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Madagaskars Artenvielfalt erholt sich erst in Jahrmillionen

23 Millionen Jahre Evolution sind nötig, um aktuell bedrohte Säugetiere zu „ersetzen“

Lemuren
104 Lemurenarten, darunter diese Larvensifakas, sind aktuell vom Aussterben bedroht. 17 Lemurenarten hat dieses Schicksal bereits ereilt. © Chien C. Lee

Düstere Zukunft für Madagaskar: Wissenschaftler haben errechnet, dass es drei Millionen Jahre dauern würde, bis alle durch menschliche Einflüsse ausgestorbenen Säugetiere Madagaskars evolutionär „ersetzt“ wären. Geht man davon aus, dass die aktuell bedrohten Arten ebenfalls aussterben, bräuchte die Evolution sogar mindestens 23 Millionen Jahre, um die Artenvielfalt von Madagaskar wieder auf den vormenschlichen Stand zu bringen. Die Forschenden fordern deshalb sofortige Schutzmaßnahmen.

Madagaskar ist ein Hotspot der Biodiversität. 90 Prozent der Pflanzen und Tiere, die auf dem Inselstaat vor der ostafrikanischen Küste leben, gibt es nirgendwo sonst auf der Welt. Dazu zählen etwa der Katta-Lemur, die Fossa-Raubkatze und das kleinste Chamäleon der Welt. In den 150 Millionen Jahren seit der Abspaltung Madagaskars vom afrikanischen Festland und den 80 Millionen Jahren seit der Trennung von Indien haben die Lebewesen dort einzigartige evolutionäre Wege eingeschlagen.

Tenrek
Die igel- und spitzmausähnlichen Tenreks gibt es nur auf Madagaskar – so wie viele weitere madagassische Arten. © Chien C. Lee

Doch die enorme Artenvielfalt ist bedroht – und zwar seitdem sich auch der Mensch vor 2.500 Jahren dauerhaft auf der Insel angesiedelt hat. In der Folge starben auf Madagaskar viele Arten aus, darunter die Riesenlemuren, Elefantenvögel und Zwergflusspferde. Heutzutage gilt mehr als die Hälfte der madagassischen Säugetiere als bedroht. 120 von 219 Säugetierarten stehen aktuell auf der Roten Liste der International Union for Conservation of Nature (IUCN). Auch das ist in erster Linie die Schuld des Menschen, der auf Madagaskar Lebensräume zerstört und Jagd auf die heimischen Tiere macht.

Ein Stammbaum für Madagaskar

Wie sehr hat der Mensch die Artenvielfalt auf Madagaskar bereits verändert? Und was steht auf dem Spiel, wenn wir so weitermachen wie bisher? Das haben nun Forschende um Nathan Michielsen vom Naturalis Biodiversity Center im niederländischen Leiden untersucht. Dafür erstellten sie einen Datensatz aller bekannten Säugetierarten, die in den letzten 2.500 Jahren auf Madagaskar mit dem Menschen koexistiert haben. Das Team identifizierte insgesamt 219 Arten, von denen 30 bereits ausgestorben sind.

Auf Basis dieser Sammlung konnten Michielsen und seine Kollegen genetische Stammbäume erstellen. Diese zeigen einerseits, wie die verschiedenen Säugetierarten miteinander verwandt sind, und andererseits, wie lange sie brauchten, um sich aus ihren verschiedenen gemeinsamen Vorfahren zu entwickeln. So fanden die Wissenschaftler heraus, wie lange die Entwicklung der einzigartigen madagassischen Artenvielfalt gedauert hat.

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Gleichzeitig geben diese Analysen aber auch Aufschluss über die sogenannte evolutionäre Rückkehrzeit, also die Zeit, die die Evolution brauchen würde, um auf Madagaskar wieder genauso viele Arten entstehen zu lassen wie vor der Kolonisierung durch den Menschen.

Fledermaus
Die Artenvielfalt der ausgestorbenen Fledermäuse Madagaskars könnte in 1,6 Millionen Jahren wiederhergestellt sein. © Chien C. Lee

23 Millionen Jahre bis zur Erholung der Artenvielfalt

Das Ergebnis: Es würde 2,9 Millionen Jahre dauern, alle Säugetierarten zu „ersetzen“, die seit der Ankunft des Menschen auf Madagaskar verloren gegangen sind, berichten die Forschenden. Die Fledermausvielfalt wäre hingegen „schon“ nach etwa 1,6 Millionen Jahren wiederhergestellt. Geht man allerdings davon aus, dass alle 120 madagassischen Säugetierarten aussterben, die aktuell auf der Roten Liste stehen, würde es gemäß den Hochrechnungen mindestens 23,3 Millionen Jahre dauern, bis sich die Artenvielfalt wieder erholt hätte. Das bedeutet allerdings nicht, dass nach Ablauf dieser Frist wieder Elefantenvögel, Lemuren und Fossas die Insel bevölkern, sondern komplett neue Arten, wie auch immer diese aussehen mögen.

Selbst die Forschenden waren überrascht von dem langen Zeitintervall, das ihre Computersimulationen ergeben haben. „Es ist viel länger als das, was frühere Studien auf anderen Inseln wie Neuseeland oder der Karibik herausgefunden haben“, sagt Michielsens Kollege Luis Valente. Die Hochrechnung für neuseeländische Vögel hatte zum Beispiel eine evolutionäre Rückkehrzeit von sechs Millionen Jahren ergeben.

Es könnte sogar noch länger dauern

Die für Madagaskar ermittelten 23,3 Millionen Jahre evolutionäre Rückkehrzeit sind allerdings kein Endwert. Machen wir so weiter wie bisher, wird diese Zahl laut Forschungsteam kontinuierlich weiter ansteigen. Allein in den vergangenen zehn Jahren habe sich die evolutionäre Rückkehrzeit um mehrere Millionen Jahre erhöht, da der Einfluss des Menschen auf die Insel zunehme. Im Zeitraum von 2010 bis 2021 ist die Anzahl der vom Aussterben bedrohten Säugetierarten von 56 auf 128 angestiegen.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass auf Madagaskar eine Aussterbewelle mit tiefgreifenden evolutionären Auswirkungen bevorsteht, wenn nicht sofortige Schutzmaßnahmen ergriffen werden“, schreibt das Forschungsteam. Es fordert sozialverträgliche Schutzprogramme, die den Handel mit Buschfleisch und die Abholzung der Wälder begrenzen sollen.

„Mit einer angemessenen Erhaltungspolitik könnte der Verlust von vielen weiteren Millionen Jahren einzigartiger Evolutionsgeschichte verhindert werden“, so Michielsen und seine Kollegen. (Nature Communications, 2023; doi: 10.1038/s41467-022-35215-3

Quelle: Field Museum, University of Groningen, Nature Communications

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