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Partnerwahl: Ziehen sich Unterschiede an?

Immun-Duft spielt für langfristige Beziehungen eine geringere Rolle als gedacht

Paar
Der Duft spielt bei der Partnerwahl eine wichtige Rolle. Aber stimmt die Annahme, dass wir darüber instinktiv Partner mit anderen Immun-Genen wählen? © shbironosov/ iStock

Beziehungs-Mythos überprüft: Studien zufolge können wir riechen, welcher Partner genetisch gut zu uns passt. Aber beeinflusst das tatsächlich unsere Partnerwahl? Das haben Forscher nun bei 3.691 deutschen Ehepaaren untersucht. Das Ergebnis: Das Immunsystem von Verheirateten ist nicht unterschiedlicher als das von zufällig zusammengestellten Paaren. Der Geruch der MHC-Gene scheint demnach für die Partnerwahl eine geringere Rolle zu spielen als landläufig angenommen.

Bei der Partnerwahl spielt der Geruch eine wichtige Rolle – sowohl im Tierreich wie auch beim Menschen. Er verrät unter anderem, wie genetisch ähnlich der potenzielle Fortpflanzungspartner ist. Dies gilt besonders für den MHC-Komplex, eine Gruppe von Immungenen, die für die Erregerabwehr wichtig sind. Je mehr unterschiedliche MHC-Moleküle ein Individuum hat, desto besser ist es gegen Infektionen gewappnet.

Viele Tiere bevorzugen deshalb instinktiv Partner, deren MHC-Gene sich möglichst stark von ihren eigenen unterscheiden. So sorgen sie für ein besonders schlagkräftiges Immunsystem bei ihrem Nachwuchs.

Immer der Nase nach?

Welche Rolle der Geruch des MHC-Komplexes beim Menschen spielt, ist jedoch umstritten. Während einige Studien darauf hindeuteten, dass auch Menschen Partner mit möglichst unähnlichem Immunsystem bevorzugen, zeigten andere keinen oder sogar einen gegenteiligen Effekt.

In der bislang größten Studie zu diesem Thema haben Forscher um Ilona Croy vom Universitätsklinikum Dresden nun die genetischen Daten von 3.691 deutschen Ehepaaren ausgewertet, deren immungenetische Daten in der Deutschen Knochenmarkspenderdatei DKMS erfasst waren. Weil hormonelle Verhütung den Geruch beeinflusst, fragten sie zusätzlich alle Frauen danach, ob sie zum Zeitpunkt der Partnerwahl die Pille genommen hatten.

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Die Hypothese der Forscher: Wenn auch der Mensch instinktiv Partner mit möglichst abweichendem „Immungeruch“ bevorzugt, dann müssten sich Eheleute stärker in ihren Immungenen unterscheiden als zufällig zusammengestellte Paare. Dies müsste deutlicher ausfallen, wenn die Frau zum Zeitpunkt des Kennenlernens nicht hormonell verhütet hat.

Paare ähnlicher als gedacht

Doch das Ergebnis widersprach dieser Annahme. Was die genetische Variabilität der MHC-Gene anging, unterschieden sich Verheiratete nicht von anderen, zufällig zusammengestellten Paaren. Stattdessen waren Verheiratete sich genetisch sogar etwas ähnlicher als der Zufall erwarten lassen würde – auch wenn dies nicht signifkant war, wie die Forscher berichten. Ein Einfluss der Pille ließ sich nicht nachweisen.

Nach Ansicht von Croy und ihrem Team deutet dies darauf, dass der vom MHC-Komplex bestimmte Geruch bei der menschlichen Partnerwahl eine geringere Rolle spielt als bislang angenommen – zumindest wenn es um langfristige Beziehungen geht. „Die Wahl eines Ehepartners hängt von kulturellen Erwartungen ab, etwa vom sozioökonomischen Status, gemeinsamen Interessen und Familienarrangements“, sagen Croy und ihr Team. Das könnte erklären, warum der MHC-Effekt dabei geringer ausfällt als bei Studien, bei denen die Teilnehmer nur Duftproben als mehr oder weniger attraktiv einstufen sollen.

Aber auch, wenn Geruch und Immunsystem nur einen untergeordneten Einfluss darauf haben, wen wir heiraten, könnten sie dennoch Auswirkungen auf das Beziehungsleben haben: „Eine frühere Studie mit 252 Paaren hat gezeigt, dass diejenigen, die geringe Unterschiede bei den Immungenen aufwiesen, den Geruch ihres Partners weniger attraktiv fanden und sexuell weniger zufrieden waren“, berichten die Forscher.

Nachkommen mit starkem Immunsystem

Doch welchen Einfluss hat die genetisch nicht völlig optimierte Partnerwahl auf die Gesundheit der Nachkommen? Wie wahrscheinlich ist es, dass Eheleute ein Kind zeugen, das von wichtigen Immungenen zweimal genau die gleiche Variante bekommt, also mit einer geringeren Vielfalt an MHC-Molekülen ausgestattet ist? Auch das haben Croy und ihr Team untersucht.

Das Ergebnis: Obwohl sich das Immunsystem der untersuchten Eheleute ähnlicher war als erwartet, können die Forscher in dieser Hinsicht Entwarnung geben. Die von ihnen berechnete Wahrscheinlichkeit liegt im niedrigen Prozentbereich. „In einer Gesellschaft, die sich seit Generationen durch Migration durchmischt hat, sind die MHC-Gene so vielfältig, dass in Frage steht, ob eine Partnerwahl auf Basis unterschiedlicher MHC-Gene biologisch überhaupt relevant ist“, so die Forscher. (Proceedings of the Royal Society B- Biological Sciences, 2020; doi: 10.1098/rspb.2020.1800)

Quelle: Royal Society

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