Nekrophilie erhöht die Chance auf Nachwuchs trotz brutaler Paarungsmethoden Kröten: Bizarre Paarung mit totem Weibchen - scinexx | Das Wissensmagazin
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Nekrophilie erhöht die Chance auf Nachwuchs trotz brutaler Paarungsmethoden

Kröten: Bizarre Paarung mit totem Weibchen

Regenwaldkröte Rhinella proboscidea © Calphotos/ Axel Kwet / CC-by-sa 2.5

Die Natur ist nicht zimperlich und kennt keine Tabus. Ein extremes Beispiel dafür haben brasilianische Forscher jetzt entdeckt: Kröten, die der Nekrophilie frönen. Im Klartext: Die Männchen der Regenwaldkröte Rhinella proboscidea begatten auch tote Weibchen und quetschen anschließend den befruchteten Laich aus dem Kadaver heraus. Biologisch betrachtet mache dieses Verhalten durchaus Sinn, erklären die Wissenschaftler im Fachmagazin „Journal of Natural History“: Denn die Nekrophilie sorgt dafür, dass die beiden Paarungspartner letztlich dennoch Nachwuchs bekommen können – wenn auch im Falle der Weibchen postum.

Es gibt Verhaltensweisen im Tierreich, die wären für Menschen sozial inakzeptabel und abstoßend. Dazu gehörten beispielsweise die Kindsmorde, die in vielen Tiergruppen an der Tagesordnung sind, ebenso wie die Gewohnheit mancher Tiere, bei einer Begattung der Sperma eines Vorgängers aus dem Körper des Weibchens zu entfernen. Ganz sicher in diese Kategorie fällt jedoch auch das Verhalten von Rhinella proboscidea, einer kleinen, unauffälligen Krötenart, die in den Regenwäldern Südamerikas lebt. Denn bei ihr beobachteten Thiago Izzo von der Universidade Federal de Mato Grosso und seine Kollegen ein ziemlich brutales Paarungsverhalten.

Massenpaarung mit Todesfolge

Die Fortpflanzung dieser Kröten findet bei ihnen ausschließlich im Rahmen von Massenpaarungen statt – viele Männchen rotten sich zusammen und konkurrieren um einige wenige Weibchen. Da wird geschubst und gedrängelt, um möglichst als erster auf den Rücken einer der Krötendamen und damit zum Schuss zu kommen. Das ist für die Männchen natürlich nicht schön. Sie können sich Verletzungen einhandeln, und am Ende sind sie von den ganzen Kämpfen völlig erschöpft. Für die Weibchen ist es aber noch weniger angenehm, denn sie bezahlen den Ansturm nicht selten mit ihrem Leben – sei es, weil sie im Kampf zerquetscht werden oder weil sie unter der Last mehrerer kämpfender Kröteriche auf ihrem Rücken schlicht ertrinken.

Aus Sicht der Evolution betrachtet ist das ein bisschen ungeschickt, denn eigentlich heißt das für beide Partner: „Game over“. Kein Nachwuchs, und die ganze Energie für nichts und wieder nichts vergeudet. Zwar hätte das Männchen – im Gegensatz zum Weibchen – theoretisch noch die Chance, eine andere Partnerin zu finden. Meist bleibt diese Chance jedoch wirklich rein theoretisch, weil es einfach zu wenige Weibchen gibt.

Besser postum als gar kein Nachwuchs

Und nun? Hier kommt jetzt die „funktionelle Nekrophilie“ ins Spiel, wie die Forscher das Verhalten nennen. Denn die Männchen von R. proboscidea haben eine Möglichkeit gefunden, wie sie ihre Gene trotz des Ablebens ihrer Partnerin weitergeben können, entdeckte das Team, als es mehrere Massenpaarungen im brasilianischen Regenwald beobachtete: Die Kröteriche besteigen einfach das tote Weibchen, und zwar exakt genauso, wie sie es mit einem lebenden machen würden. Dann drücken sie mit Vorder- und Hinterbeinen rhythmisch auf seinen Bauch und quetschen so die Eier aus seinem Körper heraus. Anschließend können sie sie befruchten.

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„Dieses Verhalten minimiert die Verluste auf beiden Seiten“, merken die Forscher lakonisch dazu an. In gewisser Weise stimmt das natürlich, zumindest, wenn man es ausschließlich biologisch-evolutionär betrachtet: Bei einem toten Weibchen ist die Konkurrenz nicht mehr so groß, das Männchen braucht also auch weniger Energie aufzuwenden, um es zu verteidigen. Das Weibchen hingegen gibt seine Gene doch noch weiter und hat so zumindest biologisch gesehen seinen Daseinszweck erfüllt.

Resümierend müsse man also feststellen, dass zumindest in diesem Fall die Nekrophilie nicht stattfindet, weil sich die Männchen sozusagen „vertan“ haben, sondern dass sie tatsächlich einem Zweck dient, so das Fazit der Forscher. (Journal of Natural History, 2013; doi: 10.1080/00222933.2012.724720)

(Journal of Natural History, 20.02.2013 – ILB/NPO)

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