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Pompeji: Erste DNA-Analyse eines Vulkanopfers

Toter Pompejaner hatte Vorfahren in Nahen Osten und litt an Knochentuberkulose

Pompeji
Dies sind die Gipsabdrücke einiger beim Vulkanausbruch in Pompeji gestorbenen Menschen. Von einem der Vulkantoten haben Forschende jetzt erstmals die DNA sequenziert. © Massimo Brucci / Getty images

Spannende Einblicke: Erstmals ist es Forschenden gelungen, die DNA eines Vulkanopfers aus Pompeji zu analysieren. Das Erbgut stammt von 35 bis 40-jährigen Mann, der 79 nach Christus von der Glutlawine des Vulkanausbruchs getötet worden war. Seine DNA verrät, dass er Vorfahren im Nahen Osten hatte, aber wahrscheinlich kein Sklave oder Einwanderer war. Außerdem litt er an Knochentuberkulose, wie die Wissenschaftler im Fachmagazin „Scientific Reports“ berichten.

Der Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 nach Christus begrub die römischen Städte Pompeji und Herculaneum unter Asche und Lava – und konservierte sie damit wie in einer Zeitkapsel. Neben Gebäuden und zahlreichen Relikten römischen Alltagslebens blieben auch die von Asche eingeschlossenen Überreste vieler Stadtbewohner erhalten. Sie sind so gut konserviert, dass bei einigen sogar Gewebereste und Gehirnzellen nachweisbar sind.

Casa del Fabbro
Von diesen beiden Toten im Raum 9 der Casa del Fabbro wurden die DNA-Proben entnommen. © Notizie degli Scavi di Antichità, 1934, p. 286, fig. 10

DNA-Proben von zwei antiken Vulkanopfern

Jetzt ist es Archäologen erstmals gelungen, die DNA eines Vulkanopfers aus Pompeji zu analysieren. Für ihre Studie entnahmen sie Knochenproben von zwei Toten, die in Raum 9 der Casa del Fabbro – dem Haus des Handwerkers, gefunden wurden. „Diese Toten lehnten beide auf den Überresten eines Triclinium – einer niedrigen Couch – in der Ecke des wahrscheinlich damals als Esszimmer genutzten Raumes“, berichten Gabriele Scorrano von der Universität Rom und seine Kollegen.

Die Position der beiden Toten spricht dafür, dass sie von der schnell heranrasenden glühenden Aschenwolke des Ausbruchs überrascht wurden und sofort starben. Eines der beiden Opfer war männlich, 1,64 Meter groß und rund 35 bis 40 Jahre alt. Seine Begleiterin war eine über 50-jährige Frau von 1,53 Meter Größe. Bei der Analyse der Gewebeproben zeigte sich, dass die DNA der Frau zu stark degradiert war, um Erbinformationen zu sequenzieren. Beim Mann hingegen gelang die Sequenzierung der mitochondrialen und der Kern-DNA.

Der Tote hatte Wurzeln im Nahen Osten und auf Sardinien

Die DNA-Analyse enthüllte: Der Mann trug Gensequenzen in der DNA seiner Mitochondrien- und Y-Chromosomen, die sich deutlich von den bisher bekannten aus dem römischen Italien unterscheiden. Vergleichsdaten zufolge entspricht das mitochondriale und damit über die mütterliche Linie vererbte Genom einer Haplogruppe, die nach der Eiszeit im Nahen Osten, Südeuropa und dem Balkan häufig war. Heute ist sie vor allem auf Sardinien noch häufig.

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Das Y-Chromosom des Toten, das seine Abstammung über die männliche Linie repräsentiert, war im römischen Italien ebenfalls eher selten. „Die Linie findet sich vor allem in Ostafrika mit 40 Prozent Anteil, aber in geringerer Häufigkeit auch im Nahen Osten und den Mittelmeerinseln Sardinien, Zypern und Lesbos“, berichten Scorrano und sein Team. „Das lässt uns vermuten, dass seine Wurzeln genetische Anteile aus dem Nahen Osten hatten.“

Kein Einwanderer und auch kein Sklave

Der Tote von Pompeji hatte demnach Vorfahren aus dem Nahen Osten oder von Sardinien, war aber selbst wahrscheinlich kein Einwanderer – und auch kein Sklave. Während es für wohlhabende Personen zu römischer Zeit gängige Praxis war, Menschen aus anderen, von Rom eroberten Gebieten als Hausdiener und Sklaven zu kaufen, war der Tote aus Pompeji wohl keiner davon. „Er war wahrscheinlich nicht Teil der großen externen Migration, die mit der Sklaverei verknüpft waren“, erklären die Forschenden.

Stattdessen wurde der Mann wohl in Italien geboren, denn Teile seines Genoms zeigen auch Übereinstimmungen mit der damaligen mittelitalienischen Bevölkerung. „Ob dieses Individuum zur lokalen Bevölkerung von Pompeji gehörte oder ob er zu den fünf Prozent der Einwohner gehörte, die aus anderen Teilen Italiens eingewandert waren, ist aber schwer zu sagen“, schreiben Scorrano und seine Kollegen.

Die Unterschiede in der DNA des Pompejaners zu anderen Genomen aus dem römischen Italien legen zudem nahe, dass die Bevölkerung damals von ihrer Genetik und Abstammung her sehr uneinheitlich war. Das passt den Forschenden zufolge gut zu archäologischen Funden und historischen Überlieferungen, die von vielen Kontakten, Migrationen und Interaktionen der verschiedenen antiken Populationen im Mittelmeerraum zeugen.

An Knochentuberkulose erkrankt

Interessant auch: Der Tote aus dem Haus des Handwerkers könnte an einer damals weit verbreiteten Infektionskrankheit gelitten haben: der Knochentuberkulose. „Es ist schon länger bekannt, dass die Tuberkulose im römischen Reich endemisch war“, erklären Scorrano und sein Team. Verformungen der Rückenwirbel , aber auch DNA-Spuren des Erregers Mycobacterium tuberculosis im Erbgut des toten Mannes sprechen dafür, dass auch er an dieser Krankheit litt.

„Zusammengenommen bestätigt und demonstriert unsere Studie, dass es möglich ist, die menschlichen Überreste dieser einzigartigen Fundstätte mit paläogenetischen Methoden zu untersuchen“, konstatieren die Wissenschaftler. „Unsere ersten Funde liefern nun die Basis für eine intensive Analyse noch weiterer gut erhaltener Individuen aus Pompeji.“ (Scientific Reports, 2022; doi: 10.1038/s41598-022-10899-1)

Quelle: Scientific Reports

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