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Aufrechter Gang schon vor sieben Millionen Jahren

Der frühe Vormensch Sahelanthropus lief zumindest zeitweise auf zwei Beinen

Knochen
Diese sieben Millionen Jahre alten Bein- und Armknochen stammen vom Sahelanthropus tchadensis, einem der frühesten Homininen. © Franck Guy / PALEVOPRIM / CNRS – University of Poitiers

Auf zwei Beinen: Schon vor sieben Millionen Jahren könnten frühe Vorfahren des Menschen aufrecht gegangen sein – zumindest zeitweise. Indizien dafür liefern nun Bein- und Armknochen des Vormenschen Sahelanthropus tchadensis. Sie deuten darauf hin, dass dieser noch affenähnliche Vormensch schon auf zwei Beinen lief, aber auch noch viel Zeit kletternd und hangelnd auf Bäumen verbrachte, wie Forschende in „Nature“ berichten. Der aufrechte Gang könnte demnach eines der frühesten Merkmale der Homininen gewesen sein.

Der aufrechte Gang ist ein Schlüsselmerkmal des Menschen und war prägend für seine Evolution. Doch wann entwickelten unsere Vorfahren diese Fähigkeit? Klar scheint, dass der vor gut drei Millionen Jahren lebende Vormensch Australopithecus schon aufrecht lief – wenn auch nicht ausschließlich. Auch ältere Formen wie Ardipithecus und der vor rund sechs Millionen Jahren lebende Orrorin könnten zumindest ab und zu zweibeinig gelaufen sein.

Sahelanthropus
Der Schädel des Sahelanthropus wurde bereits 2001 gefunden und lieferte erste Hinweise auf eien aufrechten Gang. © Didier Descouens/ CC-by-sa 4.0

Auf den Spuren des Sahelanthropus

Doch diese Vormenschen waren offenbar nicht die ersten: Ein Team um Guillaume Daver von der Universität von Poitiers in Frankreich präsentiert nun Indizien dafür, dass schon der Sahelanthropus tchadensis zumindest zeitweise aufrecht lief. Dieser vor sieben Millionen Jahren lebende, noch sehr affenartige Vormensch war bisher vor allem durch einen fast vollständigen Schädel bekannt, der 2001 im Tschad gefunden wurde. Zwar ist seine Einordnung als Vormensch umstritten, dennoch gilt er als möglicher Vertreter der frühen Homininen.

Erste Hinweise auf eine aufrechte Körperhaltung des Sahelanthropus lieferte bereits das Hinterhauptsloch des Fossils: Es liegt wie beim Menschen relativ weit vorne an der Schädelbasis. Bei vorwiegend vierbeinig laufenden Säugetieren ist diese Ansatzstelle der Wirbelsäule dagegen weiter hinten platziert. Doch Fossilien von Beinen oder Füßen blieb es umstritten, ob der Sahelanthropus wirklich schon aufrecht lief oder vielleicht nur viel in aufrechter Haltung kletterte und hangelte.

Erste Anpassungen ans zweibeinige Laufen

Jetzt gibt es weitere Indizien für den aufrechten Gang beim Sahelanthropus. Sie stammen von einem fossilen Oberschenkelknochen und zwei Unterarmknochen, die an der gleichen Fundstätte wie der Schädel gefunden wurden. Dass sie wahrscheinlich ebenfalls vom Sahelanthropus tchadensis stammen, konnten vergleichende Analysen jedoch erst im Jahr 2009 klären. Ein Team um Guillaume Daver von der Universität von Poitiers in Frankreich hat diese Knochen nun gezielt auf Merkmale hin untersucht, die Auskunft über die Bewegungsweise dieses Vormenschen geben können.

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Beim Oberschenkelknochen fanden die Paläoanthropologen tatsächlich einige Hinweise auf eine zweibeinige Fortbewegung. So ist seine obere Partie leicht abgeflacht und nach vorne ausgerichtet – dies gilt als typisch für aufrechtgehende Wesen. Die Ansatzstellen des für den aufrechten Gang wichtigen großen Gesäßmuskels, Gluteus maximus, sind zudem relativ robust und ähneln darin den unsrigen, wie die Forscher berichten. Bei Analysen der Knochendichte zeigten sich zudem leichte Verdickungen an den Stellen, die beim aufrechten Gehen stärkeren seitlichen Kräften ausgesetzt sind.

…aber auch klare Spuren des Kletterns

Nach Ansicht von Daver und seinen Kollegen muss der Sahelanthtropus demnach zumindest einen Teil seiner Zeit schon aufrecht umhergelaufen sein. „Auf Basis mehrere Indizien schlussfolgern wir, dass der im Tschad entdeckte Beinknochen Merkmale für einen habituellen Bipedalismus zeigt“, formulieren es die Wissenschaftler. Das bedeutet, dass die Homininen schon vor rund sieben Millionen Jahren, unmittelbar nach der Trennung der Stammeslinien von Schimpanse und Mensch, den aufrechten Gang entwickelten.

Allerdings: Die fossilen Unterarmknochen des Sahelanthropus belegen, dass der aufrechte Gang nicht die wichtigste Fortbewegungsart dieses Homininen war. Stattdessen deuten die gekrümmte Form der Elle und die Morphologie des Ellenbogens auf häufiges Klettern und Hangeln hin. Sahelanthropus muss sich demnach noch einen großen Teil seiner Zeit auf Bäumen aufgehalten haben. Dazu passt, dass dieser Vormensch in einer Umgebung lebte, in der sich Waldgebiete, Savanne und Feuchtwiesen an Gewässern abwechselten.

Kombination als ökologischer Vorteil?

Möglicherweise war diese Kombination aus aufrechtem Gang und agilem Klettern ein wichtiger Vorteil für diese Menschenvorfahren. „Die Homininen aus dem Tschad konnten sowohl in den Bäumen wie am Boden nach Futter suchen und Wasserressourcen aufsuchen“, erklären Daver und seine Kollegen. Dies könnte es dem Sahelanthropus und den nach ihm kommenden Vormenschen ermöglicht haben, eine eigene ökologische Nische zu besetzen und sich weiterzuentwickeln.

Offen bleibt allerdings weiterhin, ob der aufrechte Gang eine „Erfindung“ der Homininen war oder ob nicht doch schon der gemeinsame Vorfahre von Menschenaffen und Menschen zweibeinig laufen konnte. Für Letzteres könnte das 2019 im Allgäu entdeckte Fossil des Danuvius guggenmosi sprechen. Denn auch dieser vor 11,6 Millionen Jahren lebende Menschenaffe wies einige Anpassungen an einen aufrechten Gang auf.

„Dieses Thema wird sicher Gegenstand noch vieler Debatten sein, bis mehr Fossilien gefunden werden, die die Lücken in der evolutionären Geschichte auffüllen – nicht nur des Menschen, sondern auch der Schimpansen“, kommentiert der nicht der Studie beteiligte Paläoanthropologe Daniel Lieberman von der Harvard University. (Nature, 2022; doi: 10.1038/s41586-022-04901-z)

Quelle: Nature, CNRS

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