Gezielte Selbstmedikation hilft gegen Pilzinfektionen Auch Ameisen schlucken Medikamente - scinexx | Das Wissensmagazin
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Gezielte Selbstmedikation hilft gegen Pilzinfektionen

Auch Ameisen schlucken Medikamente

Ameisen können von Blattläusen außer Nahrung möglicherweise auch Medizin gegen Pilzinfektionen gewinnen. © FreeImages.com / gzed

Medizin für den Insektenstaat: Ameisen können sich selbst gegen Pilzinfektionen behandeln. Sie fressen dann gezielt Futter, das das eigentlich giftige Wasserstoffperoxid enthält – allerdings nur, wenn sie infiziert sind, wie finnische Wissenschaftler beobachtet haben. Dabei erkennen die Ameisen nicht nur, dass sie krank sind, sondern haben auch ein Gefühl für die nötige Dosis, schreiben die Forscher im Fachjournal „Evolution“.

Wenn es uns Menschen nicht gut geht, nehmen schlucken wir Tabletten oder andere Medizin. Schon die Neandertaler vor rund 50.000 Jahren kannten einige Pflanzen, die sie offenbar wegen ihrer heilenden Effekte aßen. Dies setzt eine wichtige Erkenntnis voraus: Wir nehmen unter Umständen auch unangenehmen Geschmack oder Nebeneffekte in Kauf, weil wir wissen, dass die Medikamente helfen.

Medikament mit Nebenwirkungen

Tieren trauen wir diese Erkenntnis nicht so ohne weiteres zu. Doch gerade für Insekten wie Ameisen oder Bienen wäre die passenden Medizin zur richtigen Zeit äußerst nützlich: Parasitische Pilze und Infektionskrankheiten können sich in den Staaten dieser Insekten schnell ausbreiten. Forscher um Dalial Freitak von der Universität Helsinki, sind darum der Frage nachgegangen, ob auch Ameisen sich selbst mit Medikamenten behandeln können.

Sie fütterten Gruppen von schwarzen Ameisen der Art Formica fusca entweder mit verdünntem Honig oder mit einer Honiglösung, die außerdem Wasserstoffperoxid enthielt. Dieses Oxidationsmittel ist für die Ameisen eindeutig gesundheitsschädlich: In den Gruppen, die das Peroxid erhielten, lag die Sterblichkeit viermal höher.

Selbstmedikation nach Bedarf

Dieses Bild wandelte sich jedoch, wenn die Ameisen außerdem mit dem Pilz Beauveria bassiana infiziert waren: Das Wasserstoffperoxid erwies sich durch die von ihm produzierten freien Sauerstoffradikale als wirksames Gegenmittel. In den entsprechenden Ameisengruppen starben etwa 45 Prozent der Tiere – in den Kontrollgruppen waren es dagegen 60 Prozent.

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Doch damit noch nicht genug: Die Ameisen waren offenbar auch selbst in der Lage, ihren Gesundheitszustand zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Boten die Forscher den Insekten nämlich beide Lösungen zugleich an, so fraßen die gesunden Ameisen nur die einfache Honiglösung. Mit dem Pilz infizierte Tiere dagegen nahmen auch Wasserstoffperoxid zu sich. Sie hatten dabei sogar ein Gespür für die Dosis, die sie zur Selbstmedikation aufnahmen: Von einer verdünnten Peroxid-Lösung fraßen sie mehr als von einer höher konzentrierten.

Kadaver als Medizinschrank?

„Wenn die Ameisen das Futter mit den zusätzlichen freien Radikalen fraßen, überlebten sie Infektionen deutlich besser“, fasst Studienleiter Freitak zusammen. „Darüber hinaus entscheiden sie sich für eine Diät mit zusätzlichen Radikalen, nachdem sie infiziert sind, andernfalls jedoch nicht.“ Erstautor Nick Bos von der Universität Helsinki betont: „Es ist eine erstaunliche Entdeckung, dass Ameisen eine Ahnung von ihrem Gesundheitszustand haben und die Dosierung der Medizin daran anpassen können.“

Wasserstoffperoxid steht den Ameisen dabei nicht nur im Experiment als Medizin zur Verfügung. Die Wissenschaftler nehmen an, dass wildlebende Ameisen das Oxidationsmittel aus den Kadavern von Blattläusen oder anderen Ameisen gewinnen können, um ihre Diät damit anzureichern. Unklar ist allerdings noch, wie oder woran die Ameisen überhaupt merken, dass sie krank sind. (Evolution, 2015; doi: 10.1111/evo.12752)

(Helsingin yliopisto (Universität Helsinki), 24.08.2015 – AKR)

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