Früher Hominide ging schon aufrecht – und konnte trotzdem durch die Kronen schwingen Einzigartiges Menschenaffen-Fossil entdeckt - scinexx | Das Wissensmagazin
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Einzigartiges Menschenaffen-Fossil entdeckt

Früher Hominide ging schon aufrecht – und konnte trotzdem durch die Kronen schwingen

DAnuvius-Knochen
Diese Knochen stammen von einem gut elf Millionen Jahre alten Menschenaffen – und sie liefern überraschende Einblicke in die Fortbewegungsweise unserer frühen Vorfahren. © Christoph Jäckle

Spektakulärer Fund: Im Allgäu haben Forscher einen fossilen Menschenaffen entdeckt, der ein ganz neues Licht auf die Entwicklung des aufrechten Ganges wirft. Denn Danuvius guggenmosi konnte schon vor 11,6 Millionen Jahren gestreckt aufrecht gehen. Seine Arme und Hände aber waren an das Klettern und Schwingen angepasst. Damit könnte dieser Urzeit-Hominide ein entscheidendes Bindeglied in der Evolution unserer frühen Vorfahren gewesen sein, so die Forscher im Fachmagazin Nature“.

Seit Charles Darwin diskutieren Wissenschaftler darüber, wie sich der aufrechte Gang entwickelt hat: Ging er aus dem vierbeinigen Knöchelgang hervor – der Fortbewegungsweise, die noch heute unsere engsten Verwandten, Gorillas und Schimpansen, bevorzugen? Oder bereitete das Klettern und Hangeln in den Bäumen unsere Vorfahren auf das zweibeinige Laufen vor? Bisher fehlte es an eindeutigen Fossilien, um diese Frage zu klären.

DAnuvius-Rekonstruktion
So könnte ein männlicher Danuvius guggenmosi zu Lebzeiten ausgesehen haben. © Velizar Simeonovski

Auch Vergleiche heutiger Affen und Menschen oder die Fossilien von Menschenvorfahren, die eindeutig schon aufrecht gingen, lieferten widersprüchliche Daten. So besaß die Australopithecus-Frau „Lucy“ schon moderne Füße und einen modernen Gang, gleichzeitig aber schien selbst sie noch zeitweise auf Bäume zu klettern – unter anderem kurz vor ihrem Tod.

Ein 11,6 Millionen Jahre alter Menschenaffe

Doch jetzt haben Paläontologen ein Fossil entdeckt, das ein ganz neues Licht auf die Fortbewegung unserer frühen Vorfahren wirft. Den Fund machten Madelaine Böhme von Universität Tübingen und ihre Kollegen bei Ausgrabungen in einer 11,6 Millionen Jahre alten Gesteinsformation im Allgäu. Dabei stießen sie auf die Knochen und Schädelteile von vier Individuen einer noch unbekannten urzeitlichen Primatenart.

Die Fossilien enthüllen, dass das Danuvius guggenmosi getaufte Tier zu den Hominiden gehörte und damit zur Stammesgruppe der Menschenaffen und Menschen. Der rund einen Meter große und zwischen 17 und 31 Kilogramm schwere Affe ähnelte in seinem Körperbau ein wenig den Bonobos. Das Wichtigste jedoch: Die fast vollständig erhaltenen Arm- und Beinknochen sowie Wirbel und Teilen der Hände und Füße geben Aufschluss über Haltung und Fortbewegung dieses Urzeit-Affen.

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„Zum ersten Mal konnten wir mehrere funktionell wichtige Gelenke ‒ darunter Ellbogen, Hüfte, Knie und Sprunggelenk ‒ in einem einzigen fossilen Skelett dieses Alters untersuchen“, sagt Böhme.

Klare Indizien für einen aufrechten Gang

Das überraschende Ergebnis: „Zu unserem Erstaunen ähnelten einige Knochen mehr dem Menschen als dem Menschaffen“, so Böhme. So deuten die Form des Schienbeins, das Kniegelenk und die flache Kniescheibe darauf hin, dass Danuvius guggenmosi seine Beine im Gegensatz zu den meisten heutigen Affen voll durchstrecken konnte. Zudem besaß Danuvius eine flexible Lendenwirbelsäule, die es ihm ermöglichte, seinen Rücken so zu krümmen, dass der Massenschwerpunkt seines Körpers senkrecht über den Beinen und Füßen lag.

„Das spricht für einen zumindest zeitweilig aufrechten Gang“, konstatieren die Forscher. Das aber könnte bedeuten, dass Menschenaffen schon vor knapp zwölf Millionen Jahren aufrecht auf zwei Beinen gehen konnten – sechs Millionen Jahre früher als bisher gedacht. Denn die bislang ältesten Belege für den aufrechten Gang sind 5,7 Millionen Jahre alt und stammen von der Insel Kreta und aus Kenia.

DAnuvius-Knochen
Vor allem die Bein- und Wirbelknochen von Danuvius sprechen für einen aufrechten Gang. Hände und Arme dagegen für das Hangeln. © Christoph Jäckle

Einzigartige Kombination

Doch Danuvius war keineswegs ein reiner Aufrechtgeher, wie die Fossilien verraten. So besaß Danuvius die langen Arme und kräftigen, gekrümmten Greiffinger eines guten Kletterers, der hängend durch die Baumkronen schwang. „Das deutet darauf hin, dass die Suspension eine wichtige – aber nicht dominante – Rolle in seinem lokomotorischen Repertoire spielte“, sagen die Forscher. Auch der daumenähnlich biegsame große Zeh dieses Urzeit-Affen spricht dafür, dass er sich häufig auf den Bäumen aufhielt.

Damit ist dieser neuentdeckte Urahn des Menschen in Haltung, Körperbau und Fortbewegung einmalig unter den Primaten. „Die Einzigartigkeit dieser Fortbewegung besteht darin, dass sie nicht entweder die Vorder- oder Hinterextremitäten bevorzugt, sondern beide in etwa gleichem Maße nutzt“, erklären die Wissenschaftler. Danuvius guggenmosi konnte demnach durch die Baumkronen schwingen, lief aber auch schon aufgerichtet und mit gestreckten Beinen über breite Äste oder den Boden.

„Meilenstein der Paläoanthropologie“

Nach Ansicht der Forscher könnte diese kombinierte Fortbewegungsweise für diese frühen Vorfahren der Menschen und heutigen Menschenaffen typisch gewesen sein. Erst aus ihr entwickelten sich dann spezialisiertere Bewegungsformen wie der Knöchelgang der Gorillas, das Schwingen der Orang-Utans oder der aufrechte Gang der Frühmenschen.

Danuvius liefert damit erstmals fossile Belege dafür, dass der aufrechte Gang wahrscheinlich weder auf rein schwingende Baumbewohner noch auf vierbeinig laufende Bodenbewohner zurückgeht. Stattdessen nutzten schon unsere frühen Vorfahren eine Mischung aus Laufen und Schwingen zu Fortbewegung. „Die Funde aus Süddeutschland sind ein Meilenstein der Paläoanthropologie, denn sie stellen unsere bisherige Sichtweise auf die Evolution der großen Menschenaffen und des Menschen grundlegend in Frage“, sagt Böhme.

Zudem könnte der Fossilfund darauf hindeuten, dass sich der aufrechte Gang und die gemeinsamen Vorfahren des Menschen und der Menschenaffen möglicherweise nicht in Afrika, sondern in Europa entwickelt haben. (Nature, 2019; doi: 10.1038/s41586-019-1731-0)

Quelle: Eberhard-Karls-Universität Tübingen

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