Computermodell enthüllt, warum strengere Normen nicht gegen Trittbrettfahrer wirken Gesellschaft: Was hilft gegen schwarze Schafe? - scinexx | Das Wissensmagazin
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Computermodell enthüllt, warum strengere Normen nicht gegen Trittbrettfahrer wirken

Gesellschaft: Was hilft gegen schwarze Schafe?

Überfischung, Steuerhinterziehung, Schwarzfahren: Wenn es um das Gemeinwesen geht, gibt es immer wieder schwarze Schafe, Trittbrettfahrer, die egoistisch handeln und von sozialen Errungenschaften auf Kosten anderer profitieren. Warum dies so ist und wie sich dieses schwarzen Schafe verhindern lassen, haben Wissenschaftler mit Hilfe eines Computermodells erforscht. Ihr in der Fachzeitschrift „PLoS Computational Biology“ veröffentlichtes Ergebnis gewährt neue Einblicke in das Funktionieren unserer Gesellschaft.

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Fährt jemand schwarz, verhält er sich unkooperativ und schadet damit Fahrgästen, die einen Fahrschein kaufen. Weshalb, so mag sich der ehrliche Benutzer des öffentlichen Nahverkehrs fragen, solle er bezahlen, während andere auf seine Kosten fahren? Verbreitet sich solch ein unsoziales Verhalten, wird auch der ehrlichste Fahrgast in Versuchung kommen, es dem Trittbrettfahrer gleich zu tun. Das Individuum steckt in einem sozialen Dilemma: Kurzfristig profitiert es von einem egoistischen Verhalten, denn es kann die Leistungen des Gemeinwesens nutzen, ohne einen angemessenen Beitrag zu leisten.

Die Tragödie des Gemeinguts

Ein System, das auf kooperatives Verhalten angelegt ist, wird dadurch allerdings leicht unterlaufen. Am Ende leidet die Qualität des Angebots; die Kooperation bricht zusammen, weil die Versuchung groß ist, besser als andere dazustehen. Soziologen sprechen von der „Tragödie der Gemeingüter“. Sie spielt sich auch bei der Überfischung der Weltmeere, der Steuerhinterziehung, dem Versicherungsbetrug oder dem Missbrauch von Sozialsystemen ab.

Um die Bedrohung der gesellschaftlichen Errungenschaften abzuwenden, bestrafen Ticketkontrolleure, Gerichte, Steuerbehörden oder die Polizei diejenigen, die sich nicht an die Regeln halten. Stattdessen können Individuen nichtkooperatives Verhalten aber auch selber sanktionieren. Die Frage ist deshalb, unter welchen Voraussetzungen sich kooperatives Verhalten in einer Gemeinschaft von selbst einstellt. Dirk Helbing, Professor für Soziologie an der ETH Zürich und weitere Forscher haben nun auf Basis der Spieltheorie ein neues Modell geschaffen, mit dem sie die Überwindung der Tragödie der Gemeingüter simulieren können und das Verhalten der Menschen in sozialen Systemen erklären.

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Gutmensch trifft auf Defekteur

In diesem Modell lassen die Wissenschaftler vier Verhaltens-Typen aufeinandertreffen: neben kooperativen Individuen („Gutmenschen“) gibt es Defekteure, die auf Kosten der ersteren leben und „Trittbrettfahrer erster Art“ sind. Weiter spielen „Moralisten“, die kooperativ sind und Defekteure

bestrafen, im System mit. „Immoralisten“ bestrafen Defekteure, obwohl sie sich selber asozial verhalten. In Helbings „Spiel“ wird angenommen, dass die Strafe höher ist als deren Kosten.

Darüber hinaus interagieren die Individuen räumlich und imitieren andere, die mehr Erfolg haben als sie selbst, übernehmen also deren Verhalten.

Trittbrettfahrer schaffen es

Treffen die Individuen auf zufällig ausgewählte Interaktionspartner, so gewinnen Trittbrettfahrer trotz der Bestrafungsoption wieder die Oberhand. Da die Bestrafung unkooperativen Verhaltens Kosten verursacht, können sich Moralisten nicht verbreiten. Vielmehr profitieren von ihnen kooperative

Individuen, die sich die Sanktionierungsbemühungen ersparen. Solche „Trittbrettfahrer zweiter Art“ bewirken schliesslich, dass die Sanktionierungsbemühungen im Lauf der Zeit erlahmen, und sich die Defekteure am Ende wieder durchsetzen.

Gruppenbildung als Erfolgsrezept

Zur grossen Überraschung der Wissenschaftler ergibt sich ein völlig anderes Ergebnis, wenn Individuen räumlich mit ihren Nachbarn interagieren. In den Computersimulationen zeigt sich, dass sich Gleichgesinnte in Gruppen zusammen finden, die sich von Individuen mit unterschiedlichem Verhalten abgrenzen. Moralisten müssen daher nicht mehr direkt mit kooperativen Individuen konkurrieren, die sich die Sanktionierungskosten sparen. Vielmehr schlagen sich beide mit den Defekteuren herum, und in diesem Wettkampf schneiden die Moralisten durch die Bestrafung asozialen Verhaltens besser ab, wenn die Sanktionierung nur stark genug ist.

Dennoch haben die Moralisten einen schwierigen Start; indem sie sich wie die Kooperativen zu Gruppen zusammen finden, halten Sie aber trotz der Übermacht der Defekteure durch. Da die Kooperativen von den Trittbrettfahrern ausgenutzt werden, machen diese jedoch Moralisten Platz, welche die Defekteure in Schach halten können. „Die Auseinandersetzung endet mit einer ‚Wer zuletzt lacht, lacht am besten-Situation‘ für die Moralisten“, sagt Helbing.

Moral dank Schwarzen Schafen

Streut man zufällig ein paar Defekteure in das System ein, setzen sich die Moralisten sogar noch schneller durch. „Schwarze Schafe nützen dem Siegeszug der Moral“, findet der Soziologieprofessor. Man habe nicht erwartet, dass dieser bekannte Effekt nebenbei aus dem Modell hervorgehe. Entscheidend für diese Entdeckungen ist, dass die Individuen nicht mit zufällig ausgewählten Individuen interagieren, sondern nur mit einer bestimmten Zahl von Nachbarn, Kollegen, Freunden oder Familienmitgliedern.

Mischen sich hingegen die vier Verhaltens-Typen zufällig, sprich ohne Gruppen zu bilden, endet das Spiel mit der Tragödie der Allgemeingüter. Unter speziellen Bedingungen können Moralisten und Immoralisten auch eine „unheilige Allianz“ bilden. Sind die Kosten für den Bestrafenden tief und die Strafe für unkooperatives Verhalten moderat, dann können sich beide Gruppen gemeinsam durchsetzen. Sowohl Defekteure als auch Kooperative verschwinden dann.

Vielseitige statt normierte Gesellschaft

Helbing betont, dass sein Modell dazu dient, bestimmte Prozesse in unserer Gesellschaft besser zu verstehen, nicht aber als Vorlage für die Gestaltung sozialer Systeme. „Eine zu normierte Gesellschaft funktioniert nicht gut, sie muss pluralistisch sein“, ist er überzeugt, „wenn alle gleich handeln, kann

sich das System nicht schnell genug an veränderte Rahmenbedingungen anpassen.“ Freiheit und Toleranz seien Voraussetzungen dafür, dass eine Gesellschaft flexibel und anpassungsfähig bleibe, meint Helbing. Es sei daher gut, Rahmenbedingungen zu schaffen, welche die Selbstorganisation der Gesellschaft fördern.

In einem kreativen Klima entstehen neue Ideen für Wirtschaft und Kultur, welche den Erfolg eines Landes ausmachen. „Das wird manchmal vergessen, gerade in schwierigen Zeiten.“ Da werde rasch der Ruf nach Ordnung und Normen laut, was aber nur zum Erstarren einer Gesellschaft beitrage. „Das ist eher kontraproduktiv und macht meistens alles nur noch schlimmer“, betont der Soziologie-Professor.

(Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich), 11.05.2010 – NPO)

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