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Auch Menschenaffen necken sich

Spielerische Hänseleien kommen auch bei Schimpansen, Gorillas und Co. vor

Schimpansen
Kennen Schimpansen das "typisch menschliche" Necken? © Editorial12/ iStock

Purer Spaß: Nicht nur wir Menschen, sondern auch Menschenaffen necken sich spielerisch untereinander, wie Beobachtungen belegen. Schimpansen und Co. sind uns damit nicht nur in unserem sozialen Miteinander ähnlich, sie wenden scheinbar auch spielerische Hänseleien und bewusste Provokationen ihrer Artgenossen an – eine kognitive Meisterleistung. Und das aus purer Freude am gemeinsamen Spielen und zur sozialen Bindung, vermuten die Forscher.

Unzählige Studien zeigen, dass Menschenaffen uns nicht nur genetisch, sondern auch im Sozialverhalten sehr ähnlich sind. Sie teilen ihr Futter mit Freunden, helfen sich untereinander – und sogar Fremden. Außerdem beobachteten Forscher zum Beispiel bei einer Gorilladame empathisches Verhalten, weil sie einen Menschenjungen vorm Abstürzen rettete. Menschenaffen können sich zudem in ihre Artgenossen hineinversetzen, belohnen Gefälligkeiten – bestrafen allerdings auch unsoziales Verhalten.

Kennen Menschenaffen das spielerische Necken?

Doch wie ist es mit einem anderen „typisch menschlichen“ Verhalten – dem Necken? Studien zeigen, dass schon Säuglinge in ihrem ersten Lebensjahr drei Formen des nonverbalen Neckens nutzen: Kinder bieten zum Beispiel ihren Eltern Gegenstände an und verstecken sie dann wieder, sie missachten provokativ Vorschriften oder stören die Erwachsenen bei ihren Tätigkeiten – und freuen sich diebisch darüber. Wissenschaftler sprechen deshalb von der ersten Form des Humors.

Aber kennen auch unsere engsten tierischen Verwandten diese Form des Humors? Dieser Frage sind Forscher um Johanna Eckert von der University of California und dem Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig auf den Grund gegangen. Sie untersuchten, ob auch Menschenaffen die drei Formen des spielerischen Neckens – das Angebot-Rückzug-Spiel, die provokative Missachtung und die Unterbrechung – nutzen können.

Auch Affen hänseln spielerisch

Als erstes suchten die Forscher nach Beispielen für das Angebot-Rückzug-Spiel. Dafür werteten sie Beobachtungen von spielenden Schimpansen und Orang-Utans aus. Beide Male stellten sie fest, dass die Tiere ihrem Gegenüber einen Ball, ein Stück Brot oder ein Körperteil zeigten und es daraufhin zurückzogen – auf spielerische Weise. „Ein Experiment mit Bonobos testete, ob die Tiere einen Stock holen und dann dem menschlichen Versuchsleiter helfend übergeben würden“, sagt Eckert. Das Ergebnis: Die Bonobos holten zwar den Stock, aber behielten ihn ganz unbefangen für sich.

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Ebenso fand das Forscherteam heraus, dass junge Affen ihre älteren Artgenossen bewusst stören. Biologen beobachteten zum Beispiel einen Schimpansenjungen im Twycross Zoo in Leicester, der seine Mutter und seine ältere Schwester – die sich friedlich ausruhten oder pflegten – wiederholt belästigte: Das Jungtiere sprang auf sie, biss, zog an ihren Haaren, schlug sie oder baumelte über ihnen, um sie mit ihren Füßen zu treten.

„Dieses Verhalten wurde ausnahmslos toleriert – die Erwachsenen begannen entweder mitzuspielen oder die Hand auszustrecken und das Affenkind hin und her zu schubsen, während es baumelte“, berichtet das Team. Die Forscher sammelten noch einige weitere Aufzeichnungen über ein solches Verhalten.

Ist es absichtliche Provokation?

Schwieriger war es, herauszufinden, ob Menschenaffen auch bewusst Provokationen ausüben. Denn ob beispielsweise ein Affe, der sich weigert einen Gegenstand zurückzugeben, seinen Gegenüber damit spielerisch provozieren möchte, ist kaum zu beweisen. „Es ist ebenso möglich, dass der Affe den Befehl ‚zurückgeben‘ nicht versteht und deshalb derart reagiert“, so Eckert. Oder der Affe kennt den Befehl, verfolgt aber unabhängig von der Reaktion des Versuchsleiters seinen eigenen Willen und behält den Gegenstand.

Ein Beispiel für mögliches, provokatives Verhalten scheint der in Gebärdensprache ausgebildete Westliche Flachlandgorilla Koko zu sein, so die Forscher. Dieser „gab regelmäßig falsche oder gar keine Antworten auf Fragen, von denen die Betreuer wussten, dass er die richtige Antwort kannte“, erklärte Eckert. „So antwortete Koko zum Beispiel auf die Frage ‚Was benutzt Penny, um die Zähne zu putzen?‘, indem sie auf das Wort `Fuß‘ deutete.“ Später hob sie den Fuß an die Nase und zeigte ein grinsendes Gesicht.

Allerdings ist auch hierbei unklar, ob Menschenaffen tatsächlich Formen der Provokationen nutzen, die denen der menschlichen Säuglinge ähnlich sind. „Die ersten Hinweise müssen durch experimentelle Forschung bestätigt werden“, betont die Expertin. Dennoch deuten alle Untersuchungen an, dass Affen wie die menschlichen Kleinkinder ähnliche Formen der bewussten, spielerischen Neckerei zeigen.

Necken als Teil der Kommunikation

Haben Menschenaffen also ein Verständnis für die Erwartungen anderer und spielen aus Spaß mit diesen Erwartungen? Alle Arten der Menschenaffen kommunizieren ganz bewusst – zum Beispiel beim Essen oder der gegenseitigen Pflege – mit ihren Artgenossen und versetzen sich dabei auch in die Perspektive der anderen, so die Forscher. „Hänseleien wie das Angebot-Rückzug-Spiel könnten ein Hinweis darauf sein, dass Affen nicht nur ein tiefes Verständnis für die Überzeugungen anderer haben, sondern dass sie sogar aktiv falsche Erwartungen schaffen können“, ergänzt Eckert.

Das wirft jedoch die Frage auf, welchen Überlebensvorteil das spielerische Necken hat. „Eine mögliche Erklärung ist, dass spielerische Neckereien einen sicheren Bereich bilden, in dem soziale Regeln und Grenzen erforscht werden können“, mutmaßen die Wissenschaftler. So erklären sich Biologen auch die spielerischen Kämpfe von Affen. „Eine andere Möglichkeit ist, dass das Neckverhalten einen positiven, emotionalen Zustand hervorruft und das vielleicht auch beim Empfänger.“

Soziale Bindung durch Hänseleien

Das Forscherteam interpretiert ihre Beobachtungen als Versuch der Jungtiere, eine soziale Interaktion zu initiieren. Die soziale Bindung, die dabei zwischen den Beteiligten entsteht – und die für das Überleben von Primaten sehr entscheidend ist – könnte die Hänseleien erklären.

Obwohl die Forschungsansätze noch keine ausreichenden Erklärungen liefern, geben sie einen ersten Hinweis auf die Evolution von Humor: Belustigungen wie die Hänseleien sind selbst beim Menschen von der symbolischen Sprache unabhängig. Deswegen sei es möglich, dass Necken in der Evolution der Primaten schon früh entstand, sagen die Wissenschaftler. Die Wurzeln könnten zum Beispiel im spielerischen Kämpfen liegen. Weitere Untersuchungen von Hänseleien könnten womöglich die Entwicklung dieser komplexen sozio-kognitiven Verhaltensweisen auch bei anderen Tierarten beweisen. (Biology Letters, 2020; doi: 10.1098/rsbl.2020.0370)

Quelle: Royal Society

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