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Katzen: Domestikation schrumpfte Gehirn

Hirnvolumen von Hauskatzen ist geringer als das ihrer wilden Verwandten

Hauskatze
Hauskatzen haben ein kleines Gehirn als ihre wilden Verwandten. © Julja/ iStock.com

Folge der Anpassung: Unsere Hauskatzen haben ein kleineres Gehirn als ihre wilden Vorfahren und Verwandten, wie Schädelvergleiche belegen. Unabhängig von der Körpergröße ist demnach das Hirnvolumen unserer Stubentiger geringer als bei der europäischen Wildkatze und der afrikanischen Falbkatze. Der Grund dafür liegt in der Domestikation der Hauskatzen, wie das Forschungsteam erklärt: Die gezielte Zucht veränderte nicht nur äußere Merkmale, sondern auch das Gehirn der Katzen.

Hauskatzen sind schon seit Jahrtausenden enge Begleiter des Menschen und machen sich für uns als Mäusejäger nützlich. Sie gehen jedoch nicht auf die europäische Wildkatze zurück wie lange angenommen, sondern stammen von der im Nahen Osten heimischen Falbkatze ab. Anders als Haushunde sind die Samtpfoten aber in Verhalten und Genom ihren wilden Vorfahren noch relativ ähnlich – sie gelten deshalb manchmal als nur halb domestiziert.

Wildkatzenschädel
Schädel einer Europäischen Wildkatze (Felis silvestris).© Raffaela Lesch/ National Museums Scotland

Katzenschädel im Vergleich

Doch das täuscht, wie nun Raffaela Lesch von der Universität Wien und ihre Kollegen herausgefunden haben. Sie hatten untersucht, ob und wie sich das Hirnvolumen der Hauskatzen von denen ihrer wilden Verwandten unterscheidet. „Veränderungen des Schädelvolumens im Zuge der Domestikation sind von anderen Arten schon dokumentiert, darunter Schafen, Kaninchen, Hunden und vielen mehr“, erklären die Forschenden.

Auch bei Katzen legen gut 50 Jahre alte Studien dies nahe. Sie bezogen sich aber noch auf die Europäische Wildkatze als vermeintlichen Vorfahren der Hauskatze. Lesch und ihr Team haben daher die früheren Ergebnisse noch einmal überprüft und dafür die Schädel von 28 Hauskatzen, 20 Wildkatzen, 19 Falbkatzen und 26 Kreuzungen aus Haus- und Wildkatze analysiert und vermessen.

Hauskatzen-Gehirn ist kleiner

Das Ergebnis: „Verglichen mit allen anderen Katzenarten haben die Hauskatzen das geringste Hirnvolumen“, berichten die Forschenden. Ihre Gehirn ist deutlich kleiner als das ihrer direkten Vorfahrin, der Falbkatze. Diese wiederum hat ein etwas kleineres Gehirn als die Europäische Wildkatze. Diese Unterschiede bestehen auch dann, wenn man die Körpergrößen der Tiere mit berücksichtigt, wie Lesch und ihre Kollegen berichten.

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Nach Ansicht des Forschungsteams bestätigt dies, dass auch das Gehirn der Hauskatzen im Zuge der Domestikation schrumpfte. Auch unsere Stubentiger weisen damit diese für domestizierte Tiere typische Veränderung auf. Nachkommen von Kreuzungen zwischen Hauskatzen und Wildkatzen haben hingegen Gehirnvolumen, die zwischen beiden Spezies liegen.

Liegt es an der Neuralleiste?

Doch warum verkleinert sich das Gehirn so vieler Haustiere durch die Domestikation? Einer Hypothese nach ist dies eine Art Nebeneffekt der gezielten Zucht auf Zahmheit und mangelnde Aggression. Im Laufe der Zeit führte dies zu einer reduzierten Teilung und Migration der Neuralleisten-Zellen beim Katzenembryo – der Zellen, aus denen sich später das Nervensystem bildet, die aber auch für die Stressreaktion zuständig sind.

Allerdings: Diese Hypothese ist umstritten und müsste bei den Hauskatzen auch dazu geführt haben, dass sich ihre Schnauzen mit der Zeit verkürzten. Anders als bei einigen anderen domestizierten Tieren unterscheidet sich die Schnauzenlänge der Hauskatzen aber nicht von der ihrer wilden Verwandten, wie die Schädelmessungen belegen. „Das passt nicht zu den Vorhersagen dieser Hypothese“, so Lesch und ihr Team.

…oder am Einsparpotenzial?

Alternativ wäre denkbar, dass das Zusammenleben mit dem Menschen aus Effizienzgründen zum kleineren Gehirn der Hauskatzen führte. Nach der Hypothese der „teuren Gewebe“ steht auch das Gehirn unter einer Kosten-Nutzen-Abwägung zwischen dem energetischen Aufwand für sein Wachstum und seine Erhaltung und dem Nutzen für das Überleben. Weil Haustiere unter dem Schutz des Menschen stehen und von ihm mitversorgt werden, könnte ein großes, leistungsfähiges Gehirn für sie weniger wichtig sein als für ihre wilden Vorfahren.

Tatsächlich zeigt sich bei Hunden, dass sie nicht nur ein kleineres Gehirn besitzen als Wölfe – sie schneiden auch beim selbstständigen Problemlösen schlechter ab. Stattdessen wenden sie sich einfach hilfesuchend an den Menschen. Ob allerdings auch die selbständigeren Hauskatzen messbare Einbußen im Vergleich zu den mentalen Fähigkeiten von Wildkatzen zeigen, ist offen. (Royal Society Open Science, 2022; doi: 10.1098/rsos.210477)

Quelle: Veterinärmedizinische Universität Wien

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