Forscher weisen hunderte neue Umweltchemikalien im Blutserum der weißen Giganten nach Eisbären: Chemikalien-Cocktail im Blut - scinexx | Das Wissensmagazin
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Forscher weisen hunderte neue Umweltchemikalien im Blutserum der weißen Giganten nach

Eisbären: Chemikalien-Cocktail im Blut

Eisbären leben in einer abgeschiedenen Region der Erde - sind aber trotzdem stark mit Umweltgiften belastet. © dagsjo/ istock

Belastete Riesen: Die Eisbären in der Arktis sind noch immer überraschend stark mit Umweltgiften kontaminiert. Wie neue Analysen zeigen, finden sich neben bereits früher nachgewiesenen Substanzen zahllose weitere potenziell schädliche Chemikalien im Körper der Tiere. Besonders erschreckend dabei: Die Konzentration einiger dieser Substanzen ist entgegen der Erwartungen in den vergangenen Jahrzehnten nicht zurückgegangen – sondern sogar angestiegen.

Nahezu überall sind Menschen und Tiere potenziell schädlichen Chemikalien ausgesetzt, die aus der Umwelt in die Nahrungskette gelangen. Selbst inzwischen längst verbotene Substanzen wie das als Umwelthormon wirkende Insektenvernichtungsmittel DDT und die krebserregenden polychlorierten Biphenyle (PCB) lassen sich noch heute praktisch auf der ganzen Welt nachweisen – sogar im Eis der Arktis finden sich solche sehr langlebigen organischen Schadstoffe.

In die entlegene Polarregion gelangen die Substanzen vor allem über Luft- und Meeresströmungen. Zum besonderen Leidweisen der dort lebenden Eisbären: Schon länger ist bekannt, dass die weißen Giganten sehr stark mit Umweltgiften belastet sind. Denn sie stehen am oberen Ende der Nahrungskette und das bedeutet, dass sich alles, was Fische, Robben und andere Meeresbewohner aufnehmen, letztendlich in ihrem Körper anreichern kann.

Hunderte Chemikalien

Doch wie hat sich die Belastung der Bären in den vergangenen Jahren entwickelt? Steht es inzwischen etwas besser um Ursus maritimus? Dies haben nun Jonathan Martin von der University of Alberta in Edmonton und seine Kollegen am Beispiel von zwei Eisbärpopulationen aus der Hudson Bay und der Beaufortsee im Nordpolarmeer untersucht. Dafür analysierten sie Blutserumproben von Tieren beider Gruppen, die in regelmäßigen Abständen zwischen 1984 und 2014 genommen worden waren.

Die Auswertung mithilfe besonders empfindlicher chromatographischer und massenspektrometrischer Verfahren offenbarte einige Überraschungen: Insgesamt wiesen die Wissenschaftler hunderte Chemikalien aus insgesamt 13 unterschiedlichen Stoffklassen nach. Darunter waren bereits früher in Eisbären gefundene PCBs und deren Metabolite – aber auch eine Reihe bisher unbekannter PCB-Metabolite.

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Überraschender Anstieg

Zudem entdeckten Martin und sein Team erstmals sogenannte perfluorierte Alkylsulfonsäuren (PFSAs) im Eisbärserum, unter anderem perfluorierte Alkylethersulfate. Diese Substanzen können sich negativ auf die Reproduktion und Entwicklung von Lebewesen auswirken, werden trotz gesundheitlicher Bedenken aber zum Teil immer noch industriell genutzt.

Erschreckenderweise stellten die Forscher fest, dass die Belastung der Eisbären mit PFSAs zwischen 1984 und 2014 sogar kontinuierlich zugenommen hat. Besonders betroffen waren dabei die Tiere aus der Beaufortsee. Der wahrscheinliche Grund: Sie leben näher an den großen Industrieregionen Chinas, die die Chemikalien nach wie vor in großem Maßstab in die Umwelt freisetzen, wie sich immer wieder zeigt.

Anlass zur Sorge

Daneben identifizierte das Team weitere, bisher noch nie in Eisbären nachgewiesene polychlorierte Verbindungen, zum Beispiel mehrere chlorierte aromatische Verbindungen. Angesichts der erstaunlich vielfältigen Belastung plädieren Martin und seine Kollegen nun dafür, die Gesundheitsgefahren für die Tiere in der Arktis neu zu bewerten.

Vor allem die unerwartete Zunahme einiger Metabolite gibt ihnen zufolge Anlass zur Sorge. Denn sie zeigt, dass bisherige Regulierungen und Verbote nicht weit genug gehen: „Gefährdete Tierarten reichern selbst an den Außenposten der Erde wie im Nordpolarmeer immer mehr von diesen Stoffen an“, konstatiert das Team. (Angewandte Chemie International Edition, 2018; doi: 10.1002/anie.201809906)

Quelle: Wiley

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