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Fischsterben in der Oder: Ist eine Alge schuld?

Erste Hinweise auf Massenvermehrung einer hochgiftigen Algenart

Fischsterben
Seit Ende Juli sterben in der Oder massenhaft Fische. Eine mögliche Ursache könnten Forscher jetzt entdeckt haben. © Luc De Meester/IGB

Toxische Blüte: Das dramatische Fischsterben in der Oder könnte auf eine giftige Alge zurückgehen – erste Hinweise darauf haben nun Gewässerökologen entdeckt. In Wasserproben fanden sie große Mengen der Mikroalge Prymnesium parvum, die ein starkes Toxin produziert. Die anomal hohen Salzgehalte der Oder und die Trockenheit könnten das Wachstum dieser normalerweise nur im Brackwasser vorkommenden Alge begünstigt haben. Woher allerdings die Salze kommen, ist weiterhin ungeklärt.

Seit Ende Juli breitet sich in der Oder ein Fischsterben rätselhaften Ursprungs aus. Allein auf der deutschen Seite sind inzwischen 26 Tonnen tote Fische an die Ufer gespült worden. Das Massensterben begann flussaufwärts im polnischen Odergebiet und breitete sich dann flussabwärts aus. In ersten Wasserproben detektierten Chemiker eine anomal hohe Konzentration verschiedener Salze, zu hohe pH-Werte und ungewöhnlich hohe Sauerstoffwerte. Dies wird als Hinweis auf eine Einleitung von Chemikalien gewertet, aber der Urheber ist noch unklar.

Prymnesium parvum
Die Brackwasser-Alge Prymnesium parvum produziert ein für Fische und andere Wassertiere giftiges Toxin. © Manning et al./ Marine Drugs, CC-by-sa 3.0

Hohe Zellzahlen einer giftigen Alge

Jetzt gibt es eine neue Spur dazu, was die Fische und andere Wassertiere umbringt: Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) haben in Wasserproben die Massenvermehrung der giftgen Algenart Prymnesium parvum nachgewiesen. In den Proben wurden über 100.000 Prymnesium-Zellen pro Milliliter gefunden, vor dem Zufluss der Warthe könnte die Werte aber noch weit höher liegen. Das Massenwachstum der Algen könnte auch die deutlich erhöhten Messwerte bei Sauerstoff, pH und Chlorophyll erklären.

Die Wirkung der Prymnesium-Toxine ist insbesondere für Kiemenatmer wie Fische, für Weichtiere wie Muscheln und auch für Amphibien besonders verheerend, weil das Algengift unter anderem die Schleimhäute und feinen Blutgefäße angreifen und zersetzen kann. „Wir möchten unterstreichen, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt nur die Massenentwicklung einer potenziell giftigen Alge beweisen können, die Art und Konzentration eventueller Toxine aber erst in einigen Tagen feststehen wird. Unsere bisherigen Beobachtungen an der Oder und auch der Zustand der Fische und Muscheln passen aber zu unserer Vermutung“, sagt Jan Köhler vom IGB.

Salzfracht und Wärme begünstigten Massenvermehrung

Sollte sich bestätigen, dass das Massensterben an der Oder auf diese Alge zurückgeht, ist dies nach Angaben der Wissenschaftler aber dennoch klar ein menschengemachte Katastrophe. Denn erst die anomal hohe Salzfracht und Wärme haben eine Massenvermehrung dieser Brackwasseralge in der Oder ermöglicht. „Die Algenart kommt eigentlich ausschließlich im Brackwasser vor und benötigt erhöhte Salzgehalte, die es auf der betroffenen Oderstrecke natürlicherweise überhaupt nicht gibt“, erklärt Köhler.

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Besonders günstige Bedingungen dafür herrschten in den Staustufen im oberen Teil der Oder: „Sollte in diesen Stauhaltungen aufgrund von industriellen Einleitungen stark salzhaltiges, warmes und nährstoffreiches Wasser längere Verweilzeiten gehabt haben, käme das einem Bioreaktor für die Zucht von Brackwasseralgen gleich“, erklärt Köhler.

Niedrigwasser und Ausbaggerung verschärfen die Situation

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass bei der Oder-Katastrophe mehrere schädliche Faktoren zusammengekommen sind. Neben einer möglichen Chemikalien-Einleitung spiele dabei auch das durch die Trockenheit bedingte Niedrigwasser eine Rolle: „Bei Niedrigwasser entsteht eine Aufkonzentrierung, denn schädliche Substanzen werden in viel geringerem Wasservolumen transportiert“, so IGB-Forscher Tobias Goldhammer. „Kommen zur bestehenden Belastung dann zum Beispiel weitere Gefahren wie toxische Algenblüten oder chemische Verunreinigungen hinzu, kann das schnell ganze Ökosysteme in Gewässern vernichten.“

Ein weiteres Problem für Fließgewässerökosysteme stellen Ausbaumaßnahmen für die Binnenschifffahrt dar, die den ökologischen Zustand der Gewässer verschlechtern. Polen hatte trotz Dürre und Protesten auch von deutschen Behörden mit dem Ausbau begonnen. „Diese Arbeiten sind für sich schon ein gewaltiger Eingriff in das Ökosystem der Oder“, sagt Christian Wolter vom IGB. „Die aktuell laufenden Baggerarbeiten wirbeln Sedimente, Nährstoffe und häufig präsente Altlasten wie zum Beispiel Quecksilber auf.“

Flüsse kaum noch resilient

Nach Ansicht der IGB-Forscher zeigt das Massensterben an der Oder aber auch, wie wenig resilient die Flüsse inzwischen sind. Das müsse sich dringend ändern. „Im Zuge des Klimawandels nehmen Extremwetterlagen zu, zeitgleich steigt der menschliche Nutzungsdruck immer weiter“, sagt Wolter. „Wenn die aquatischen Ökosysteme dem standhalten sollen, dann müssen sie dafür widerstandsfähig genug sein — dies lässt sich nur über deutlich verbesserte Vielfalt der Gewässerstruktur und der Artengemeinschaften erreichen, aber nicht über rein technische Lösungen.“

Als geeignete Maßnahmen sehe die Wissenschaftler unter anderem mehr natürlichen Wasserrückhalt in angrenzenden Auen und ein Wiederanschließen von Nebengewässern wie zum Beispiel Altarmen, damit die Tiere bessere Rückzugsmöglichkeiten bei Extrem- und Verschmutzungsereignissen fänden. So würde auch die Selbstreinigungskraft der Gewässer deutlich gestärkt.

Dennoch sei klar, dass selbst solche Maßnahmen ein Extremereignis wie das derzeitige Fischsterben nicht verhindern können. „Wenn sich diese Katastrophe als Ergebnis eines Umweltdelikt herausstellt, sollte dies absolut konsequent verfolgt und bestraft werden. Wir hoffen weiter auf konsequente Beweissicherung, Aufklärung und Einleitung aller notwendigen Maßnahmen, um das einzigartige Ökosystem der Oder zu retten“, betont Thomas Mehner vom IGB. Bisher läuft die Aufklärung allerdings vor allem von polnischer Seit aus eher schleppend.

Quelle: Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

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