogenannte MARPOL-Übereinkommen. „Die Entsorgung von Plastikflaschen in die Meere unterliegt einem international bindenden Verbot. Demnach ist prinzipiell jegliche Abfallentsorgung von Schiffen aus verboten. Ausnahmen gelten zum Beispiel für Essensreste und Reinigungsmittelrückstände, nicht aber für Plastikflaschen und andere Plastikbehälter, die beim laufenden Schiffsbetrieb als Abfälle anfallen“, erklärt Nele Matz-Lück, Rechtswissenschaftlerin an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Was tun?

Ryan und seine Kollegen plädieren angesichts ihrer Ergebnisse dafür, schnell effektivere Maßnahmen gegen die illegale Plastikentsorgung durch die Berufsschifffahrt zu ergreifen. In der Praxis dürfte dies jedoch schwierig werden. Denn wie viele Plastikflaschen ein Schiff an Bord nimmt und was mit diesen im Laufe der Reise geschieht, ist nur schwer lückenlos zu überwachen. Hinzu kommt, dass sich der Müll in den Meeren selten auf einen konkreten Verursacher zurückführen lässt.

„Dies ist anders als bei Ölverschmutzungen, die eine spezifische chemische Signatur aufweisen. Plastikmüll seinem Verursacher zuzuordnen wäre wahrscheinlich nur durch Beobachter an Bord der Schiffe möglich. Satellitenbilder werden da nicht hilfreich sein, da Schiffe ja keinen quadratkilometergroßen Müllteppich hinter sich herziehen werden“, sagt Gutow.

Nichtsdestotrotz gibt es nach Ansicht von Experten Möglichkeiten, die Situation zumindest etwas zu verbessern: zum Beispiel, indem in Häfen bessere und kostengünstige Möglichkeiten zur Abfallentsorgung zur Verfügung gestellt werden. (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2019; doi: 10.1073/pnas.1909816116)

Quelle: PNAS

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