Studie: Hot Hand Phänomen evolutionäre Anpassung an Umweltmuster Glaube an Glückssträhnen Überlebensvorteil? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Studie: Hot Hand Phänomen evolutionäre Anpassung an Umweltmuster

Glaube an Glückssträhnen Überlebensvorteil?

Trifft er oder trifft er nicht? - Freiwurf bei einem Basketball-Spiel © Jendrik Schmidt / GFDL

Der Glaube, Muster und Regelmäßigkeiten im Auftreten von Ereignissen zu erkennen, ist weit verbreitet – auch wenn diese bei genauerer Betrachtung oft rein zufällig sind. Dieses auch als Hot Hand Phänomen bezeichnete Verhalten wurde bisher als kognitive Fehlleistung angesehen. Doch Wissenschaftler vertreten jetzt in der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift „Evolution and Human Behavior“ die Ansicht, dass das Hot Hand Phänomen vielmehr eine evolutionär erworbene Anpassung an bestehende Umweltmuster ist und einen Überlebensvorteil bietet.

Ein Basketballspieler der bereits mehrere Körbe erzielt hat wird mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere Körbe erzielen. An die Existenz der so genannten Hot Hand glauben Zuschauer und Spieler, wie Wissenschaftler bereits in den 1980iger Jahren nachweisen konnten.

Bekannt ist dieses Phänomen aber nicht nur im Sport. Vom Pokerspieler bis zum Fondsverwalter – dem Glauben an die Glückssträhne können sich nur die wenigsten verschließen. Die Wissenschaft bewertete dieses scheinbar irrationale Verhalten denn auch als Misswahrnehmung und kognitive Fehlleistung.

Evolutionäre Wurzeln

Der Psychologe Andreas Wilke vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung sieht das ganz anders: „Bisherige Studien sind davon ausgegangen, dass es sich um eine kognitive Fehlleistung handelt und haben das Hot Hand Phänomen an evolutionär gesehen völlig jungen Verhaltensweisen wie zum Beispiel dem Basketballspiel untersucht. Wir gehen davon aus, dass der Glaube an Muster und Serienereignisse evolutionäre Wurzeln hat und einen Überlebensvorteil darstellte.“

Wilke und sein kalifornischer Kollege H. Clark Barrett von der University of California in Los Angeles (UCLA) gingen in ihrer Studie von der Annahme aus, dass sich das Hot Hand Phänomen in Zusammenhang mit der Beschaffung lebensnotwendiger Ressourcen wie zum Beispiel Nahrung und Wasser, aber auch mit der Wahl des geeigneten Lebensraumes oder dem Auffinden von Sozialpartnern entwickelte.

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Computerspiel hilft Forschern

Zur Untersuchung ihrer Thesen setzten sie ein Computerspiel ein, das die schrittweise Suche von Gegenständen simulierte. Die Probanden mussten vor jedem Schritt Vorhersagen über das Vorkommen bzw. Ausbleiben unterschiedlicher Gegenstände machen.

„Die Gegenstände wurden durch einen Computeralgorithmus rein zufällig auf dem Bildschirm verteilt. Bei der Auswahl der Gegenstände haben wir ganz bewusst sowohl in der Natur vorkommende als auch von Menschenhand geschaffene Ressourcen eingesetzt“, erläutert Wilke.

Überraschende Ergebnisse

„Wir wollten sehen, ob es Unterschiede im Vorhersageverhalten bezüglich des Vorkommens von zum Beispiel Früchten oder Bushaltestellen gibt. In einem zweiten Experiment sollten unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen Münzwurf – Kopf oder Zahl – vorhersagen“, so der Forscher weiter.

An der Studie nahmen nicht nur kalifornische Studentinnen und Studenten teil, sondern auch junge Frauen und Männer der Shuar, einem südamerikanischen Indianervolk, das bis heute als Jäger und Sammler in Ecuador lebt.

Das Ergebnis war überraschend. Das Hot Hand Phänomen wurde sowohl bei den Studenten als auch bei den Shuar nachgewiesen. Beide Teilnehmergruppen zeigten einen höheren Grad des Hot Hand Phänomens für natürliche Ressourcen wie Früchte als für künstliche, moderne Gegenstände wie Parkplätze oder Bushaltestellen.

Hot Hand Phänomen kulturübergreifend vorhanden

Unterschiede zwischen den beiden Teilnehmergruppen gab es allerdings hinsichtlich des Vorhersageverhaltens von Münzwürfen. Hier zeigten die Shuar einen gleich hohen Grad des Hot Hand Phänomens für Münzwürfe wie für Früchte, wogegen die Studenten für Münzwürfe einen geringeren Hot Hand-Grad als für Früchte zeigten.

Dazu Wilke: „Die Ergebnisse zeigen, dass das Hot Hand Phänomen bei ganz unterschiedlichen Populationen kulturübergreifend vorhanden ist. Sie stützen damit unsere These, dass es sich um ein evolutionär erworbenes Verhaltensmuster handelt. Das Hot Hand Phänomen kann durch Erfahrung abgeschwächt werden: Selbst Studenten glauben beim Münzwurf, wenn auch in abgeschwächter Form, Muster und Serien zu erkennen. Den Shuar, die keine Vorerfahrung mit Münzwürfen haben, fehlt die korrigierende Erfahrung.“

Kognitive Anpassung an die Umwelt

Wilke und Barrett gehen davon aus, dass sich das Hot Hand Phänomen als eine kognitive Anpassung an eine Umwelt entwickelte, in der Muster und Serien die Norm sind. Tier- und Pflanzenarten, aber auch Mineralien oder menschliche Lebensräume sind nicht gleichmäßig über die Erde verteilt, sondern treten zum Beispiel aufgrund gleicher Bedürfnisse oder saisonaler Besonderheiten an bestimmten Stellen gehäuft auf.

Das Hot Hand Phänomen dient nach Ansicht der Forscher der adaptiven Entscheidungsfindung und erleichterte unseren Vorfahren das räumliche und zeitliche Auffinden lebensnotwendiger Ressourcen. „Nicht das Hot Hand Phänomen als solches, stellt die Fehlleistung dar“, betont Wilke, „der Fehler entsteht erst durch die Anwendung auf zufällige Ereignisse wie beim Münzwurf.“

(idw – Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, 04.02.2009 – DLO)

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