Unterirdische Blätter als tödliche Klebfallen für Fadenwürmer Fleischfressende Pflanze mit einzigartiger Fangstrategie entdeckt - scinexx | Das Wissensmagazin
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Unterirdische Blätter als tödliche Klebfallen für Fadenwürmer

Fleischfressende Pflanze mit einzigartiger Fangstrategie entdeckt

Mikroskopische Aufnahme eines Fangblatts mit daran klebenden Sandkörnern und Fadenwürmern © Pereira et al. /PNAS

Forscher haben einen völlig neuen Typ von fleischfressenden Pflanzen entdeckt: Die in Brasilien wachsende Pflanze Philcoxia minensis nutzt winzige klebrige Blätter, um im Boden lebende Fadenwürmer zu fangen und zu verdauen. Diese Fangstrategie sei einzigartig. Man kenne keine andere fleischfressende Pflanzenart, die ihre Blätter als unterirdische Klebfallen einsetze, berichtet ein internationales Forscherteam im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“.

Die Pflanzen der Gattung Philcoxia gehören zur Familie der Wegerichgewächse und kommen ausschließlich in der Cerrado-Region Brasiliens vor, einem nährstoffarmen, von Felsen und weißem Sand bedeckten Lebensraum. Bereits zuvor hatten Forscher festgestellt, dass die Wurzeln dieser unscheinbaren Pflanze kaum ausgebildet sind und sie darin einigen fleischfressenden Pflanzen ähnelt. „Das auffallendste Merkmal ist jedoch, dass die Pflanze zahlreiche ihrer nur 0,5 bis 1,5 Millimeter kleinen Blätter unter die Oberfläche des Sandbodens absenkt“, schreiben Caio Pereira von der Universidade Estadual de Campinas in Brasilien und seine Kollegen. Auf den winzigen Blättern sitzen zahlreiche Drüsen, die die Blattoberfläche klebrig machen.

Bei näherer Betrachtung entdeckten die Wissenschaftler auf diesen Blättern zahlreiche anklebende Sandkörner, aber auch tote, weniger als einen Millimeter lange Fadenwürmer. Das habe bei ihnen den Verdacht geweckt, dass Philcoxia fleischfressend sein könnte und sich von diesen Fadenwürmern ernähre, sagen die Forscher.

Pflanze mit markierte Fadenwürmern gefüttert

Um ihre Hypothese zu testen, markierten die Forscher Fadenwürmer mit einer speziellen Form des Stickstoffs. Die Würmer gaben sie in den Boden von Töpfen mit Philcoxia-Pflanzen. Nach 24 und 48 Stunden prüften sie, ob der als Marker genutzte Stickstoff in den Blättern der Pflanze nachweisbar war. Bereits nach 24 Stunden fanden die Wissenschaftler fünf Prozent des Stickstoffs aus den Fadenwürmern in den Blättern und nach 48 Stunden 15 Prozent. „Das deutet darauf hin, dass die Pflanzenblätter die Fadenwürmer verdaut und schnell aufgenommen haben“, meinen die Forscher.

In den Blättern von Philcoxia man zudem eine hohe Aktivität von Verdauungsenzymen festgestellt, berichten die Wissenschaftler. Das zeige, dass nicht etwa auf den Blättern siedelnde Bakterien die Würmer zersetzten, sondern dass die Pflanze selbst die Würmer verdaue. Sie sei daher tatsächlich fleischfressend. Die auf diese Weise gewonnenen Nährstoffe helfen der Pflanze, auf dem kargen Boden ihres Lebensraums zu überleben.

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Nach Ansicht der Forscher weist die verborgene und auf extrem kleine Beute spezialisierte Fangmethode von Philcoxia darauf hin, dass es möglicherweise noch mehr unerkannte fleischfressende Pflanzen gibt. Bisher schätze man deren Anteil auf rund 0,2 Prozent aller Blütenpflanzen, sagen Pereira und seine Kollegen. Aber das sei vielleicht deutlich zu niedrig geschätzt. (PNAS, 2012; doi:10.1073/pnas.1114199109)

(PNAS, 10.01.2012 – NPO)

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