Affen handeln, wie es ökonomische Modelle vorhersagen Kein Fair Play bei Schimpansen - scinexx | Das Wissensmagazin
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Affen handeln, wie es ökonomische Modelle vorhersagen

Kein Fair Play bei Schimpansen

Frodo hat vielleicht kein Gespür für Fairness, aber er weiß, was gut für ihn ist. Hier wartet er darauf, dass die Tierpfleger im Wolfgang-Köhler-Zentrum für Primatenforschung das Futter verteilen. © Katrin Riedl

Im Gegensatz zum Menschen sind Schimpansen nicht bereit, faire Angebote zu unterbreiten und unfaire abzulehnen. Sie handeln stattdessen so, wie es traditionelle ökonomische Modelle vorhersagen. Dies haben Wissenschaftler in einer neuen Studie entdeckt über die sie in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science berichten.

In ihrem Forschungsprojekt verwendeten die Biologen um Keith Jensen, Josep Call und Michael Tomasello vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie eine modifizierte Version des Ultimatum-Spiels, eines der am meisten genutzten und anerkannten Werkzeuge der modernen Wirtschaftswissenschaften. Dieses wurde ursprünglich von dem Wirtschaftswissenschaftler Werner Güth vom Max-Planck-Institut für Ökonomie in Jena entwickelt.

Im Spiel erhält eine Person – Akteur 1 – vom Spielleiter eine bestimmte Menge Geld. Akteur 1 kann dieses Geld mit einer anderen Person, dem Akteur 2, teilen. Über den Anteil, den er abgeben möchte, entscheidet Akteur 1 alleine. Allerdings sehen die Regeln für den weiteren Verlauf des Spiels wie folgt aus: Nimmt Akteur 2 das Angebot von Akteur 1 an, dürfen beide den entsprechenden Geldbetrag mit nach Hause nehmen; lehnt er das Angebot jedoch ab, bekommt keiner von beiden etwas.

Die Angst, dass ein unfaires Angebot abgelehnt wird, veranlasst Akteur 1, ein faires Angebot zu unterbreiten. Gewöhnlich bieten Menschen einen Anteil von knapp unter 50 Prozent an, denn schlechtere Angebote werden häufig abgelehnt. Das Gespür für unfaire Angebote und die Bereitschaft, Kosten in Kauf zu nehmen (also auf das angebotene Geld ganz zu verzichten), um ein unfaires Angebot abzustrafen, sind vermutlich ausschließlich dem Menschen eigen. Die Erkenntnisse, die die Wirtschaftswissenschaftler aus dem Ultimatumspiel ableiten konnten, widersprachen damit den bisherigen Vorstellungen vom Homo oeconomicus, dem reines Selbstinteresse unterstellt wurde.

Einfache Version des Ultimatum-Spiels

Akteur 1 (links) zieht die Lade mit den Rosinen-Schälchen mittels eines Seils so nah heran, wie es geht (Teilbild1). Akteur 2 (rechts) kann das Angebot annehmen, in dem er ebenfalls am Seil zieht und die Lade dadurch noch näher heranzieht, oder ablehnen, indem er nichts tut (Teilbild 2). Wenn Akteur 2 das Angebot annimmt, können beide die Rosinen, die sich in ihrem jeweiligen Schälchen befinden, verspeisen. Im anderen Fall gehen beide leer aus. © Jensen/Call/Tomasello

In der Studie hat das Forscherteam um Jensen mit Schimpansen, unserem nächsten lebenden Verwandten, eine vereinfachte Version des Ultimatum-Spiels gespielt. Akteur 1 kann hierbei Akteur 2 eine bestimmte Anzahl Rosinen anbieten, indem er eine herausziehbare Lade, auf der sich zwei Schälchen befinden, so nah wie möglich heranzieht. Ein Zugriff auf die Schälchen ist aber erst möglich, wenn Akteur 2 das Angebot annimmt und die Lade so weit heranzieht, dass beide die Rosinen entnehmen können.

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Wenn Akteur 2 das, was ihm angeboten wurde, nicht mag, zieht er die Lade nicht heran und beide gehen leer aus. Aufgrund vorangegangener Arbeiten wussten die Forscher, dass Schimpansen zwar nicht zählen können, aber sehr wohl in der Lage sind, Quantitäten zu unterscheiden.

Schimpansen akzeptieren jedes Angebot

In verschiedenen Versionen dieses Mini-Ultimatum-Spiels konnte Akteur 1 eine Lade mit acht Rosinen für sich und zwei Rosinen für Akteur 2 heranziehen. Menschen würden eine solche Aufteilung als unfair empfinden und normalerweise ablehnen. Akteur 1 hatte dann die Wahl: In der ersten Spielrunde konnte er sich entscheiden, ob er das unfaire oder ein faires Angebot unterbreitet (jeder erhält fünf Rosinen). In der nächsten Spielrunde konnte er ein übermäßig faires Angebot wählen (zwei Rosinen für sich selbst, acht für Akteur 2). In der dritten Spielrunde hatte Akteur 1 keine Wahl – er konnte nur ein unfaires Angebot unterbreiten (acht Rosinen für sich, zwei für Akteur 2). Im vierten Spiel konnte Akteur 1 dann Akteur 2 ein äußerst unfaires Angebot unterbreiten: zehn für sich selbst, null für Akteur 2.

Im Gegensatz zu Menschen akzeptierten Schimpansen jedes Angebot – ob unfair oder nicht. Allerdings mit einer Ausnahme: Das einzige Angebot, das sicher abgelehnt wurde, war die Option 10/0, bei der Akteur 2 leer ausgehen würde. Die Forscher schlussfolgern daraus, dass Schimpansen nicht bereit sind, faire Angebote zu unterbreiten und unfaire Angebote abzulehnen. Sie verhalten sich also eher wie eigennützige Ökonomen und weniger wie soziale Reziprokatoren – letztere beziehen sowohl sich selbst als auch den anderen in ihre Handlungsentscheidung mit ein.

(MPG, 05.10.2007 – DLO)

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