Gefühl der Kontrolle scheint einen Teil des psychologischen Drucks abzufangen Manager sind weniger gestresst als angenommen - scinexx | Das Wissensmagazin
Anzeige
Anzeige

Gefühl der Kontrolle scheint einen Teil des psychologischen Drucks abzufangen

Manager sind weniger gestresst als angenommen

Konferenztisch © SXC

Das Bild des gestressten Managers muss offenbar revidiert werden: Denn Führungskräfte sind trotz ihres meist sehr anspruchsvollen Jobs nicht mehr, sondern eher weniger gestresst als Menschen ohne Mitarbeiterverantwortung. Das haben US-Forscher jetzt entdeckt, als sie die Stresshormonspiegel von Freiwilligen aus verschiedenen Positionen und diversen Führungsebenen in öffentlichem Dienst und Militär untersuchten. Entscheidend scheint dabei das Gefühl für Kontrolle zu sein: Da Führungskräfte häufig mehr entscheiden können, haben sie eher das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Das wiegt dann andere Stressfaktoren auf, schreiben Gary Sherman von der Harvard University und seine Kollegen im Fachblatt „PNAS“.

Ein hohes Stressniveau gilt als typisch für den Arbeitsalltags eines Managers: Die Ansprüche an ihn steigen ständig, während die verfügbaren Ressourcen normalerweise nicht in gleichem Maß zunehmen – ein klassischer Stressfaktor. Diese Annahme spiegelt sich unter anderem darin wider, dass seit einigen Jahren das Angebot an Anti-Stress-Coachings und Methoden des Stressmanagements stetig zunimmt. Doch möglicherweise zielen diese Programme gar nicht in die richtige Richtung, legt nun die neue Studie nahe.

Sowohl psychologische als auch physiologische Daten erfasst

Sherman und seine Kollegen hatten Teilnehmer eines Weiterbildungsprogramms für Führungskräfte, speziell aus dem öffentlichen Dienst und dem Militär, mit einer zufälligen Auswahl von Arbeitnehmern und Selbstständigen aus dem Großraum Boston verglichen. Die Teilnehmer wurden als Führungskraft registriert, wenn sie Verantwortung für Mitarbeiter trugen. Alle sollten in einem Fragebogen angeben, wie stressig und belastend sie ihren Arbeitsalltag empfanden. Zusätzlich gaben sie Speichelproben ab, in denen die Forscher die Menge des Stresshormons Cortisol bestimmten.

Überraschenderweise lagen die Werte der Manager sowohl beim Cortisol als auch beim subjektiv empfundenen Stress unter denen der Vergleichsgruppe, wie die Auswertung ergab. Um diesen Effekt besser zu verstehen, schlossen die Wissenschaftler eine zweite Studie an, in der sie ausschließlich Führungskräfte erfassten – in diesem Fall jedoch aus unterschiedlichen Managementebenen. Registriert wurden dabei die Gesamtanzahl an Untergebenen, der Grad an Autorität der Führungskraft und die Anzahl der Mitarbeiter, die dem Manager direkt unterstellt waren.

Entscheidender Faktor ist Gefühl der Kontrolle

Wieder zeigte sich: Je höher der Rang einer Führungskraft, desto geringer waren der subjektive und der gemessene Stress. Ausnahmen gab es jedoch dann, wenn der Manager sehr vielen Mitarbeitern direkt Anweisungen geben musste, ohne die Aufgaben delegieren zu können. Das Forscherteam schlussfolgert aus diesen Ergebnissen, dass das Gefühl von Kontrolle dem Stress entgegenwirkt und ihn zumindest zum Teil abpuffern kann. Allerdings lasse sich aus den vorliegenden Daten nicht ablesen, ob die geringere Stressbelastung der Führungskräfte tatsächlich dem Job geschuldet sind oder einfach eine bestimmte persönliche Veranlagung widerspiegeln, die erst dazu geführt hat, dass jemand eine Führungsposition erreichen konnte.

Anzeige

Die Befunde passen aber zu dem, was sich in früheren Studien bereits in Versuchen mit Affen gezeigt hat: Auch hier geht ein höherer Rang in der Gruppenhierarchie häufig mit einem eher niedrigen Cortisolspiegel einher. Das gelte vor allem dann, wenn es nur wenig Konkurrenz um die Führungsposition gebe, erläutern die Forscher. Ein solches Szenario passe sehr gut zur aktuellen Studie, da die meisten der untersuchten Führungskräfte ebenfalls einen recht sicheren, stabilen Job innehatten. Als nächstes soll nun untersucht werden, ob weniger Stabilität oder mehr Konkurrenz im Unternehmen einen Einfluss auf den beobachteten Zusammenhang haben. (doi: 10.1073/pnas.1207042109)

(Proceedings of the National Academy of Science (PNAS), 25.09.2012 – ILB)

Anzeige

In den Schlagzeilen

Diaschauen zum Thema

Dossiers zum Thema

Das Gehirn vor Gericht - Auf der Suche nach den neurobiologischen Wurzeln der Moral

Die Gedanken der Anderen - Der Zuschreibung von Wahrnehmungen und Gedanken auf der Spur

Migräne: Die Axt im Kopf - Fakten und Mythen einer geheimnisvollen Krankheit

Vitamine im Zwielicht - Nutzen und Schaden von Radikalfängern, Rauchervitaminen und Co.

Gehirnforschung - Dem menschlichen Denken auf der Spur

News des Tages

3D-Nanostruktur

Forscher schrumpfen Objekte

Alzheimer: Fehlfaltung der Proteine ist übertragbar

Ökolandbau klimaschädlicher als konventioneller?

Mehr als die Hälfte aller Sprachen in Gefahr

Bücher zum Thema

Das selbstbewusste Gehirn - Perspektiven der Neurophilosophie

Das Angstbuch - Woher sie kommen und wie man sie bekämpfen kann von Borwin Bandelow

Descartes' Irrtum - Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn von Antonio R. Damasio

Was hab ich bloß? - Die besten Krankheiten der Welt von Werner Bartens

Der Beobachter im Gehirn - Essays zur Hirnforschung von Wolf Singer

Die heimlichen Krankmacher - Wie Elektrosmog und Handystrahlen, Lärm und Umweltgifte unsere Gesundheit bedrohen von Lilo Cross und Bernd Neumann

Gefühle lesen - Wie Sie Emotionen erkennen und richtig interpretieren von Paul Ekman

50 Schlüsselideen Psychologie - von Adrian Furnham

Top-Clicks der Woche

Anzeige
Anzeige