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Der gefährlichste Ort der Erdgeschichte?

In der Kreidezeit wimmelte es im Nordwesten der Sahara vor riesenhaften Fleischfressern

Urzeit-Räuber
Der riesige Raubdinosaurier Carcharodontosaurus und die Urzeit-Krokodile Elosuchus waren nur einige der große Räuber, die in der Kreidezeit den vielleicht gefährlichsten Ort der Erdgeschichte bevölkerten. © Davide Bonadonna

Achtung Lebensgefahr: Riesige Raubsaurier, unzählige Arten von Krokodilen und noch dazu Raubfische und fleischfressende Flugsaurier – ein Delta im Südosten Marokkos könnte vor rund 100 Millionen Jahren der gefährlichste Ort der gesamten Erdgeschichte gewesen sein. Denn nirgendwo sonst gibt es eine so große Dominanz von großen Raubtieren, wie Paläontologen berichten. Der Grund dafür blieb lange rätselhaft – bis jetzt.

Ob Tyrannosaurus rex, Allosaurus oder Giganotosaurus: Diese riesigen, zweibeinig laufenden Raubdinosaurier waren die Top-Prädatoren ihrer Zeit. Als Fleischfresser waren sie perfekt daran angepasst, selbst große Beute zu jagen und zu erlegen. Ähnlich wie in vielen heutigen Ökosystemen standen dabei meist wenige dieser großen Räuber an der Spitze großer Nahrungsnetze mit kleineren Raubtieren und vielen Pflanzenfressern – so jedenfalls dachte man.

Rätsel um „zu viele“ große Raubtiere

Doch eine Fossilfundstätte im Südosten Marokko gibt in dieser Hinsicht Rätsel auf: Schon vor mehr als 50 Jahren fiel Paläontologen auf, dass in der rund 100 Millionen Jahre alten Kem-Kem-Formation zwar viele Wirbeltier-Überreste gefunden wurden – diese aber eine eigentümliche Verteilung aufwiesen. Die Knochen und Zähne stammten fast ausschließlich von fleischfressenden Raubtieren – und die meisten davon waren noch dazu sehr groß.

Die größten Theropoden
Zwei der fünf größten bekannten Raubdinosaurier – Spinosaurus und Carcharodontosaurus – lebten zusammen mit weiteren Riesenräubern im Kem-Kem-Delta.© Matthew Martyniuk/CC-by-sa 4.0

Wie aber war dies zu erklären? Lag dies vielleicht an einer selektiven Konservierung der Relikte? Oder lebten an diesem Ort einst wirklich so ungewöhnlich viele Top-Prädatoren auf einem Haufen? Um das zu klären, haben nun Nizar Ibrahim von der University of Chicago und seine Kollegen noch einmal alle Falten sowie zahlreiche neue Fossilfunde aus der Kem-Kem-Formation und auch die Formation selbst analysiert.

Prädatoren zu Land, zu Wasser und in der Luft

Das Ergebnis: Die ungewöhnliche Dominanz der großen Kreidezeit-Räuber ist real. Demnach lebten in diesem einst ausgedehnten Flussdelta allein vier riesige Raubdinosaurier. Unter ihnen war der knapp 14 Meter lange, mit säbelartigen Reißzähen ausgestattete Carcharodontosaurus, einer der größten Fleischfresser der Erdgeschichte. Außerdem der gut acht Meter lange Raptor Deltadromeus und der an die Jagd im Wasser angepasste Spinosaurus – auch er wurde bis zu 15 Meter lang.

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Als wäre dies nicht genug, lauerten im flachen Wasser und am Ufer des Flusses und der vielen Tümpel unzählige Urzeitkrokodile. „Die Spanne reichte von rund einen Meter langen insekten- oder pflanzenfressenden Arten bis zu großen Fleischfressern mit zwölf Metern Länge“, berichten Ibrahim und sein Team. Und auch aus der Luft drohte Gefahr: Räuberische Flugsaurier mit vier bis sechs Metern Flügelspannweite stießen von oben auf ihre Beute hinab.

Einzigartig in der Erdgeschichte

Das Merkwürdige jedoch: Auf den ersten Blick fehlt es für all diese gewaltigen Fleischfresser an Nahrung. Denn neben ihren Fossilien wurden nur vergleichsweise wenig Relikte von pflanzenfressenden Tieren gefunden. „Die Wirbeltier-Fauna von Kem-Ken ist stark verzerrt – hin zu großen Fleischfressern“, erklären die Forscher. „Es gibt kein modernes terrestrisches Ökosystem mit einer vergleichbaren Dominanz großer Prädatoren.

Jeder Pflanzenfresser, der sich in dieses Delta verirrte, begab sich in Lebensgefahr. Denn Räuber lauerten dort an Land, im Wasser und in der Luft: „Dies war möglicherweise der gefährlichste Ort in der gesamten Geschichte unseres Planeten“, sagt Ibrahim. „Ein Mensch hätte dort nicht lange überlebt.“

Wasserbewohner als Nahrungsquelle

Doch was fraßen all diese großen Raubtiere? Den entscheidenden Hinweis darauf lieferte die große Zahl von Fischfossilien in der Kem-Kem-Formation. „An diesem Ort wimmelte es förmlich vor absolut riesigen Fischen“, berichtet Koautor David Martill von der University of Portsmouth. Unter diesen waren mehr als vier Meter lange Quastenflosser, aber auch ähnlich große Lungenfische. „Außerdem gab es dort den enormen Sägezahn-Hai Onchopristis mit Zähen wie hakenbesetzten Dolchen“, so Martill. Dieser Raubfisch wurde bis zu zehn Meter lang.

Nach Ansicht der Paläontologen spricht all dies dafür, dass die ungewöhnlich vielen räuberischen Arten in diesem Flussdelta vor allem wasserlebende Beute fingen. „Mit bisher mehr als 40 verschiedenen Fischarten und wahrscheinlich noch vielen weiteren mehr, müssen diese wasserlebenden Wirbeltiere die primäre Nahrungsquelle für die Prädatoren der Kem-Kem gewesen sein“, so Ibrahim und sein Team. Das könnte erklären, warum es dort im Vergleich zu den Raubtieren so wenig pflanzenfressende Landwirbeltiere gab.

Nur scheinbar unbalanciert

„Damit spiegelt auch die taxonomische und zahlenmäßige Dominanz der Raubdinosaurier die realen Gegebenheiten wider – auch wenn das Nahrungsnetz auf de ersten Blick unbalanciert erscheint“, sagen die Forscher. Doch die reiche Verfügbarkeit aquatischer Nahrungsquellen erkläre, wovon diese riesigen Raubdinosaurier lebten: Sie fraßen Frische und die vielen kleineren Räuber, die sich von diesen ernährten. (ZooKeys, 2020; doi: 10.3897/zookeys.928.47517)

Quelle: University of Portsmouth

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