Neue Substanz greift Grippeviren gleich an zwei Stellen an Influenza: Was tun, wenn Tamiflu und Co. nicht mehr wirken? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Neue Substanz greift Grippeviren gleich an zwei Stellen an

Influenza: Was tun, wenn Tamiflu und Co. nicht mehr wirken?

Noch sind die gängigen Influenzamittel Tamiflu und Relenza wirksam, auch gegen die neue Schweinegrippe. Doch das Virus könnte diese Waffe durch nur eine Mutation jederzeit außer Gefecht setzen. Was dann? Ein Forscherteam hat nun eine Substanz konstruiert, die statt nur an einer gleich an zwei Stellen ansetzt und damit nicht so leicht auszutricksen ist. Der Wirkstoff wurde auf der WHO-Konferenz in Genf vorgestellt und erscheint auf der Titelseite der Fachzeitschrift „European Journal of Organic Chemistry“.

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Was geschieht, wenn das Influenza-Virus resistent gegen die existierenden antiviralen Medikamente wird? Das ist eine der Fragen, die Wissenschaftler und Vertreter von Gesundheitsbehörden diese Woche in Genf auf der Versammlung der Weltgesundheitsorganisation WHO diskutieren. Die Sitzung war einberufen worden, um die weltweiten Aktionen angesichts der drohenden Pandemie der Schweinegrippe-Variante der Influenza und möglicher folgender Infektionswellen zu koordinieren und zu planen.

Mutation könnte Tamiflu und Co. unwirksam machen

Die zurzeit gebräuchlichen Influenzamittel Tamiflu und Relenza setzen jeweils nur an einem Oberflächenprotein des Influenza-Virus an, der Neuraminidase. Sie hemmen dieses Enzym und verhindern damit, dass die in der Wirtszelle vermehrten Viren diese wieder verlassen können, um weitere Zellen zu infizieren. Der Nachteil: Eine Mutation dieses Proteins könnte die bisherige Ansatzstelle der Wirkstoffe verändern und sie so unwirksam machen.

„Wir haben bisher Glück, weil H1N1 gut auf die erhältlichen Wirkstoffe reagiert”, erklärt Robert Linhardt, Professor für Biokatalyse und Stoffwechsel am Rensselaer Polytechnic Institute. „Aber wenn das Virus grundlegend mutiert, könnten sich diese Medikamente als wirkungslos erweisen, da sie nur an einem Teil des Virus ansetzen.“

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Neue Substanz setzt an zwei Stellen an

Linhardt und seine Kollegen haben nun einen neuen Wirkstoff konstruiert, mit dem das Influenzavirus gleich an zwei seiner Oberflächenproteine, der Neuraminidase und dem Hämaglutinin, angegriffen werden könnte. Das Hämaglutinin ist an der Bindung des Virus an die Oberfläche der befallenen Zelle beteiligt. Es eröffnet damit der Influenza quasi die Tür in die Wirtszelle hinein.

Entdeckt wurde die neue Substanz mithilfe der „Klick-Chemie“: Mithilfe von Computern können gezielt Moleküle manipuliert und Teile ihrer Struktur entfernt, ergänzt oder anderweitig modifiziert werden. Linhardt nutzte dies, um ein neues Derivat der Sialinsäure zu erzeugen, einem Bestandteil der Zelloberfläche, an das das Influenzavirus bindet, um letztlich in die Zelle einzudringen. Die veränderte Substanz gaukelt dem Virus eine vielversprechende Wirtszelle vor, provoziert eine Bindung mit dem Virus und blockiert damit dieses für weitere Bindungsversuche an die echten Zellen.

Wirkstoff verhindert Bindung an Wirtszelle

„Wir sehen vielversprechende erste Ergebnisse, nach denen die Chemie dieses Ansatzes den Hämaglutinin-Teil der Krankheit effektiv blockiert, einen Teil, der bisher von keinem auf dem Markt erhältlichen Präparat anvisiert wird“, so Linhardt. Gegenüber der Neuraminidase wirkt die neue Substanz genauso effektiv wie Tamiflu, Relenza und Co. „Indem wir beide Teile des Virus angreifen, das Hämaglutinin und die Neuraminidase, können wir sowohl die Bindung des Virus an die infizierte Zelle verhindern als auch das Knospen neuer Viren aus den Wirtszellen“, so der Forscher.

Noch ist das Präparat aber erst in den allerersten Laborversuchen erprobt worden. Tests an Zellkulturen und infizierten Tieren stehen noch aus. „Noch befinden wir uns früh im Entwicklungsprozess”, erklärt Linhardt. „Wir sind noch einige Schritte von einem einsatzbereiten neuen Präparat entfernt, aber diese Technik ermöglicht es uns sehr schnell neue Substanzen zu testen und zu erzeugen.“

(Rensselaer Polytechnic Institute, 25.05.2009 – NPO)

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