Biologie

Mensch und Hund haben mehr gemeinsam als man denkt

Verhalten bei Mensch und Golden Retriever wird von den gleichen Genvarianten beeinflusst

Golden Retriever
Golden Retriever gelten als besonders anhänglich und gut trainierbar. Aber auch sie haben individuelle Persönlichkeiten. © Morris Animal Foundation

Vierbeinige Persönlichkeiten: Ob ein Hund ängstlich, lernbegabt oder faul ist, hängt auch von seinen Genen ab. Dabei wird der Charakter des Vierbeiners teilweise von den gleichen Genvarianten geprägt wie bei uns Menschen. So beeinflussen Genvarianten, die bei Golden Retrievern die Trainierbarkeit, Ängstlichkeit und Aggression prägen, auch unsere Persönlichkeit, wie Forschende ermittelt haben. Das unterstreicht, wie tief die gemeinsamen Wurzeln von Mensch und Hund reichen.

Kein anderes Tier ist so auf den Menschen eingestellt wie der Hund: Er erkennt unsere Stimmung, unsere Tonlage und unser Lächeln und kann sich sogar gedanklich in uns hineinversetzen. Für das Lob ihres Menschen lassen viele Hunde sogar ihr Futter stehen. Kein Wunder: Anders als ihre wölfischem Vorfahren sind Hunde genetisch darauf programmiert, anhänglich und verträglich zu sein. Eine weitere Genvariante der Hunde stärkt den verbindenden Effekt des Kuschelhormons Oxytocin – beispielsweise beim tiefen Augenkontakt mit uns. 

Golden Retriever
Wie ängstlich, lernbegabt oder souverän ist dieser Golden-Retriever-Welpe? Das ist auch eine Frage seiner Gene. © Morris Animal Foundation

Aber nicht jeder Hund ist gleich: Hundebesitzer wissen aus Erfahrung, wie individuell ihre vierbeinigen Gefährten sind – selbst innerhalb der gleichen Rasse. So gelten beispielsweise Golden Retriever zwar generell als gutmütig und gut trainierbar. Doch wie lernfähig der einzelne Hund ist, wie gut er sich mit anderen Hunden verträgt, wie energiegeladen oder schreckhaft er ist, ist von Tier zu Tier unterschiedlich.

Spurensuche im Golden-Retriever-Genom

Durch Erziehung lassen sich zwar bestimmte Verhaltensweisen des Hundes fördern oder reduzieren, doch grundlegende Charakterzüge bleiben unveränderlich. „Unterschiede in der emotionalen Reaktivität, Geselligkeit und anderen Verhaltensmerkmalen entstehen durch komplexe Wechselwirkungen zwischen genetischen und umweltbedingten Faktoren“, erklären Enoch Alex von der University of Cambridge und seine Kollegen.

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Aber welche Gene sind dafür ausschlaggebend? Um das zu klären, analysierten Alex und sein Team das Genom von 1.343 Golden Retrievern im Alter zwischen drei und sieben Jahren. Zusätzlich baten sie die Besitzer, einen umfassenden Fragebogen zu den Eigenheiten und Verhaltensweisen des tierischen Versuchsteilnehmers auszufüllen. Tatsächlich stießen die Forschenden auf zahlreiche Genvariationen, die jeweils mit bestimmten Verhaltensweisen assoziiert waren.

Um herauszufinden, ob diese Genvarianten auch bei uns Menschen vorkommen, glichen Alex und seine Kollegen ihre Resultate mit ähnlichen Analysen bei Menschen ab.

Wie der Mensch, so der Hund

Es zeigten sich weitreichende Übereinstimmungen zwischen Mensch und Hund: „Bei zwölf der 18 identifizierten Gene aus der genomweiten Assoziationsstudie bei Hunden fanden wir signifikante Assoziationen beim Menschen für psychiatrische, temperamentbezogene und kognitive Merkmale“, berichten Alex und sein Team. „Dabei zeigte sich eine bemerkenswerte biologische Konvergenz.“

Beispielsweise beeinflusste eine Variation im Gen ASCC3 bei Hunden, wie souverän sie sich gegenüber Artgenossen verhielten. Bei uns Menschen wird dieses Gen mit Charakterzügen wie Neurotizismus, Ängstlichkeit und Sensibilität in Verbindung gebracht.

Eine andere Variation im ROMO1-Gen fördert bei Hunden die Trainierbarkeit. Bei uns ist diese Variation mit Intelligenz und emotionaler Sensibilität assoziiert. Nach Ansicht der Forschenden ist dies ein Hinweis darauf, dass auch bei Hunden das Training nicht nur ihre kognitive Leistungsfähigkeit anspricht, sondern auch eine emotionale Komponente hat.

Gemeinsame genetische Wurzeln

„Die Ergebnisse sind wirklich bemerkenswert – sie liefern starke Hinweise darauf, dass Menschen und Golden Retriever gemeinsame genetische Wurzeln für ihr Verhalten haben“, sagt Alex Kollegin Eleanor Raffan. „Die von uns identifizierten Gene beeinflussen häufig die emotionalen Zustände und das Verhalten beider Spezies.“

Aus Sicht der Forschenden könnte die Studie dabei helfen, mehr Verständnis für die Gefühlswelt unserer Haustiere aufzubringen. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Genetik das Verhalten steuert und manche Hunde dazu prädisponiert, die Welt als stressig zu empfinden. Wenn ihre Lebenserfahrungen dies noch verstärken, könnten sie sich auf eine Weise verhalten, die wir als schlechtes Benehmen interpretieren, obwohl sie in Wirklichkeit nur verzweifelt sind“, sagt Alex.

Nützlich für Tiermedizin, aber auch menschliche Patienten

Auch Auswirkungen auf die tierärztliche Versorgung wären denkbar – beispielsweise bei sehr ängstlichen Hunden: Wenn ihre Ängstlichkeit auf den gleichen genetischen Mechanismen beruhen wie bei uns Menschen, könnten für Menschen entwickelt, angstlösende Medikamente möglicherweise auch den Vierbeinern helfen.

Andersherum könnten Erkenntnisse zur Hundepsyche womöglich auch für die Humanpsychologie interessant sein. „Hunde in unserem Zuhause teilen nicht nur unsere physische Umgebung, sondern möglicherweise auch einige der psychologischen Herausforderungen, die mit dem modernen Leben verbunden sind“, sagt Koautor Daniel Mills von der University of Lincoln. „Unsere Haustiere können deshalb ausgezeichnete Modelle für einige psychiatrische Erkrankungen des Menschen sein, die mit emotionalen Störungen einhergehen.“ (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2025; doi: 10.1073/pnas.2421757122)

Quelle: University of Cambridge

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