Wichtiger Wirkmechanismus für Medikamente gegen Angsterkrankungen identifiziert Neue Substanz vertreibt Angst - scinexx | Das Wissensmagazin
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Wichtiger Wirkmechanismus für Medikamente gegen Angsterkrankungen identifiziert

Neue Substanz vertreibt Angst

Angst macht vergesslich © MMCD/Hermera

Wissenschaftler haben erstmals gezeigt, dass über einen neuartigen Mechanismus auf der Grundlage von so genannten Neurosteroiden bessere angstlösende Medikamente entwickelt werden können. Ein solches Medikament zeigte im Tierexperiment sowie in ersten Tests bei Menschen deutlich weniger Nebenwirkungen, so die Forscher in „Science Express“.

Jeder siebte Bundesbürger entwickelt im Laufe seines Lebens eine Angsterkrankung, die therapiert werden muss. Betroffene leiden meist erheblich im privaten und beruflichen Leben. Neben Psychotherapie und Antidepressiva, die erst nach längerer Zeit wirken, können Medikamente (Anxiolytika) basierend auf der Wirkstoffklasse Benzodiazepine meist kurzfristig und schnell die Angst dämpfen. Unerwünschte Nebenwirkungen, wie Müdigkeit, Medikamententoleranz und Entzugsprobleme machen eine langfristige Einnahme jedoch problematisch.

Wirkung einer neuen Substanzklasse untersucht

Auf der Suche nach neuen Wirkmechanismen von Antidepressiva und Anxiolytika forschen Florian Holsboer und Rainer Rupprecht vom Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie seit Jahren daran, wie Neurosteroide, die neuronale Kommunikation im Gehirn beeinflussen. In Zusammenarbeit mit der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität München und dem Pharmakonzern Novartis in Basel untersuchten sie nun die Wirkung einer neuen Substanzklasse.

Dämpfung neuronaler Kommunikation gelungen

Die Substanz XBD173 beeinflusste dabei positiv die Synthese von körpereigenen Neurosteroiden und bewirkte so die Dämpfung neuronaler Kommunikation, wie die Wissenschaftler mithilfe von Gehirngewebe der Maus nachweisen konnten. Auch auf der Verhaltensebene zeigte XBD173 im Tiermodell eine angstlösende Wirkung, ohne dass sedierende Effekte, wie sie vergleichsweise bei Benzodiazepinen auftraten, beobachtet werden konnten.

„Ich bin hoch erfreut, dass unsere bereits vor Jahren entwickelte Hypothese, durch Beeinflussung von körpereigenen Neurosteroiden angstlösende Wirkungen zu erzielen, heute ihre wissenschaftliche Bestätigung erfährt,“ sagt Holsboer zu diesen neuesten Befunden.

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Erste Tests erfolgreich

Um die Wirkung von XBD173 erstmals beim Menschen zu prüfen, konzipierten beteiligte Ärzte eine klinische Studie, bei der 70 gesunde, freiwillige Versuchspersonen getestet wurden. Den Probanden wurde das Neuropeptidfragment CCK-4 gespritzt, das für zwei bis fünf Minuten eine kurze Angst- und Panikattacke auslöste. Erhielten die Probanden XBD173 war die Angst nicht mehr entsprechend auslösbar.

Auch das Benzodiazepin Alprazolam dämpfte die Angstgefühle. Hier berichteten die Versuchsteilnehmer jedoch – im Gegensatz zu XBD173 – über unerwünschte Müdigkeit nach Einnahme und Entzugssymptome nach Absetzen des Präparats.

Neuer Mechanismus zur Behandlung von Angsterkrankungen entdeckt

Die Forscher haben somit über die Stimulierung der Neurosteroidsynthese mittels des Translokator-Proteins 18 einen neuen Mechanismus zur Behandlung von Angsterkrankungen entdeckt, der ein günstigeres Nebenwirkungsprofil als Benzodiazepine aufweist. Darüber hinaus wurden die Rahmenbedingungen definiert, wie solche Studien auch an gesunden Versuchspersonen durchgeführt werden können.

„Der erfolgreiche Einsatz eines experimentell induzierbaren Angstmodells bei gesunden Probanden erleichtert zukünftig die Entwicklung neuartiger Anxiolytika, da Wirkstoffprüfungen in ihrer frühen Phase nicht unbedingt am Patienten durchgeführt werden müssen“, sagt Rupprecht. Dabei sei ihm bewusst, dass die Erkenntnisse, die an Gesunden gewonnen werden, nicht 1:1 auf Patienten übertragen werden könnten. „Sie ersetzen nicht die nötigen Zulassungstests an Patientenkollektiven.“

(idw – Max-Planck-Gesellschaft, 19.06.2009 – DLO)

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