Vorfahren der Roma wanderten vor 1.500 Jahren aus Indien aus Herkunft der Roma rekonstruiert - scinexx | Das Wissensmagazin
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Vorfahren der Roma wanderten vor 1.500 Jahren aus Indien aus

Herkunft der Roma rekonstruiert

Roma in Transsylvanien © Milei.vencel / CC-by-sa 3.0

Alle heute in Europa lebenden Roma haben trotz ihrer teils sehr unterschiedlichen Sprachen und Lebensweisen gemeinsame Vorfahren: Sie stammen alle von einer kleinen Bevölkerungsgruppe ab, die vor etwa 1.500 Jahren im Nordwesten Indiens lebte. Das schließt ein internationales Forscherteam jetzt aus einer genetischen Analyse von insgesamt 152 Roma aus 13 Ländern. Demnach wanderten die Urahnen der heute über elf Millionen europäischen Roma relativ rasch von Indien bis zum Balkan, von wo aus sie sich vor etwa 900 Jahren über ganz Europa verteilten. Seitdem haben die Gruppen zwar verschiedene Sprachen, Religionen und Lebensstile entwickelt, teilen aber nach wie vor ein soziales und genetisches Erbe, wie Isabel Mendizabal von der Universitat Pompeu Fabra in Barcelona und ihre Kollegen im Fachblatt „Current Biology“ schreiben.

Fehlende Aufzeichnungen erschweren Ahnenforschung

Obwohl die Roma in Europa die größte ethnische Minderheit darstellen, sei nur sehr wenig über ihre Geschichte und ihre Abstammung bekannt, vermerken die Wissenschaftler – unter anderem, weil die Roma selbst keine schriftlichen Aufzeichnungen über ihre Herkunft besitzen. Analysen ihrer Sprachen und erste genetische Untersuchungen hatten bisher lediglich auf eine Abstammung vom indischen Subkontinent hingedeutet, genaueres ließ sich aber nicht aus den Daten herauslesen. Um das zu ändern, führten Mendizabal und ihre Kollegen jetzt eine sehr ausführliche genetische Studie durch: Sie untersuchten Proben von insgesamt 152 Roma aus 13 verschiedenen Gruppen, die heute in Portugal, Spanien, Wales, Estland, Litauen, der Ukraine, der Slowakei, Kroatien, Rumänien, Serbien, Bulgarien, Griechenland und Ungarn leben.

Aus den Übereinstimmungen und vor allem den Unterschieden zu anderen heute in Europa lebenden Menschen konnten die Wissenschaftler die Geschichte der Roma relativ genau rekonstruieren. Demnach muss die Gründerpopulation – von den Forschern „Proto-Roma“ genannt – vor ungefähr 1.500 Jahren im Norden oder Nordwesten Indiens beheimatet gewesen sein. Kurz vor oder während der Migration nach Europa wurde diese Bevölkerungsgruppe dann um etwa die Hälfte dezimiert. Trotzdem gab es nur eine sehr eingeschränkte genetische Vermischung mit den Völkern, mit denen die frühen Roma auf ihrem Weg in Kontakt kamen, etwa im Kaukasus, dem Mittleren Osten oder Zentralasien. In der Sprache der Roma haben diese Kontakte dagegen sehr wohl ausgeprägt Spuren hinterlassen, hatten bereits frühere Analysen gezeigt.

Bräuche hinterlassen Spuren im Erbgut

Vor etwa 900 Jahren begann dann vom Balkan aus die Migration ins restliche Europa. Dabei trennten sich dann die Linien der westlichen und der östlichen Roma, wobei die in den Westen wandernde Gruppe um etwa ein Drittel kleiner war als die östliche. Anschließend begannen sich die Roma an ihren aktuellen Wohnorten mehr oder weniger mit den dort ansässigen Europäern zu vermischen, zeigten die genetischen Daten. Dabei gab es allerdings große Unterschiede: In der Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Kroatien scheinen die Gruppen sehr lange ausschließlich unter sich geblieben zu sein, Heiraten fanden vor allem innerhalb der Ethnie statt. Erst in jüngster Zeit beginnt sich offenbar die soziale Akzeptanz von Roma-/Nicht-Roma-Paaren zu verändern, und die genetische Vermischung nimmt zu.

In Spanien, Portugal und Litauen scheint die Situation dagegen genau umgekehrt zu sein: Früher gab es laut den genetischen Daten offenbar häufiger Kontakte zu den Einheimischen als heute. Das könne entweder auf eine zunehmende Isolation der Roma zurückzuführen sein oder aber darauf, dass gemischte Paare sich entscheiden, nicht bei den Roma-Gemeinschaften zu leben. In diesem Falle wären sie in der aktuellen Studie nicht erfasst worden. „Die Roma teilen eine gemeinsame und einzigartige Geschichte“, resümiert der bekannte Genspezialist Manfred Kayser von der Erasmus-Universität in Rotterdam, der ebenfalls an der Studie beteiligt war. „Sie besteht vor allem aus zwei Elementen: den Wurzeln im nordwestlichen Indien und dem genetischen Beitrag der Nicht-Roma-Europäer, der sich in unterschiedlichen Größenordnungen während der Out-of-India-Migration in ihrem Erbgut angesammelt hat.“ (doi: 10.1016/j.cub.2012.10.039).

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(Current Biology, 07.12.2012 – ILB)

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