Informationsflut verkürzt Interesse für einzelne Themen in der Gesellschaft Kollektive Aufmerksamkeitsspanne sinkt - scinexx | Das Wissensmagazin
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Kollektive Aufmerksamkeitsspanne sinkt

Informationsflut verkürzt Interesse für einzelne Themen in der Gesellschaft

Smartphone
Über das Smartphone strömen ständig neue Informationen auf uns ein - doch mit welchen Folgen? © Georgijevic/ istock

Gestern in aller Munde, heute schon vergessen: Die Aufmerksamkeitsspanne unserer Gesellschaft für ein einzelnes Thema wird zunehmend kürzer. Wie Analysen zeigen, springt das kollektive Interesse immer schneller von einem Inhalt zum nächsten. Schuld an dieser „sozialen Beschleunigung“ scheint die zunehmende Informationsflut unter anderem durch die sozialen Medien zu sein, wie die Forscher berichten.

Dank Smartphone und Co können wir uns heute immer und überall auf den neuesten Stand der Dinge bringen. Doch diese ständige Verfügbarkeit von Informationen hat nicht nur positive Seiten. Wissenschaftler warnen schon länger, dass der kontinuierliche Nachrichtenstrom über Eilmeldungen, Push-Nachrichten und die sozialen Medien unser Gehirn überfordert.

Außerdem könnten die Informationsflut und die ständige Angst, etwas zu verpassen, zu einer „sozialen Beschleunigung“ der Gesellschaft führen, so die Befürchtung. Demnach wird unser Lebenstempo immer schneller – und damit auch die Zeitspanne, in der wir uns mit einem bestimmten Thema beschäftigen. Was aber ist an dieser Hypothese wirklich dran?

Trendthemen im Blick

Dieser Frage sind nun Philipp Lorenz-Spreen vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und seine Kollegen nachgegangen. Dafür werteten sie Daten aus Büchern der letzten 100 Jahre, wissenschaftlichen Publikationen der letzten 25 Jahre sowie von Twitter, Google Trends, Reddit und Wikipedia aus den 2010er Jahren aus. Zudem nahmen sie die Kinokartenverkäufe der vergangenen 40 Jahre unter die Lupe.

Dabei zeigte sich: Offenbar wird die Aufmerksamkeitsspanne unserer Gesellschaft für ein einzelnes Thema tatsächlich immer kürzer. Besonders gut lässt sich dies den Forschern zufolge anhand der sozialen Medienplattform Twitter verdeutlichen. Während ein Hashtag im Jahr 2013 durchschnittlich 17,5 Stunden in der Top-50-Liste war, blieb er 2016 nur noch durchschnittlich 11,9 Stunden dort.

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Interesse springt immer schneller

Auch wenn man sich gesuchte Begriffe bei Google und die Anzahl der Kommentare auf einzelne Reddit-Posts anschaut, lässt sich dieser Effekt über die Jahre hinweg feststellen. „Unsere Daten zeigen, dass die Dauer, in der die Öffentlichkeit Interesse an einzelnen Themen und Inhalten zeigt, immer kürzer wird. Gleichzeitig springt das Interesse immer schneller von einem Thema zum nächsten“, sagt Lorenz-Spreen.

Nicht nur in der Online-, auch in der Offline-Welt lässt sich die immer stärkere Verkürzung der Aufmerksamkeitsspanne feststellen. Dies zeigt sich an häufig genutzten Wortgruppen in Büchern und den Verkäufen von Kinokarten von Hollywood-Blockbustern, wie das Team berichtet.

Übertragbar auf den Einzelnen?

„Es scheint so, dass das Maß der Aufmerksamkeit in unserer Gesellschaft gleichbleibt. Was sich jedoch verändert, ist, dass die Themen und Inhalte, die um diese Aufmerksamkeit konkurrieren, immer dichter verpackt werden. Das bedeutet, dass es tatsächlich immer schwieriger geworden ist, auf dem Laufenden zu bleiben“, erklärt Mitautor Sune Lehmann von der Technischen Universität Dänemark.

In anderen Worten: Immer mehr Themen konkurrieren um eine begrenzte kollektive Aufmerksamkeit. Dies führt zwangsläufig dazu, dass für ein einzelnes Thema immer weniger vom „Aufmerksamkeitskuchen“ übrigbleibt. Einzig bei Wikipedia und wissenschaftlichen Publikationen zeigt sich dieser Trend den Wissenschaftlern zufolge nicht – vermutlich, weil diese Medien eher mit Wissen statt mit Neuigkeiten arbeiten.

In einem nächsten Schritt wollen Lorenz-Spreen und seine Kollegen untersuchen, ob das nun im gesellschaftlichen Kontext beobachtete Phänomen auch für den Einzelnen gilt. (Nature Communications, 2019; doi: 10.1038/s41467-019-09311-w)

Quelle: Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

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