Brasilianische Freischwanz-Fledermaus erreicht 160 Stundenkilometer Fledermaus ist schneller als jeder Vogel - scinexx | Das Wissensmagazin
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Brasilianische Freischwanz-Fledermaus erreicht 160 Stundenkilometer

Fledermaus ist schneller als jeder Vogel

Rekordverdächtig: die Brasilianische Freischwanz-Fledermaus ist mit 160 Stundenkilometern unterwegs. © MPI for Ornithologie

Fliegerischer Rekord: Der schnellste Flieger im Tierreich ist kein Vogel, sondern eine Fledermaus. Die Brasilianische Freischwanz-Fledermaus schießt mit mehr als 160 Stundenkilometern durch den Nachthimmel – und widerlegt damit das gängige Bild der langsam dahinflatternden Säuger. Dank ihrer überdurchschnittlich langen Flügel und einer speziellen Flugtechnik übertrifft die Freischwanz-Fledermaus selbst die schnellsten Vögel.

Bisher sind es vor allem die Vögel, die für fliegerische Rekorde im Tierreich sorgen. So können Wanderfalken auf ihren Sturzflügen bis zu 300 Stundenkilometer erreichen. Mauersegler glänzen dagegen mit ihrer Ausdauer und gelten zudem als die schnellsten Vögel beim normalen Geradeausflug: Sie schaffen immerhin rund 110 Kilometern pro Stunde.

Überraschender Flugrekord

Jetzt jedoch haben Forscher einen neuen Spitzenreiter unter den Akrobaten der Lüfte entdeckt. Überraschenderweise handelt es sich dabei aber nicht um einen Vogel, sondern um die Brasilianische Freischwanz-Fledermaus (Tadarida brasiliensis). In Texas hatten Gary McCracken von der University of Tennessee und seine Kollegen vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell diese Tiere mit winzigen Sendern ausgestattet, um ihr Flugverhalten zu untersuchen.

Die Ergebnisse waren selbst für die Experten überraschend: „Wir wollten unseren Daten zunächst kaum glauben, aber es stimmt: Die nur elf bis zwölf Gramm schweren Weibchen der Fledermäuse flogen teilweise über 160 Kilometer in der Stunde – ein neuer Rekord im horizontalen Flug“, sagt Koautor Kamran Safi vom Max-Planck-Institut für Ornithologie.

Keine Hilfe durch Rückenwind

Um ganz sicher zu gehen, werteten die Wissenschaftler auch die Daten der nächstgelegenen Wetterstation aus und bestimmten die Windverhältnisse zum Zeitpunkt der untersuchten Flüge. „Äußere Einflüsse wie Landschaft oder Rückenwind können Messergebnisse nicht erklären, denn die Maximalgeschwindigkeiten waren davon unabhängig“, sagt Dina Dechmann vom Max-Planck-Institut.

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Oft verbringen die Freischwanz-Fledermäuse den Tag in enormen Ansammlungne in einer Höhle und fliegen dann abends zusammen aus - wie hier zu sehen. © US FWS/Ann Froschauer

Eher im Gegenteil: Flogen die Fledermäuse bei Rückenwind, verlangsamte dies ihren Flug sogar. Stattdessen schien ihr Flugtempo eher von Windstille oder leichtem Gegenwind zu profitieren. „Das ist genau das gleiche, was auch schon bei anderen Fluggeräten und Tieren demonstriert worden ist, von Flugzeugen bis hin zu Vögeln“, erklärt McCracken.

Lange Flügel und gute Flugtechnik

Diese Entdeckung widerspricht der gängigen Annahme, dass Fledermäuse aufgrund ihres Körperbaus und ihrer Flügelform von Natur aus langsamere Flieger sind als Vögel. Was aber macht ausgerechnet die Freischwanz-Fledermaus so schnell? Ein Faktor sind ihre überdurchschnittlich langen und schmalen Flügel, wie die Forscher berichten. Während die normalerweise breiten Flughäute der Fledermäuse ihren Luftwiderstand stark erhöhen, ist dies bei den schmalen Flügeln nicht der Fall.

Ein weiterer Faktor ist der Segelflug, das sogenannte „Flap Gliding“. Bei dieser Flugtechnik wechseln sich mehrere schnellere Flügelschläge mit Phasen des Segelns ab. Mauersegler und viele andere Langstreckenflieger nutzen diese energiesparende und aerodynamisch günstige Flugtechnik. Fledermäuse dagegen nur sehr selten.

Doch die Brasilianische Freischwanz-Fledermaus beherrscht diese Technik und erreicht auch dadurch ein höheres Flugtempo als viele ihrer Verwandten. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass wir unsere bisherigen Annahmen zu den Flugleistungen der Fledermäuse überdenken müssen“, sagt McCracken. „Offenbar haben wir ihre Flugkünste unterschätzt.“ (Royal Society Open Science, 2016; doi: 10.1098/rsos.160398)

(Max-Planck-Gesellschaft/ University of Tennessee, 11.11.2016 – NPO)

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