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Pestizide verbreiten sich auch über die Luft

Studie beweist erstmals massive Verbreitung von Acker-Giftstoffen außerhalb der Äcker

Pestizide
In der konventionellen Landwirtschaft wird eine Vielzahl an Pestiziden eingesetzt. © thinkStock/oticki

Vom Feld in die Luft: Giftige Pestizide verbreiten sich in hohem Ausmaß über die Luft, belegt eine neue Studie. In ganz Deutschland haben die Forscher Agrargifte weit abseits von den Äckern nachgewiesen – auch in Städten und Nationalparks. Sogar auf biologischen Anbauflächen befanden sich giftige Rückstände von Glyphosat und Co. Die Risiken für die menschliche Gesundheit und die Artenvielfalt sind noch unklar.

Die in der konventionellen Landwirtschaft eingesetzten Pestizide stehen schon lange in der Diskussion. Darunter sind das wegen seiner potenziell krebserregenden Wirkung umstrittene Herbizid Glyphosat, aber auch Neonicotinoide. Sie stehen im Verdacht, den Rückgang von Insekten wie Honigbienen und Schmetterlingen zu verursachen und vergiften nachweislich Feld- und Singvögel. Studien wiesen bereits nach, dass europäische Flüsse und Kanäle mit mehr als hundert verschiedenen Pestiziden kontaminiert sind. Dazu gehörten hauptsächlich Unkrautvernichtungsmittel und Neonicotinoide.

Wie weit verbreiten sich Pestizide über die Luft?

Pestizide verbreiten sich aber nicht nur über den Boden und Gewässer, sondern auch über die Luft. Studien haben bereits gezeigt, dass Ackergifte zusammen mit Dunst und feinen Staubteilchen in höhere Luftschichten aufsteigen können, sobald sich der Boden erwärmt. Wie weit sich die Pestizide über die Luft verbreiten, haben nun Forscher um Maren Kruse-Plaß im Auftrag des Umweltinstituts München untersucht.

Dazu führten sie von März bis November 2019 an insgesamt 163 Standorten in ganz Deutschland Luftmessungen durch. Die Standorte waren weniger als 100 bis mehr als 1.000 Meter von pestizidbelasteten Ackerflächen entfernt und befanden sich in Städten, auf dem Land, in konventionellen und Bio-Agrarlandschaften sowie in Schutzgebieten.

Die Forscher nahmen Proben aus technischen Sammelgeräten, Filtermatten in Lüftungsanlagen von Gebäuden sowie Bienenstöcken und Baumrinden und analysierten sie auf insgesamt 500 giftige Wirkstoffe. Zusätzlich zogen sie die Ergebnisse einer Studie von 2014 bis 2018 hinzu, die Baumrinden auf Pestizide untersuchte.

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Hohe Werte an Glyphosat und verbotene Giften gemessen

Das Ergebnis: Insgesamt wiesen die Forscher deutschlandweit 138 Wirkstoffe aus landwirtschaftlichen Quellen in den Proben nach. Am meisten verbreitet waren neben Glyphosat, das in allen Sammelgeräten und Luftfiltern vorkam, auch Pendimethalin, Prosulfocarb, Terbuthylazin und Metolachlor. 30 Prozent der nachgewiesenen Gifte – darunter zum Beispiel das Insektizid DDT und Lindan – waren zum Messzeitpunkt nicht mehr oder noch nie zugelassen.

Das größte Spektrum an Pestizidrückständen – insgesamt 93 Wirkstoffe – fanden die Experten in den Baumrinden. Im Unterschied dazu zeigten sich weniger Stoffe in den Bienenstöcken, jedoch identifizierten sie hier besonders häufig das Neonicotinoid-Insektizid Thiacloprid.

Verbreitung bis in Nationalparks und auf Bio-Äckern

Die Ergebnisse belegen damit, dass sich Giftstoffe aus der Landwirtschaft kilometerweit über die Luft verbreiten können. An rund drei Viertel aller untersuchten Standorte wurden jeweils mindestens fünf und bis zu 34 Pestizidwirkstoffe sowie deren Abbauprodukte gefunden. Die Distanz zur Quelle der Pestizide hatte dabei wenig Einfluss. Zum Beispiel konnten die Forscher das umstrittene Glyphosat in allen Regionen Deutschlands und auch weit abseits seiner Quellen nachweisen.

Besonders hohe Pestizidaufkommen wiesen die Wissenschaftler in Regionen im Osten Deutschlands nach – speziell in der Nähe von Weinanbauflächen. Besonders deutlich war dabei die Pestizid-Belastung im Nationalpark Harz: Chlorthalonil erreichte hier einen Höchstwert von fast 1.500 Nanogramm je Probe, Therbuthylazin etwa 50 Nanogramm und Glyphosat fast 100 Nanogramm. Auch das Pestizid Folpet aus dem Weinanbau wurde mit fast 25 Nanogramm pro Probe identifiziert. Und selbst auf der Spitze des Brockens im Nationalpark Harz waren zwölf Pestizide nachweisbar.

Und nicht nur geschützte Nationalparks, sondern auch Bio-Anbauflächen waren mit Giftstoffen kontaminiert: Die zwei am meisten belasteten Standorte lagen im Umfeld großflächig biologisch bewirtschafteter Äcker. Hier maßen die Forscher mit fast 4.000 Nanogramm pro Probe einen Extremwert des Herbizids Pendimethalin.

Hat die Verbreitung Auswirkungen für Tier und Mensch?

„Die Ergebnisse unserer Studie sind schockierend“, fasst Karl Bär vom Umweltinstitut München zusammen. „Glyphosat und andere Ackergifte verteilen sich als wahrer Pestizid-Cocktail bis in die hintersten Winkel Deutschlands. Pestizide landen in schützenswerten Naturräumen, auf Bio-Äckern und in unserer Atemluft.“

Die Verbreitung der Pestizide und Insektizide bedroht so die Lebensräume von Bienen und etlichen weiteren Insekten, denn auch Bio-Äcker sind der Ausbreitung über die Luft ausgesetzt. Und auch für den Menschen könnten die Gifte ein Risiko darstellen: „So können Pestizid-Wirkstoffe nicht nur über die Nahrung, sondern auch über die Atemluft und – von geringerer Bedeutung – über die Haut in den Körper gelangen“, erklären die Forscher. Die genauen Auswirkungen für Mensch und Tier sind aber noch unklar. (Studie Pestizidbelastung der Luft)

Quelle: Umweltinstitut München

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