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Klimawandel lässt Amazonas-Vögel schrumpfen

Klarer Trend zu verringerter Körpermasse und längeren Flügeln

Vogel
Dieser im Amazonasgebiet heimische Grauameisenschlüpfer (Myrmotherula menetriesii) ist in den letzten 40 Jahren kleiner und leichter geworden. © Cameron Rutt

Biologischer Klimaeffekt: Im Amazonasgebiet reagieren nicht nur die Pflanzen auf die zunehmend Wärme und Trockenheit – auch bei den Vögeln sind erste Veränderungen sichtbar, wie eine Studie enthüllt. Demnach hat die Körpergröße aller untersuchten Amazonas-Vogelarten in den letzten 40 Jahren abgenommen. Bei einigen Arten seien zudem die Flügel im Verhältnis zur Masse länger geworden, so die Forscher im Fachmagazin „Science Advances“. Dieser Formwandel passt zu biologischen Anpassungen, die auch bei anderen Tierarten beobachtet wurden.

Das Klima beeinflusst nicht nur die Verteilung von Arten, auch die Körpergröße und Gestalt vieler Tiere spiegelt wider, unter welchen Klimabedingungen sie leben. Entsprechend der Bergmannschen und Allenschen Regeln sind beispielsweise Tiere der kalten Gefilde meist größer und kompakter als ihre Verwandten in den Tropen – das verringert Wärmeverluste an die Umwelt. In heißeren Regionen erleichtern hingegen zierliche Formen und längere Körperanhänge die Ventilation. Über solche Anpassungen sorgt inzwischen auch der Klimawandel dafür, dass sich die Gestalt vieler Tiere weltweit verändert, wie Studien belegen.

Flügel
Die Flügel sind bei vielen Amazonas-Vogelarten im Verhältnis zu ihrem Körper länger geworden.
© Cameron Rutt

Längere Flügel und 1,8 Prozent leichter

Ob und wie sich dies auch bei der Vogelwelt des Amazonas-Regenwalds bemerkbar macht, haben nun Vitek Jirinec von der Louisiana State University und seine Kollegen untersucht. Dafür werteten sie Messdaten der letzten 40 Jahre zu Körpergröße, Masse und Flügellänge von mehr als 14.000 Vögeln aus 77 Arten aus. Alle Spezies waren im Amazonasgebiet heimisch und gehörten nicht zu den Zugvögeln – sie hielten sich daher das gesamte Jahr im Regenwald auf.

Die Auswertungen ergaben: Bei allen 77 untersuchten Arten zeigte sich seit 1980 ein Trend zu einer Verringerung des Körpergewichts – im Schnitt nahm die Masse um 1,8 Prozent ab. „Ein Drittel der Spezies entwickelte in dieser Zeit zudem längere Flügel, so dass sich das Verhältnis von Masse zu Flügellänge veränderte“, berichten Jirinec und sein Team. Diese Veränderungen zeigten Parallelen zu steigenden Mitteltemperaturen und sinkenden Niederschlägen in der Region.

Kein Zusammenhang mit dem Futter

Doch gehen diese Formveränderungen tatsächlich auf die klimatischen Veränderungen im Amazonasgebiet zurück? „Der Klimawandel kann eine direkte Selektion bewirken, aber eine solche Mikroevolution nachzuweisen, ist schwierig“, erklären die Forschenden. Zudem könnte ein Rückgang der Körpermasse auch auf einen Nahrungsmangel zurückzuführen sein – und damit eher eine indirekte Folge der Umweltveränderungen darstellen.

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Gegen Letzteres spricht allerdings, dass sich der Trend zu kleineren und leichteren Exemplaren unabhängig von Ernährungsweise und Futterpräferenz zeigte: Insektenfresser waren genauso betroffen wie früchtefressende Vogelarten, obwohl sich die Futterverfügbarkeit bei diesen Gruppen gegenteilig entwickelt hat. „Die Körpergröße eines großen Teils der Amazonas-Vogelwelt hat sich ungeachtet ihrer Diversität mit bemerkenswerter Konsistenz verschoben“, schreiben Jirinec und seine Kollegen.

Anpassung an zunehmende Wärme

Nach Ansicht des Forschungsteams gehen die Veränderungen der Amazonas-Vögel vor allem auf den Selektionsdruck durch den Klimawandel zurück. „Die Körperproportionen haben sich in Richtung auf eine effizienteren Flug und eine geringere metabolische Wärmeproduktion verlagert“, erklären sie. Das passe zu den Anpassungen an erhöhte thermische Belastungen und eine Veränderung der Umwelt.

„Sowohl saisonale als auch langfristige morphologische Verschiebungen legen eine Reaktion auf den Klimawandels nahe und unterstreichen damit dessen tiefgreifende Auswirkungen – selbst im Herzen des größten Regenwalds der Erde“, konstatieren Jirinec und sein Team. (Science Advances, 2021; doi: 10.1126/sciadv.abk1743)

Quelle: American Association for the Advancement of Science (AAAS)

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