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Erster Nachweis akustischer Mimikry bei einem Säugetier

Fledermaus ahmt Summen der Hornisse nach, um Eulen abzuschrecken

Großes Mausohr
Diese Fledermaus ahmt bei Gefahr das laute Summen einer erbosten Hornisse nach – und schreckt so Eulen ab. © Marco Scalisi

Raffinierte Strategie: Um sich vor jagenden Eulen zu schützen, haben einige Fledermäuse eine ungewöhnliche Abwehrmethode entwickelt. Die Großen Mausohren imitieren das bedrohliche Summen einer erbosten Hornisse. Dies schreckt die Eulen ab, weil viele von ihnen unangenehme Erfahrungen mit den Insekten gemacht haben. Das Abwehrsummen der Fledermäuse ist der erste Beleg für eine akustische Mimikry bei einem Säugetier, wie Forschende im Fachmagazin „Current Biology“ berichten.

Die Mimikry ist eines der faszinierendsten Phänomene der Natur. Im Fall der Bates’schen Mimikry ahmen harmlose Tiere das Aussehen oder Verhalten einer wehrhaften, giftigen oder ungenießbaren Art nach, um sich so vor dem Angriff von Fressfeinden zu schützen. Klassische Beispiele dafür sind die gelbschwarze Wespen-Imitation von Schwebfliegen,  eine Kröte, die eine Giftschlange nachahmt, oder auch ein Vogelküken, das verblüffend naturgetreu Aussehen und Verhalten einer giftigen Raupe imitiert.

Hornisse
Die Fledermaus imitiert das Summen der wehrhaften Hornisse. © Michelina Pusceddu

Summende Fledermäuse

Einen ungewöhnlichen Fall akustischer Mimikry haben jetzt Biologen um Leonardo Ancillotto von der Universität Neapel Federico II aufgedeckt. Den Anstoß dafür gab eine Beobachtung, die die Wissenschaftler beim Einfangen von Großen Mausohren (Myotis myotis) zu Versuchszwecken machten: „Wenn wir die Fledermäuse anfassten, um sie aus den Netzen zu befreien oder sie zu untersuchen, summten sie ähnlich wie eine Wespe“, berichtet Ancillottos Kollege Danilo Russo.

Für eine Fledermaus ist solches laute Summen eine eher ungewöhnliche Lautäußerung. Die Biologen hielten es daher für einen Stress- oder Alarmlaut, der möglicherweise Artgenossen vor Gefahr warnen sollte – und ignorierten die Laute zunächst. Doch die merkwürdige Ähnlichkeit mit dem Summen eines wehrhaften Insekts ließ ihnen keine Ruhe. In einer akustischen Analyse haben die Forschenden daher die Summlaute der Fledermäuse mit dem Summen verschiedener angriffsbereiter Insekten verglichen.

Hornissen-Nachahmung schreckt Eulen ab

Das Ergebnis: Die ungewöhnlichen Laute der Fledermäuse stimmen tatsächlich gut mit dem Summen einer ziemlich wehrhaften Wespenart überein – der Hornisse (Vespra gabro). Aber warum? Was hat das Große Mausohr davon, wenn es klingt wie die Hornisse? Könnte es sich möglicherweise um eine Mimikry handeln? Um das zu überprüfen, führten die Biologen Verhaltenstests mit den wichtigsten Fressfeinden der Fledermäuse durch, der Schleiereule und dem Waldkauz. Dafür spielten sie den Vögeln echte Hornissen- und Wespenlaute, das Summen der Fledermäuse und neutrale Kontrolltöne vor.

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Tatsächlich zeigten die beiden Raubvögel eine relativ eindeutige Reaktion: „Die Eulen reagierten auf das Summen der Insekten und Fledermäuse in konsistenter Weise, indem sie vom Lautsprecher abrückten“, berichten Ancillotto und seine Kollegen. „Das Summen löste bei den Raubvögeln eine klare Vermeidungsreaktion aus.“ Ertönten dagegen die normalen Lautäußerungen der Mausohr-Fledermäuse, näherten sich die Eulen der Quelle der vermeintlichen Beutegeräusche. Das Summen der Fledermäuse zeigt demnach eine deutliche Wirkung auf ihre Fressfeinde.

Schleiereule
Die Schleiereule gehört zu den Fressfeinden des Großen Mausohrs, lässt sich aber von imitierten Hornissen-Summen abschrecken. © Maurizio Fraissinet

Erste Beleg für eine akustische Mimikry bei Säugetieren

Nach Ansicht der Biologen sprechen ihre Resultate dafür, dass es sich hier um eine besondere Form der Bates’schen Mimikry handelt: „Bei der Bates’schen Mimikry imitiert eine nichtwehrhafte Art eine wehrhafte, um Prädatoren abzuschrecken“, erklärt Russo. Im Fall des Großen Mausohrs erfolgt diese Nachahmung akustisch – durch Imitation des Hornissensummens. „Damit ist dies eines der wenigen Systeme akustischer Mimikry, die bisher bekannt sind“, so das Team.

Gleichzeitig ist dies der erste dokumentierte Fall einer akustischen Mimikry bei einem Säugetier und der erste Beleg für eine Mimikry, bei der ein Säugetier ein Insekt nachahmt. Die Schutzstrategie des Großen Mausohrs erstreckt sich dabei sogar über drei Großgruppen des Tierreiches hinweg: Das Insekt dient dem Säugetier als schützendes Vorbild, um räuberische Vögel abzuschrecken. „Das ist nur eines der vielen Beispiele für die Schönheit evolutionärer Prozesse“, sagt Russo.

Aus früheren Erfahrungen gelernt

Die ungewöhnliche Mimikry wirft die Frage auf, wie sie sich entwickeln konnte – und warum Eulen so ängstlich auf Hornissenlaute reagieren. Eine Erklärung dafür könnte aber das Nistverhalten der beiden Tiergruppen bieten: Sowohl die Eulen als auch Hornissen bauen ihre Nester bevorzugt in Felsspalten, Baumhöhlen oder auch geschützten Hohlräumen in Gebäuden. Dadurch kommt es häufiger vor, dass eine Eule auf der Suche nach einem geeigneten Schlafplatz in ein Hornissennest gerät.

Tatsächlich belegten die Verhaltenstests mit den Eulen, dass die Tiere besonders stark auf die Summlaute reagierten, die früher schon einschlägige Erfahrungen gemacht hatten. Eulen, die hingegen in Gefangenschaft aufgewachsen waren, zeigten deutlich schwächere Vermeidungsreaktionen, wie die Forschenden berichten. (Current Biology, 2022; doi: 10.1016/j.cub.2022.03.052)

Quelle: Cell Press

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