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Geheimnisse des Quetzalcoatlus gelüftet

Paläontologen ermitteln, wie der größte Flieger aller Zeiten flog, lief und fraß

Quetzalcoatlus
Der Quetzalcoatlus war der größte Tier, das sich jemals in die Lüfte erhob. Am Boden war der Flugsaurier allerdings weniger elegant. © James Kuether

Flug wie ein Kondor, Futtersuche wie ein Reiher und ein ziemlich merkwürdiger Gang: Mit zwölf Metern Flügelspannweite war der Flugsaurier Quetzalcoatlus das größte jemals fliegende Tier. Doch erst jetzt haben Paläontologen einige offene Fragen seiner Biologie geklärt. So legen neue Fossilanalysen nahe, dass der Riesen-Pterosaurier einen einzigartigen, weder ganz zweibeinigen noch vierbeinigen Gang besaß – und dass er zum Fliegen erst in die Luft springen musste.

Die Pterosaurier waren die ersten Wirbeltiere, die den Himmel eroberten. Mehr als 150 Millionen Jahre lang dominierten sie den Luftraum unseres Planeten. Der größte von ihnen war der in der Kreidezeit lebende Quetzalcoatlus mit einer Flügelspannweite von gut zwölf Metern. Mit seinem langen, dünnen Kopf, den im Verhältnis zu den Flügeln kurzen Hinterbeinen und dem langen Hals war er offensichtlich zwar gut ans gleitende Segeln angepasst, gab aber am Boden eine eher groteske Gestalt ab.

Viele offene Fragen

Das aber wirft die Frage auf, wie der Quetzalcoatlus überhaupt laufen konnte. Und wie schaffte es dieses Riesentier, sich in die Luft zu erheben? In einer konzertierten Aktion haben mehrere Forschungsteams nun noch einmal alle Fossilien des Quetzalcoatlus näher analysiert und versucht, einige der vielen Fragen rund um diesen Flugsaurier zu klären. In gleich sechs Fachartikeln haben sie ihre Ergebnisse nun veröffentlicht.

„Dieses urzeitliche Flug-Reptil ist legendär, obwohl die landläufigen Vorstellungen von ihm eher durch künstlerischen Darstellungen als durch Wissenschaft geprägt sind“, sagt Kevin Padian von der University of California in Berkeley. „Wir haben nun einen ersten genaueren Blick auf dieses größte fliegende Tier aller Zeiten geworfen – und die Ergebnisse sind revolutionär für die Pterosaurierforschung.“

Einzigartiger Gang

Eine erste strittige Frage ist, wie der Quetzalcoatlus sich am Boden fortbewegte: Nutzte er nur seine Hinterbeine, wie die heutigen Vögel? Oder lief er auf allen Vieren, wie einige Vampirfledermäuse? Weil die Hinterbeine des Pterosauriers mit 1,80 Meter Länge deutlich kürzer waren als die langen Knochen seiner zu Flügeln umgeformten Vorderbeine, haben seine Flügel im Stehen wahrscheinlich den Boden berührt. Der Quetzalcoatlus stand daher vermutlich wie ein Vierbeiner.

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Doch wie war es beim Laufen? Bisher dominierte die Ansicht, dass der Quetzalcoatlus seine Flügel auch zum vierbeinigen Laufen nutzte. Die neuen Analysen der Schulteranatomie widersprechen dem jedoch. Ein Knochen im Schultergelenk verhinderte demnach, dass der Flugsaurier seine Vorderbeine am Boden nach vorne schwingen konnte. Daher konnte er auch nicht mit ihnen schreiten.

„Um nicht über seine eigenen Beine zu stolpern, musste der Quetzalcoatlus daher erst seinen linken Vorderarm zur Seite anheben, dann bewegte er sein linkes Hinterbein zum Schritt nach vorne und setzte das Vorderbein wieder ab“, erklärt Padian. „Dieser Prozess wurde dann auf der rechten Seite wiederholt. Es erscheint uns ziemlich umständlich, aber der Pterosaurier konnte so wahrscheinlich relativ gut laufen.“ Dieser ungewöhnliche Gang passe auch gut zu Fußabdrücken, die in den 1990er Jahren in Frankreich entdeckt wurden.

Sprungstart
Springender Start: So könnte sich der Quetzalcoatlus zum Fliegen in die Luft katapultiert haben. © University of Texas Austin

Start aus dem Sprung heraus

Noch problematischer war das Missverhältnis zwischen Flügeln und Hinterbeinen für den Quetzalcoatlus jedoch beim Abheben: Lange vermuteten Paläontologen, dass das Riesentier nur von einer Klippe aus in die Luft starten konnte. Denn wegen der geringen Höhe des Rumpfes über dem Grund war ein ungestörter Flügelschlag am Boden kaum möglich: „Die Hüfte ist nur gut 1,20 Meter über dem Boden, so dass das Tier selbst bei nicht voll ausgestreckten Flügeln diese nur um maximal 40 Grad unter die Waagerechte senken konnte“, erklärt Padian.

Mit einem so eingeschränkten Flügelschlag hätte der Flugsaurier nicht genügend Auftrieb erzeugen können, um vom Boden abzuheben. „Weil die Flügel so riesig waren, konnte er sie auch nicht viel schneller schlagen“, so der Paläontologe. Nach Ansicht von Padian und seinem Team blieb dem Quetzalcoatlus damit nur eine Strategie: Er musste sich erst mit seinen Hinterbeinen in die Luft katapultieren, um genügend Platz für volle Flügelschläge zu erhalten.

Einen solchen Sprungstart vollführen heute auch die Reiher. Anders als sie könnte der Quetzalcoatlus vielleicht sogar mit allen Vieren in die Luft gesprungen sein – seine langen Flügel hätten dann etwas mitgeholfen.

Kräftige Flugmuskeln

Einmal in der Luft, war der Quetzalcoatlus trotz seiner gewaltigen Größe vermutlich ein guter Flieger. „Diese Pterosaurier haben ein besonders kräftiges Brustbein, an dem die Flügelmuskeln ansetzten, daher gibt es kaum Zweifel daran, dass sie hervorragende Flieger waren“, sagt Padian. ‚“Ihr Oberarmknochen hat zudem große Knochenkämme, die der Verankerung der Flugmuskeln dienten, sie sind weit größer als die heutiger Vögel oder Fledermäuse.“

Der Quetzalcoatlus nutzte wahrscheinlich ähnlich wie heute der Kondor thermische Aufwinde, um ohne große Kraftanstrengung durch die Luft zu segeln. Um dann wieder zu landen, musste er ähnlich wie viele Greifvögel zunächst sein Flugtempo durch schnelle Flügelschläge abbremsen. „Dann landete er auf seinen Hinterbeinen und machte noch einige Hopser, bevor er auch die Vorderbeine aufsetzte“, erklärt Padian.

Quetzalcoatlus
Die Schnauze des Quetzalcoatlus war lang und schmal – ähnlich wie bei einem Storch. © University of Texas Austin

Wie fraß der Quetzalcoatlus?

Eine weitere strittige Frage ist die Ernährungsweise des Flugsauriers. „Einige hielten ihn für einen Aasfresser, andere vermuteten, dass er Fische im Flug aus dem Wasser schnappte wie ein Pelikan“, sagt Padian. „Aber das hätte beides nicht funktioniert: Die Kiefer des Quetzalcoatlus sind sehr lang und dünn und enden in einer feinen Spitze.“ Diese Schnauze wäre für das Zerreißen von Aas nicht stabil genug gewesen, wie die Paläontologen feststellten. Das Schnappen von Fisch im Flug wäre hingegen für einen so großen Flieger zu energieaufwändig.

Stattdessen gehen die Paläontologen heute davon aus, dass Quetzalcoatl eher wie ein Reiher oder Storch fraß: Er watete im flachen Wasser und stocherte mit dem langen Schnabel nach kleineren Beutetieren wie Echsen, Fischen oder Krebsen. „Das Tier konnte dann seinen Kopf und Nacken senkrecht aufrichten, um so die mit dem Kiefer gepackten Beutetiere herunterzuschlucken.“

Wichtiger Fortschritt der Pterosaurierforschung

Noch sind damit längst nicht alle Geheimnisse des Quetzalcoatlus gelüftet. Aber immerhin einige der Fragen zu seiner Biologie könnte damit zumindest in Teilen beantwortet sein. „Dies ist das erste Mal, dass diese Tiergruppe so umfassend untersucht worden ist“, sagt Matthew Brown von der University of Texas in Austin. „Auch wenn der Quetzalcoatlus schon seit 50 Jahren bekannt war, wussten wir kaum etwas über ihn.“

Ähnlich sieht es auch der nicht an der Studie beteiligte Pterosaurier-Experte Darren Naish: „Nie zuvor wurde so viel detaillierte Information zu den Azhdarchiden, der Flugsaurier-Familie zu der Quetzalcoatlus gehört, zusammengetragen“, sagt der Paläozoologe. „Diese Arbeiten werden uns noch Jahre vielleicht sogar Jahrzehnte als Standardreferenz für diese Tiergruppe dienen.“ (Journal of Vertebrate Paleontology, Vol. 41, 2021, Suppl. 1)

Quelle: University of California Berkeley, University of Texas at Austin

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